Nachwehen der Revolution

Uraufführung einer Auseinandersetzung: Der alte Feind ist die Diktatur, der neue Feind eine Chimäre, die mit Gewalt zuschlägt. Im aktuellen medialen Diskurs wird Tunesien als ein Land in der Warteschleife beschrieben. Wie der Alltag dort nach der Revolution aussieht, zeigt „Sabra“, ein bilderstarkes Musiktheaterstück von der jungen tunesischen Regisseurin Meriam Bousselmi. Das Stück wird am 8. November am Theater an der Ruhr in Mülheim zum ersten Mal gezeigt. Es ist das Ergebnis einer Kooperation der Association Haraka, Tunis, mit den „Klanglandschaften Afrika – Orient“ des Theaters an der Ruhr, dem WDR 3 und dem NRW Kultursekretariat.

Nasreddine Chebli und das Ensemble Tatbîl unterstützen die Regisseurin Bousselmi bei ihrem Stück „Sabra“ (Foto: theater-an-der-ruhr-de)

Nasreddine Chebli und das Ensemble Tatbîl unterstützen die Regisseurin Bousselmi bei ihrem Stück „Sabra“ (Foto: theater-an-der-ruhr-de)

In „Sabra“ zeichnet die tunesische Theatermacherin anhand aktueller Ereignisse die bedeutendsten gegenwärtigen Konfliktlinien nach. So etwa, als eine Studentin versuchte, einen Salafisten daran zu hindern, auf dem Dach der Universität in Tunis die Nationalflagge durch eine islamistische zu ersetzen. Mit „Sabra“ will Bousselmi die Verhältnisse nicht nur sichtbar machen. Ihr Stück soll auch ein Dialogangebot sein.

Die Revolution ist vorbei, die Umbrüche nicht. Die großen Hoffnungen, die viele Menschen an den Sturz des Alleinherrschers Ben-Ali geknüpft hatten, wurden bisher nicht eingelöst. Die umstrittene islamistische En-Nahda Partei hat die Neuwahlen gewonnen. An ihr entzünden sich zahlreiche gesellschaftliche Debatten. Vor allem Strömungen liberaler und konservativer islamischer Kräfte kämpfen um Einflussmöglichkeiten. Manche Vorstellungen scheinen dabei nur schwer miteinander vereinbar zu sein. Das hat auch Auswirkungen auf die Situation von Künstler*innen vor Ort. Diese ringen regelmäßig mit religiösen Akteur*innen um Freiheiten, Grenzen und Pfründe.

Support statt Selbstzensur

Angesichts der schwierigen und unsicheren Situation in Tunesien sind Kooperationen und Subventionen jenseits der Landesgrenzen umso wichtiger für die künstlerische Arbeit in dem nordafrikanischen Land geworden. „Weil es für viele Künstler – auch ökonomisch – so schwierig geworden ist, dort frei zu arbeiten, lag uns viel daran, diese Zusammenarbeit zu ermöglichen“, so der Verwaltungsleiter des Theaters an der Ruhr Rolf C. Hemke. Unter dem Titel „Theaterlandschaft Neues Arabien“ holt das Mülheimer Theater Koope- rationen afrikanischer und nahöstlicher Länder ins Ruhrgebiet.

Wenn Kunst zu kämpfen beginnt

„Selbstzensur ist unter Kunstschaffenden angesichts innergesellschaftlicher Gewalt, die beispielsweise von salafistischen Gruppen ausgeht, keine Seltenheit mehr“, sagt Hemke. „Die Regierung gibt sich zurückhaltend. Ausschreitungen und Übergriffe werden von der schwachen Regierung nicht unterbunden.“ Wie schwach diese derzeit ist, zeigt auch die Stürmung der US-Botschaft und der Amerikanischen Schule in Tunis im vergangenen Monat. Mehrere tausend Menschen attackierten am 14. September die US-Botschaft, nachdem sie gegen einen in den USA produzierten antiislamischen Film protestiert hatten. Ein Vorfall, der sich direkt neben der größten Kaserne der Gegend abspielte. Die benachbarten militärischen Kräfte griffen nicht ein, als sich der brandstiftende Mob der Botschaft näherte. Für Hemke ist dieser Vorfall daher symptomatisch für die Auswirkungen, die die aktuellen Verhältnisse auf die tunesische Gesellschaft haben. Er sagt: „Es besteht ein spürbar großes Interesse an einer Unterstützung aus dem Ausland, die unanbhängig von tunesischen Staatsorganisationen gewährt werden kann.“

Und ewig lockt das Sakrileg

Das Musiktheaterstück von Bousselmi ist eine bildkräftige Reflexion der aktuellen Ereignisse und basiert auf traditionellen tunesischen Musiken. Dass diese eigentlich einen religiösen Hintergrund haben und nun in einen weltlichen Kontext eingebettet neu aufgegriffen werden, wird von religiös konservativen Kreisen durchaus als Provokation empfunden. Denn einige von ihnen haben eine klare Vorstellung davon, wie rechtschaffendes Verhalten aussieht. Für sie kommt wegen der derzeitigen Situation in Tunesien die Vermischung religiöser und weltlicher Bereiche einer Art Sakrileg gleich. Ein Affront, der im Ruhrgebiet wohl eher ausbleiben dürfte.

Bevor sich jedoch diese Frage auch in Mülheim stellt, markieren zunächst Nasreddine Chebli und das sechsköpfige Ensemble Tatbîl am 7. November einen ersten musikalischen Haltepunkt der Reihe. Die Musiker*innen kombinieren Percussions mit tunesischer Flöte, der schalmeienartigen Zokra und Gesang. So werden sie zum menschlichen Schmelztiegel städtischer, ländlicher, religiöser und weltlicher Rhythmen. Anschließend unterstützen sie auch Bousselmis Inszenierung musikalisch, die am 8. November nicht nur Premiere feiert, sondern auch uraufgeführt wird.