Biedermeier oder Brandstifter?

Glauben Savas und Naidoo wirklich an satanistische Verschwörungen? (Foto: xavas.de)

Die Anzeige wegen Volksverhetzung, die vergangene Woche gegen Xavas, das gemeinsame Projekt von Soul-Diva Xavier Naidoo und Rapper Kool Savas erstattet worden war, scheint gescheitert. Der Jugendverband Solid und die Landesarbeitsgemeinschaft Queer der Partei Die Linke hatten die Musiker gleich bei drei Staatsanwaltschaften angezeigt.

Bereits am Donnerstag erklärte die Mannheimer Staatsanwaltschaft, dass „eine Aufforderung, dass Dritte sich ebenso verhalten sollen“, in dem Liedtext nicht enthalten sei. Ermittelt wird in Mannheim also nicht. Josi Michalke, Bundessprecherin von Solid, macht sich keine großen Hoffnungen, dass in Berlin oder Hannover anders entschieden wird. Als Misserfolg will sie die Anzeige allerdings nicht werten: „Eine Verurteilung war nicht unser eigentliches Ziel, sondern eine Distanzierung der Beiden vom homophoben Inhalt des Songs.“

Schmuse-Sänger will Satanisten vergewaltigen

Naidoo, von dem man seichtere Töne gewohnt ist, droht im Hidden-Track des Albums mit Vergewaltigung und Verstümmelung. Ziel seiner Gewaltphantasien ist ein angeblicher satanistischer Geheimbund, der Ritualmorde an Kindern und Säuglingen begehe. In einem Dokumentarfilm sei er darauf aufmerksam geworden und habe nun versucht, seine Wut in Worte zu fassen. Anscheinend ist er hierbei nicht zum ersten Mal einer Verschwörungstheorie auf den Leim gegangen. Bereits im März hatte er die Bundesrepublik im ZDF-Morgenmagazin als ein „besetztes Land“ bezeichnet. Hintergrund ist das Konzept der BRD-GmbH – eine nationalistische Theorie, die behauptet, dass das Deutsche Reich noch immer bestehe, da das Grundgesetz als Betrug der Alliierten begriffen wird.

Auch wenn Savas einst mit brutalen Texten bekannt geworden ist, sind beide heute etablierte Künstler. „Sie stellen sich als Biedermänner dar und engagieren sich in Projekten für Toleranz“, so die Solid-Sprecherin Michalke. Mit Homophobie und Verschwörungstheorien passe dies nicht zusammen. In der Berliner Geschäftsstelle der Linksjugend ist seitdem Einiges los. Zahlreiche Briefe und Mails zum Thema seien in der vergangenen Woche eingegangen. Inhalt fast immer: Beleidigungen und Drohungen. Aber nicht bloß Rapfans hätten geschrieben, sondern auch sehr viele Anhänger*innen der Verschwörungstheorien, die in dem Song verbreitet werden, so Michalke. Am Freitag seien Xavas dann sogar persönlich zu Besuch gewesen um einen Gesprächstermin mit dem Vorstand der Linksjugend zu vereinbaren. Solid will nun die Musiker dazu bewegen, den Song von kommenden Auflagen des Albums zu entfernen.

Halbherzige Distanzierung

Mit einem öffentlichen Statement auf der Xavas-Website wollen diese hingegen „alle Bedenken und Fehlinterpretationen“ ausräumen. Bereits im ersten Satz bekunden sie „Sympathie und Respekt gegenüber allen Schwulen und Lesben weltweit“. Naidoo betont außerdem, dass er die vermeintlichen Täter nicht für schwul oder pädophil halte. Wie seine Zeile „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?“ sonst gemeint ist, bleibt dann allerdings ein Rätsel. Zu seinem Ruf nach „Führern“ und „starken Männern“ steht er genauso wie zu den Theorien über satanistische Geheimbünde.

Der Soziologe Martin Seeliger forscht am Max-Planck-Institut in Köln. Demnächst erscheint sein Buch „Deutscher Gangstarap zwischen Affirmation und Empowerment“. Eine besondere Verbreitung von Verschwörungstheorien in der Rapszene kann Seeliger nicht feststellen. „Es gibt das immer mal wieder, dass Rapper anfangen, von Illuminaten oder sowas zu reden. Aber da weiß man nie so genau, ob das jetzt Promo ist oder nicht. Im Gangstarap kann man teilweise schon entsprechende Äußerungen finden, vor allem wenn es politischer wird.“ Als Beispiel nennt er Nate 57.

Auch Aggressionen gegenüber vermeintlichen Pädophilen sind für Seeliger keine gängige Metapher. „Frauen- und Männerrollen im Rap deuten aber darauf hin, dass entsprechende Einstellungsmuster zu Kindesmissbrauch denkbar wären.“ Die Frankfurter Rapperin Schwesta Ewa zum Beispiel habe vergangene Woche ein Video auf Facebook gepostet, in dem eine Babysitterin ein Kleinkind sadistisch quält. Über 2.200 Fans hätten daraufhin das Video kommentiert, die deutliche Mehrzahl der Kommentare bestand hierbei aus Gewaltphantasien, die mit denen im Xavas Song vergleichbar seien.