Der kleine Schlaf zwischendurch

Mittags in ein paar Vorlesungen reinschauen, nachts bis in die Puppen feiern und danach zum frühabendlichen Katerfrühstück aus dem Scheinkoma erwachen – dieses alte Klischeebild über Studierende ist so verbreitet wie weltfremd. In Wirklichkeit sind die Hochschulen überlastet, genauso wie Dozent*innen und Studenten*innen. Dadurch bleibt Stress nicht fern. Ein kleines Schläfchen kann da schon Erleichterung verschaffen. Was früher mit einem einfachen „Nickerchen“ gemeint war, wird heute neumodisch mit dem Begriff „Powernapping“ bezeichnet.

Powernapping: Das ist der Trend, den die Ratgeberliteratur für gestresste Managerinnen und Bürohengste erdacht hat. Seit kurzem gehören auch Studierende zur Zielgruppe. Das zeigt: Wer eine 50-Stunden-Woche durchstehen muss, denkt eher über Selbstoptimierungsstrategien nach. (Foto: Pink Sherbet/flickr.com, CC BY 2.0)

Wie belastend das Leben am Campus sein kann, mag gar nicht so ins Auge springen, wenn man sich nicht selbst unter den betroffenen Studierenden befindet. Die Unis sind zu schlecht ausgestattet, um mit der zunehmenden Anzahl an Studierenden klarzukommen, gleichzeitig nimmt der Prüfungsdruck zu – eine ungünstige Kombination. Wer auf BAföG angewiesen ist, hat sein Studium trotz miserabler Bedingungen in der Regelstudienzeit zu absolvieren. Wer keine oder zu wenig finanzielle Förderung bekommt, muss jobben – häufig auch nachts.

Irgendwie klarkommen

Wie kann man klarkommen, wenn nicht nur Pflichtveranstaltungen an der Uni zeitlich untergebracht werden müssen, sondern auch das Kellnern oder Kartenabreißen vorm Kinosaal in den Zeitplan passen muss? Stress und Schlafmangel sind für die meisten Student*innen Alltag. Auch die Hochschulen sind sich dieser Probleme bewusst. Gleichzeitig suchen viele Studierende nach Techniken, um mit der Situation besser umgehen zu können. Eine naheliegende, wenn auch vorerst banal klingende Möglichkeit ist das Powernapping. Aus dem Süden ist die Tradition der „Siesta“ zu uns herübergeschwappt und zu einem Trend geworden. Wie angeblich Albert Einstein und Salvador Dali schon wussten, kann ein kurzes Schläfchen in der zweiten Tageshälfte Wunder bewirken.

Allheilmittel Powernap?

Sollten Studenten*innen also ganz einfach versuchen, das so genannte „Kantinentief“, eine plötzliche Müdigkeit nach dem Mittagessen, zu ihren Gunsten zu nutzen und einen kleinen Powernap einlegen? Medizinisch ist die positive Wirkung des Kurzschlafes zumindest schon belegt. Wissenschaftler*innen aus Boston und Athen haben im Jahr 2007 eine Studie durchgeführt und festgestellt: „Wer regelmäßig Mittagsschlaf hält, hat ein deutlich geringeres Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben.“ Es kann demnach sogar von Vorteil sein, das kleine Nickerchen unterwegs einschieben zu müssen, denn die Schlafdauer darf optimalerweise nicht mehr als 20 bis 30 Minuten betragen. Überschreitet man nämlich diese Zeit, ist es wahrscheinlich, dass der Körper von der Kurzschlafphase, die beim Powernapping angestrebt wird, in die Tiefschlafphase eindringt und man sich nach dem Aufwachen gereizt und verwirrt fühlt. Im schlimmsten Fall fühlt man sich sogar noch schlapper und müder als zuvor. Hält man sich an diese Vorgaben, sollte man sich nach dem „Nap“ wieder leistungsfähiger und entspannter fühlen. Außerdem soll sich das eigene Konzentrationsvermögen regenerieren und die Reaktionszeit erheblich reduzieren. Der Körper wird quasi einmal heruntergefahren und wieder neugestartet. Kann man Powernapping also uneingeschränkt befürworten? Denn wer solche Selbstoptimierungsstrategien verinnerlicht, könnte beginnen zu glauben, dass er im Alltag vor allem funktionieren muss – egal, wie hoch das Pensum im Einzelfall ist.

Kaffee ist erlaubt

Rein praktisch gesehen wird es schwer sein, auf Knopfdruck zu entspannen und einzuschlafen, aber man kann es erlernen. Fühlt man sich von Geräuschen gestört oder findet bei absoluter Ruhe nicht in den Schlaf, gibt es die Empfehlung, über Kopfhörer klassische Musik oder Entspannungsklänge zu hören. Studenten*innen, die unmittelbar vor der Auszeit auf ihren Kaffee nicht verzichten wollen, sollten wissen, dass sie es auch nicht müssen. Koffein wirkt erst nach 20 bis 30 Minuten im Körper, also im Idealfall erst nach dem kurzen Powernap. Stellt man es geschickt an, kann der Körper so von dem erholsamen Kurzschlaf und dem Koffein profitieren. Ist Powernapping nur eine weitere Form, um fit für noch mehr Stunden Selbstausbeutung zu sein? In dem Großteil des Tages, den wir wach verbringen, leben wir in einer Scheindemokratie. Der Arbeitskontext zwingt die Menschen, sich selbst zu optimieren und mehr Verantwortung auf sich zu nehmen. Schwächen werden nicht geduldet. Ist es also auch ein Schwäche, mit mehr Schlaf zu benötigen oder alternativ eben das Arbeitspensum nicht komplett erledigen zu können? Fest steht: Schlafen kann helfen. Ein kurzer Nap zwischendurch kann ausreichende und auch längere Ruhe- phasen nicht ersetzen.