Mercator-Prof Huber: Die Toleranz der Intoleranz

Jede*r hat sein/ihr Kreuz zu tragen: Wolfgang Huber im interreligiösen Wettbewerb. Foto: Haaf

Der ehemalige evangelische Bischof Wolfgang Huber ist neuer Mercator-Professor der Universität Duisburg-Essen (UDE). Von dem Mitglied des Nationalen Ethikrates sind zwar mehr als bloße Predigten zu erwarten. Seine Positionen in interreligiösen Fragen erscheinen allerdings zum Teil doppelmoralisch und knüpfen an eine antimuslimische Tradition in der Besetzung der Mercator-Professur an.

Die Mercator-Professur wird einem verbreiteten Missverständniss entgegen nicht von der Mercatorstiftung vergeben, sondern durch das Rektorat der UDE. Es handelt sich auch nicht um eine Gastprofessur mit eigenen Lehrveranstaltungen, sondern vor allem um einen Ehrentitel – lediglich zwei öffentliche Vorträge haben die Preisträger*innen zu halten.

„Weltoffenheit und debattenanregende Beiträge in der Auseinandersetzung mit wichtigen Zeitfragen“, so Rektor Ulrich Radtke, machen die Grundidee der Mercator-Professur aus. In der Vergangenheit sah man diese allerdings oft durch Freund*innen grober Vereinfachungen wie Peter Scholl-Latour, Necla Kelek oder Alice Schwarzer verkörpert.

Wolfgang Huber hingegen ist ein Mann der gemäßigten Lautstärke. Die institutionelle Form der Predigt scheint dem 70-jährigen zur zweiten Haut geworden, nicht ohne dabei den Anschluss an akademische Diskurse zu verlieren. Bis 2009 war der Theologieprofessor Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler wäre das ehemalige SPD-Mitglied sogar beinahe Bundespräsident geworden.

Mission: Freiheit

Wolfgang Hubers ethische und politische Positionen kreisen um den Begriff der Freiheit. Wie ein Unternehmensberater sprach er als Bischof über Reformen in der Evangelischen Kirche. Mit Schlagworten wie „Kirche der Freiheit“, „Ökumene der Profile“, oder „Kompetenzzentrum für Predigtkultur und Gottesdienstqualität“ versuchte Huber, die EKD fit für den interreligiösen Wettbewerb zu machen.

Seine kirchenpolitischen Ziele wirkten dabei bisweilen überambitioniert, wenn er etwa in einem Cicero-Interview 2008 ankündigte, innerhalb absehbarer Zeit die Zahl der Kirchenbesuche zu verdoppeln. So sehr der pragmatische Missionsgedanke im Zentrum seiner Arbeit als Ratsvorsitzender stand, so grotesk wirkt seine Einschätzung missionarischer Arbeit anderer Religionen: „Ein Islam, der im Grunde mit dem Anspruch ausgestattet ist, eines Tages diese Gesellschaft zu übernehmen, ist nicht der richtige Partner für eine gemeinsame Entwicklung“, sagte er 2004 dem Focus. Während Huber also selbst ambitioniert missioniert, verklärt er das vermeintlich islamische Äquivalent zur Verschwörung gegen die Gesellschaft.

Zweierlei Maß

Auch in der jüngeren Vergangenheit hat Huber deutlich gemacht, dass er den Islam keinesfalls als gleichwertige Religionsgemeinschaft ansieht, sondern eine Anpassung an christlich-europäische Standards fordert. „Der Islam gehört in dem Maße zu Europa, wie er europäische Werte in sich aufnimmt“, sagte er diesen August im Bild-Interview.

Obwohl Huber nicht nur gegenüber dem Islam einen selbstkritischen Umgang mit aggressiven und fundamentalistischen Strömungen angemahnt hatte, trat er als Förderer radikalkonservativer evangelikaler Kreise in der EKD auf. So unterstützte er 2009 die Missionsveranstaltung „Pro Christ“ und verteidigte evangelikale Christ*innen immer wieder gegen Kritik.

Huber hatte sich in der Vergangenheit wiederholt gegen „Kuscheldialoge“, „Interreligiöse Schummelei“ und eine „idealisierende Multi-Kulti-Stimmung“ ausgesprochen. Während er im Dialog mit dem Islam vor falscher Toleranz warnte, stellte er sich 2009 im Interview mit dem evangelischen Magazin Zeitzeichen demonstrativ hinter evangelikale Homo-Heiler, deren Meinungsfreiheit er gefährdet sah. „Fragen wie diejenige nach der Veränderbarkeit der homosexuellen Orientierung dürfen nicht in einem Land verboten sein, in dem Meinungsfreiheit herrscht“, so Huber. Derartigen Ausflügen in die populistische Rhetorik gegenüber lassen die Themen von Wolfgang Hubers Mercator-Vorträgen eher sachliche Argumente erwarten. Sein erster Vortrag am 29. November im Duisburger Audimax behandelt das Thema „Generationengerechtigkeit. Über die Pflichten gegenüber kommenden Generationen“. Am 16. Januar im Essener Audimax widmet Huber sich der „Energiewende – eine ethische Herausforderung“.