Kunst-Bierkästen statt Wohltätigkeits-PR

Kunst-Bierkästen statt Mülleimer: Ein kritischer Blick auf Pfand-Initiativen, die Sammler*innen das Auflesen von Leergut erleichtern wollen.(Foto: Kaj)

Sie ziehen mit großen Tüten in der Hand kilometerweit durch die Innenstädte. Pfandflaschensammler*innen laufen von Mülleimer zu Tonne zu Container, nur um ein paar Euro pro Tag dazu zu sammeln. Dabei greifen sie häufiger ellbogentief in die Abfalleimer, um zwischen Essensresten ein paar Flaschen abzugreifen. Diesen Zustand will die Essener Initiative „Pfandtasie“ ändern, indem sie Bierkästen in der Stadt aufhängt.

„Die Leute sollen nicht mehr in den Müll greifen müssen, das ist nicht nur unhygienisch, sondern auch gefährlich“, sagt Meike Beckers zum Hintergrund der Inititative. Seit Anfang dieses Semesters haben zwei Studierende der Universität Duisburg-Essen deshalb die Initiative „Pfandtasie“ gegründet. Diese sägt mit mittlerweile 30 Unterstützer*innen Löcher und Schlitze in Bierkästen, um sie mit Stahlseilen und Kabelbindern über den Mülltonnen aufzuhängen, damit Passant*innen Leergut dort separat hineinstellen können.

Studentische Sammelaktionen sind nichts Neues. Bereits vor zwei Jahren hatte eine Gruppe Studierender der Ruhr-Universität Bochum im Kurs „Projektmanagement“ im Bereich für Optionale Studien das Projekt „Rubbottled“ ins Leben gerufen. Auf dem Campus stellten sie separate Pfand-Tonnen auf. Der Erlös der gesammelten Pfandflaschen sollte an „Bodo e.V.“ gehen, einen seit 1995 bestehenden gemeinnützigen Verein, der ein Straßenmagazin in Bochum und Dortmund herausgibt.

„Nachdem wir das ursprüngliche Anliegen der Studierenden, nämlich Arbeitskräfte für die Aktion bereit zu stellen, nicht erfüllten, brach die Kommunikation aber allmählich ab“, sagt Bastian Pütter, Redaktionsleiter des Straßenmagazins „Bodo“. Unter dem Slogan „Dein Pfand in Bodos Hand“ sollten Obdachlose und Verkäufer*innen der Straßenzeitung die Flaschen an der Universität einsammeln und den Erlös erhalten. Der Verein und die Verkäufer*innen fanden das unattraktiv und lehnten ab. „Daraufhin wurden wir gefragt, ob wir bloß Spendennehmer sein wollten. Danach gingen aber keine Spenden auf dem Konto ein“, sagt Pütter weiter.

Schlechte Vorbilder gibt es genug

Ein schlechtes Vorbild, dem die freiwillige Essener Initiative nicht folgen möchte. Sie orientiert sich an der bundesweiten Aktion „Pfand gehört daneben“, die ebenfalls Kästen aufhängt, aus dem die Leergutsammler*innen direkt ihr Pfand herausnehmen können. Doch auch diese Aktion ist nicht durchweg unkritisch zu sehen: „Das ist eher eine minimale Hilfe, damit Leute nicht mehr im Dreck rumwühlen müssen“, so Pütter „und Bands feiern ihr kleines Engagement auf großen Plaktwänden.“ Damit spielt er auf die Beatsteaks und Sarah Kuttner an, die sich für die Aktion auf Hochglanz-Werbeplakaten präsentieren. Dazu kommt die Werbung des Sponsors Lemonaid, einer neuen Biolimonade, die dafür die Kästen bereitstellt und groß vermarktet wird. „Bei all der Werbung geht der eigentliche Skandal völlig unter. Nämlich, dass Menschen den ganzen Tag viele Kilometer gehen müssen, um wenigstens zehn Euro zu ihrem Lebensunterhalt zu sammeln“, sagt Pütter.

Armut sichtbar machen

„Wir wollen aber explizit keine Werbekiste daraus machen, so wie es ‚Pfand gehört daneben‘ tut“, kontert Tim Wübbels, Student und Begründer der Aktion. Statt eines übergreifenden Sponsors kauft die Initiative die Behälter bei Getränkemärkten oder verwendet gespendete Kästen. Um die Getränkemarken zu verdecken,wollen sie Kreative und Künstler*innen ins Boot holen. „Kreative können die Kisten bei uns im Geku-Haus an der Viehofer Straße abholen und gestalten, wie sie möchten. Daher auch der Name Pfandtasie“, so Wübbels. Auf den Kisten wird dann der Name oder das Logo der Künstler*innen stehen, zusammen mit einer kurzen Erklärung der Aktion und einem QR-Code zur Webseite. „Im Frühjahr wollen wir zunächst eine Ausstellung in der City Messe Halle Essen machen, um bekannt zu werden und den Künstlern eine Plattform zu bieten“, sagt Dirk Bussler, Inhaber des Piercingstudios im Geku-Haus und Unterstützer der Initiative.

„Mit den auffälligen Kisten wollen wir das Stadtbild verschönern und gleichzeitig auf die mit dem Pfandsammeln verbundene Armut aufmerksam machen“, fügt Sarah Malzkorn hinzu, zweite Mitbegründerin und ebenfalls Studentin. Auffällige Sammelstellen für Leergutsammler*innen, die sich sonst genötigt fühlen, immer unauffälliger zu werden. „Statt mit gebrauchten Plastiktüten stigmatisiert zu werden, verwenden sie neue Tüten, um so auszusehen, als würden sie gerade zum Einkaufen gehen, um als Problem zu verschwinden“, beschreibt Pütter.

Nicht nur diese zunehmende Unsichtbarkeit, sondern auch der Konkurrenzkampf um die Flaschen macht den Nebenerwerb der Sammler*innen für Pütter bedenklich: „Die Flaschen sind für Obdachlose zur realen Ressource geworden, Konkurrenzkämpfe inbegriffen.“ Eine Situation, die die Flaschensammler*innen zu Einzelsammler*innen macht und sie am Rande der Gesellschaft von anderen Sammelnden und an sie gerichteten Hilfen ausgrenzt.

„Wir versuchen die Leute durch den kommunikativen Verkauf des Straßenmagazins aus den Kreisläufen der Armut, Wohnungslosigkeit und Chancenlosigkeit rauszubringen, statt sie viele Kilometer ohne Verbesserung laufen zu lassen“, sagt Pütter. „Aber das kann eine studentische Initiative natürlich nicht leisten. Es ist mehr ein erster Schritt zum erleichterten Flaschensammeln, ändert aber grundsätzlich nichts an der Lage“, zieht Pütter sein Fazit.