Gegen Frieren in Calais und Sterben im Mittelmeer

Das Ziel vieler Menschen auf der Flucht: Die Fähre von Calais nach Dover. Foto: Keith Laverack/flickr.com (BY-ND 2.0)

Es ist ein Ort, an dem der Mythos eines zivilen Europas an seine Grenzen stößt: Zäune und tastsensible Drähte sperren das Areal ab. Wärmebildkameras und CO2-Detektoren sollen Leute aufspüren, die sich in Lastwagen verstecken. Wer nicht europäisch genug aussieht, muss mit ständigen Kontrollen und Polizeiübergriffen rechnen. In der nordfranzösischen Hafenstadt Calais leben hunderte Flüchtlinge in miserablen Zuständen. Mitten im Ruhrgebiet veranstaltet eine Initiative jetzt ein Festival, um mit den Einnahmen die Menschen aktiv zu unterstützen, die auf ihrer Odyssee durch Europa in Calais gelandet sind. 

Christian Denkhaus studiert an der Uni Duisburg-Essen Medizinische Biologie. In seiner Freizeit hat er gerade alle Hände voll zu tun. Denn am Samstag wird sie stattfinden, die „Party ohne Grenzen“. Das ist der offizielle Name des eintägigen Festivals, für das die Gruppe Grenzfrei Witten immerhin sieben Music-Acts klar gemacht hat.

Hip Hop, Ska, Reggae, Punk – und Würstchen: Ein Festival gegen die rassisti- sche EU-Grenzpolitik sammelt Geld für konkrete Hilfe. (Foto: Nele Posthausen)

Christian ist nur einer von mehr als zehn Aktivist*innen, die mithelfen – und das schon zum zweiten Mal. Bei der ersten Auflage des Festivals vor einem halben Jahr hat die Gruppe immerhin 1.200 Euro eingenommen. Für das Geld wurden Dinge gekauft, welche die Geflüchteten in Calais dringend benötigen: Decken, Schlafsäcke, Zelte, Verbandszeug, Fahrräder und so weiter.

Denn die Situation in der französischen Hafenstadt ist mehr als prekär. Aktuell halten sich dort einige hundert „Sans Papiers“ auf, also Menschen ohne gültigen Pass. Sie versuchen nach England zu kommen, wo sie auf bessere Lebensbedingungen hoffen. Sowohl von der britischen als auch von der französischen Regierung werden sie kriminalisiert, legales Reisen ist ihnen unmöglich. Daher versuchen sie, versteckt in Lastwagen auf die Fähre zu gelangen – und manchmal sogar, sich von außen an die Züge zu klammern, die durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal hindurch fahren. Die meisten von ihnen werden von der Polizei entdeckt. Deshalb halten sich viele monatelang in Calais auf.

Dort leben sie unter härtesten Bedingungen und lassen sich immer wieder auf das riskante Unterfangen ein, den Kanal überqueren zu wollen. Eine offizielle Unterkunft für Menschen auf der Flucht gibt es in Calais bereits seit dem Jahr 2002 nicht mehr. Damals ließ der amtierende Innenminister Nicolas Sarkozy das Auffanglager des Roten Kreuzes im Vorort Sangatte schließen. Den Menschen die Unterkunft zu entziehen sei notwendig, um das „Migrantenproblem“ zu lösen, erklärte Sarkozy – eine Form von Regierungs-Zynismus, mit der die Geflüchteten bis heute konfrontiert sind.

Mehr Infos über die Situation in Calais: Broschüre „Trying for England“, pdf- Download und Print-Bestellung unter calaismigrantsolidarity.blogsport.de

Aktuell leben die Flüchtlinge in Calais in halb abgerissenen, sonst leerstehenden Häusern, in Hinter- höfen und in provisorischen Dörfern aus Paletten und Plastikplanen. „Die Geflüchteten sind extremer Repression sowie dem Rassismus der Polizei und der Behörden ausgesetzt“, sagt Christian Denkhaus. Die Polizei versuche, die Migrant*innen möglichst oft zu verhaften, zerstöre ihre Zelte, Schlafsäcke und ihren persönlichen Besitz. Gewalttätige Polizeibergriffe sind an der Tagesordnung, berichten auch Betroffene.

„Nach unserem Festival müssen wir uns beeilen, denn der Winter ist praktisch da“, so Christian Denkhaus weiter. „Jetzt wird in Calais alles benötigt, was irgendwie gegen die Kälte hilft.“ Die Jahreszeit birgt zusätzliche Härten für die Menschen, die zum Teil schon Jahre auf der Flucht quer durch Europa sind.

