Hochkultur auf Bordsteinkante

Anarchie und Chaos im Denkodrom: Ein Mitglied von Welle Wolgograd zerstört einen PC. (Foto: aGro)

Ich sitze in der Straßenbahn nach Essen-Rüttenscheid. Mein ausgemusterter Röhrenbildschirm sitzt mir gegenüber. Der Monitor muss ins EMO, ein evangelisches Jugendzentrum, in dem heute das Denkodrom stattfindet. Das Kunstfestival gibt sich den komplizierten Untertitel „Forum für transgressive Musik & Performance – interdisziplinäre Plattform für Avantgarde“. Hinter all diesen Begriffsdrachen und Wortungetümen verbirgt sich eine Gruppe von derzeit vier Personen, die das Denkodrom organisiert. Viermal jährlich findet es hier im EMO statt, darüberhinaus auf Festivals und an unterschiedlichen Orten im ganzen Ruhrgebiet.

Gestartet ist das Denkodrom 2007 als Kleinkunstfloor der Partyreihe Beatplantation, wo es zwischen Techno und Drum-and-Bass plötzlich auch experimentelle Musik und dramatische Performances zu bestaunen gab. Chill-Out-Floor für Theatergänger*innen – Theater für Chill-Out-Floor-Gänger*innen. Seit einigen Jahren hat es sich vom Mutterschiff Beatplantation abgespalten um neue Orte für sein „nomadierendes Kunstfestival“ zu entdecken.

Als ich ankomme, wird in der Veranstaltungshalle noch hektisch aufgebaut. Ansonsten sieht es tatsächlich chillig aus: Auf dem Teppichboden liegen bequeme Sitzkissen, die Bühne ist voll mit jeder Menge Instrumenten. Ich beschließe, zunächst die Band zu suchen, die meinen Bildschirm braucht. Die Post-Industrial-Gruppe nennt sich Welle Wolgograd, nach dem heutigen Namen des historischen Stalingrads. Im oberen Stockwerk erwarten sie mich biertrinkend. Schon auf den ersten Blick heben sich Welle Wolgograd vom dominierenden (post-)akademischen Künstler*innenmilieu ab. Sie sehen aus wie Rammstein und reden wie Punks.

Alles kaputtmachen!

Erst am Vorabend habe der Bandleader sich das Konzept für den Abend ausgedacht: „Wir gehen auf die Bühne und fangen dann an, Krach zu machen. Dann machen wir alles kaputt und gehen wieder.“ Industrial hat seine Wurzeln im Punk – wissen auch die Wenigsten.

Zwei Bier später steht schon der erste Programmpunkt des Abends bevor. Joscha Hendricksen, ist Anfang 30 und künstlerischer Leiter des Denkodroms. Unter seinem Künstlernamen „Hahn von Opel“ macht er heute philosophisches Kabarett. Das Konzept ist nicht einfach zu erklären, aber wenn man sich vorstellt, dass der späte Helge Schneider den frühen Reinald Grebe imitiert, ist man zumindest irgendwie nah dran. Das Denkodrom beschreibt Hendricksen als „Spielodrom für Denksüchtige“, dessen Aufgabe darin bestehe, „künst- lerisch Hochwertiges in einem ent- spannten Rahmen“ zu präsentieren. „Hochkultur auf Bordsteinkante“ nennt er das.

Porsche fahren im Ennepe-Ruhr-Kreis

Auf der Bühne klingt Hendricksens Denkodrom-Geschichte dann nochmal eine Spur bizarrer: Das Denkodrom habe bereits 1902 mit der Verwirklichung des Plans begonnen, die Kunstgeschichte mit Hilfe von zwei Analphabeten umzuschreiben. Nach ersten Erfolgen hätten einzelne sich aber zu ziellosen Porschefahrten im Ennepe-Ruhr-Kreis hinreißen lassen.

Joscha Hendricksen hat am Campus Essen Kommunikationswissenschaft studiert. Im Dezember ist er dort im Rahmen der Performance „Der Aufstand ist vorbereitet“ zu sehen. Gemeinsam mit Rosh Zeeba und Diamond Diva Dragula setzt er sich hier mit dem französischen Anarcho-Manifest „Der kommende Aufstand“ auseinander. Der Queer-Aktivist Diamond Diva Dragula wird zusammen mit der Berliner Rapperin Sookee auch Headliner des nächsten Denkodroms in der Bochumer Rotunde sein.

Performance, Noise und HipHop – eine ungewöhnliche Kombination, wie auch der nun folgende Auftritt von Welle Wolgograd, der mit düster scheppernden Beats und verstörendem Sprech-, Schrei- und Wimmergesang beginnt. Ein Bandmitglied mit Gasmaske beginnt wenig rhythmisch hierzu eine alte Kamera mit Hämmern zu zerdeppern. Später zerstört er einen PC und wirft die Einzelteile ins flüchtende Publikum. Mein Monitor bleibt dank der Sicherheitsauflagen von diesem Schicksal verschont. Erst laufen darauf Schwarzweißbilder von Kriegstoten, später rollt er über die Bühne.

Transgression

Bald darauf wird es mit atmosphärischen Sounds von Kbuz! wieder entspannter. Die nächste Band Orange Swan macht später sogar noch vergleichsweise konsumierbare instrumentale Rockmusik im Stil von Damon Albarns Projekt „The Good, the bad and the Queen“. Gegen Mitternacht spielt dann als Letztes die Freejazz-Formation Big Raushole I.

Mein Monitor liegt mittlerweile auf einem kleinen Schrotthaufen neben der Bühne. Transgression bedeutet über etwas hinausgehen. Grenzen überschreiten, Normen verletzen, mit Erwartungshaltungen brechen. Nicht alle Fremdwörter sind leere Worthülsen.