Vergangene Woche hat das in Amsterdam ansässige Netzwerk Migreurop seinen neuen Migrationsatlas vorgelegt, der die Asylpolitik der EU und die Wege von Menschen auf der Flucht dokumentiert. Viele flüchtende Menschen brauchen demnach bereits Monate, um sich bis an die EU-Außengrenzen durchzuschlagen. Die Odyssee ohne Papiere setzt sich durch Europa fort: Auf der Flucht vor Abschiebungen, Polizeigewalt und Behördenwillkür wechseln sich Aufenthalte in Flüchtlingsunterkünften verschiedener Länder mit Rückschiebungen in das EU-Land ab, in dem sie das erste Mal registriert worden sind. Flüchtlinge mit dem Ziel Großbritannien landen häufig in Calais. Manche von ihnen haben persönliche Kontakte in Großbritannien. Andere nennen die englische Sprache als Grund, und einige sehen in Großbritannien nach den Erfahrungen in Kontinentaleuropa ihre letzte Chance auf ein menschenwürdiges Leben.

Christian Denkhaus war bereits zwei Mal in Calais, um sich mit den Flüchtlingen auszutauschen und sie vor Ort zu unterstützen. „Aus solchen Erfahrungen ist auch die Idee für das Festival entstanden.“ Ein Ziel der Grenzfrei-Aktivist*innen ist es, mit ihren Aktionen die konkreten Lebensbedingungen der Geflüchteten zu verbessern. Das ist jedoch längst nicht alles. „Calais ist einer der Orte, an dem das Grenzregime der Festung Europa besonders sichtbar wird“, sagt Christian Denkhaus. Vor kurzem etwa protestierte die Gruppe mit einer Kundgebung in der Wittener Innenstadt gegen die Abschottung der EU. Das Anliegen: An die Menschen zu erinnern, die an den EU-Außengrenzen sterben.

Migreurop hat alleine vom ersten Januar bis zum 25. Oktober dieses Jahres 722 Opfer gezählt, die beim Versuch gestorben sind, nach Europa einzureisen. Im Jahr 2011 seien es mindestens 2.000 Tote gewesen. In der Wittener Innenstadt erklärten die Grenzfrei-Aktivist*innen in ihrem zentralen Redebeitrag: „Schuld daran trägt die EU, die ihre Grenzen unter anderem durch die paramilitärisch agierende Frontex-Agentur schützt. Zäune und militärische Grenzanlagen werden errichtet, Flüchtlingsboote werden zum Umdrehen gezwungen, kenternden Booten und den zu Ertrinken drohenden Menschen wird die Hilfe verweigert. Die wenigen Ankömmlinge werden in Sammellagern inhaftiert und in den meisten Fällen abgeschoben“, so die Initiative. „Rassismus beginnt nicht erst da, wo Neonazis auf ihre Opfer einprügeln. (…) Rassismus beginnt für Flüchtende bereits an den europäischen Außengrenzen. Rassismus beginnt bei der menschenunwürdigen Behandlung der wenigen Geflüchteten, die es überhaupt bis nach Europa schaffen.“

Auch auf dem Festival am kommenden Samstag wird es inhaltlichen Input geben – zusätzlich zu Ska, Reggeae, Punk und Hip Hop. Im Rahmen von kurzen Vorträgen werden Aktive der Grenzfrei-Gruppe und des Flüchtlingsrats Witten über die EU-Grenzagentur Frontex, den Flüchtlingsmarsch nach Berlin und die aktuelle Situation in Calais informieren.

Party ohne Grenzen
Solikonzert zugunsten der Calais Migrant Solidarity

Mit:
Mondo Mashup Soundsystem (Ska, Reggae & Hip Hop)
Dead Koys (Punk & Hardcore)
Nick Knatterton (Hip Hop & Reggae)
Coconut Butts (Comedy/Punk/Ska)
Friendly Fire & Akzent One (Hip Hop & Rap)
Ändi Pi (Hip Hop)
Kannibal Krach (Hardcorepunk)

+ Aftershowparty, Grillwürstchen (vegan und fleischig) und Tombola

Samstag, 17. November, ab 17 Uhr
im Treff Witten, Mannesmannstraße 6 Eintritt: 3 Euro
Mehr Infos: grenzfreiwitten.blogsport.de