Nach angeblichem Hackerangriff: Kurslotterie?

Große Aufregung kurz vor Semesterbeginn: Morgens um Punkt 8 Uhr, zum Beginn der Online-Anmeldephase für Veranstaltungen der Gesellschaftswissenschaften, geht nichts mehr. Für Stunden konnten die Studierenden keine Kurse belegen. Seitdem hält sich unter den Betroffenen hartnäckig das Gerücht, es habe einen Hackerangriff gegeben. Anstatt das Problem strukturell anzugehen, schlägt das Zentrum für Informations- und Mediendienste (ZIM) jetzt vor, die Plätze in den Kursen zu verlosen.

Der Zwischenfall ereignete sich bei dem direkten Anmeldeverfahren des LSF-Systems (Lehre, Studium, Forschung), bei dem die Plattform zu einer bestimmten Uhrzeit freigeschaltet wird. Das Prinzip nennen die ZIM-Mitarbeiter*innen auch „Windhundverfahren“: Wer am schnellsten ist, gewinnt. Und hier liegt scheinbar der Fehler im Konzept, denn es kommt öfter zu Systemüberlastungen, wenn tausende Studierende gleichzeitig versuchen, sich die Kursplätze zu sichern. Dabei sollen dieses Jahr Studierende auch noch zusätzlich das System „gehackt“ haben.

Verheerender Mangel an Seminarplätzen

„Das war kein Hackangriff, sondern ein Angriff auf die Infrastruktur. Dabei haben Studierende Unterstützungsprogramme verwendet, die sich dann im Sekundentakt bei den Kursen angemeldet haben. So kamen auf einen Studierenden statt zehn um die 500 Klicks. Traffic, dem das LSF nicht standgehalten hat“, sagt Rinaldi. „Wir unterstellen aber keine Boshaftigkeit. Die Studierenden haben wahrscheinlich nicht einmal gewusst, was sie taten“, so die Koordinatorin weiter. Das tatsächliche Problem ist aber wohl kein technisches, sondern schlicht, dass nicht ausreichend Seminarplätze zur Verfügung stehen. Erst diese verheerende Mangelsituation erzeugt den „Run“ auf die Plätze und die Verwendung von Unterstützungsprogrammen. „Es ist eher ein strukturelles Problem, weil der Bildungsbereich seit Jahren unterfinanziert ist“, sagt David Freydank, Hochschulpolitik-Referent der Lili.SDS im AStA. „Aber anstatt, dass die Studierenden sich gemeinsam für gute Studienbedingungen einsetzen, werden sie mit solchen Windhundverfahren gegeneinander ausgespielt“, so Freydank weiter.

Der Systemabsturz hat jetzt jedoch Folgen für die Gesellschaftswissenschaften. Das ZIM schlägt vor, die Kursplätze zukünftig nicht mehr per direktem Anmeldeverfahren, sondern per Los zu verteilen. „Grundsätzlich rät das ZIM schon seit Längerem, das Windhund- Zulassungsverfahren nicht für größere Studierendengruppen einzusetzen“, so die Stellungnahme des ZIM gegenüber der akduell- Redaktion. Das Losverfahren werde Anmeldungen erheblich entzerren und dafür sorgen, dass Schnelligkeit nicht mehr einziges Entscheidungskriterium ist.

Kursplätze per Losglück

Aber die Koordination der Fakultät Gesellschaftswissenschaften sowie die Studierenden wehren sich gegen Kursplätze per Losglück: „Als wir das Losverfahren in Aussicht stellten, bekamen wir richtige Brandmails von Studierenden“, sagt Rinaldi. Die Gründe liegen für sie auf der Hand: „Das Losverfahren kann nicht alle Prioritäten vorhersehen, die ein Studierender sich setzt. Die Folge sind Belegungen, die mit anderen Fächern, Themenwahlen oder dem Privatleben kollidieren.“

In manchen Studiengängen, wie beispielsweise der Germanistik, wurde das Losverfahren schon teilweise eingeführt und zeigt bereits die Nachteile des Verfahrens. „Ein Kommilitone konnte die Hälfte des Semesters nicht studieren, weil er beim Losverfahren keine Plätze bekommen hat. Er musste sich auf die Wartelisten der Kurse schreiben lassen“, sagt Christian Schluck, Mitglied des Fachschaftsrats für die Fachschaft 1b für Theologie, Geschichte und Philosophie. Wenn man dann auch dort keinen Platz bekommt, kann sich der Studienabschluss unfreiwillig nach hinten verschieben. „Viele Studierende melden sich also für so viele Kurse wie möglich an, um irgendwo einen Platz zu bekommen und so viel wie möglich abzustudieren“, so Schluck.

Um den Servercrash zu vermeiden, schlägt Katrin Rinaldi vor, dass es zukünftig ein Anmeldeverfahren mit gestaffelten Anmeldezeiten für die verschiedenen Semester geben soll. Das ZIM hat allerdings bereits Nägel mit Köpfen gemacht und das Zulassungsverfahren, das für den Absturz verantwortlich war, gesperrt. Damit droht nun allen das unflexible Losverfahren, mit dem niemand so richtig glücklich ist. „Jetzt heißt es verhandeln und Lösungen finden“, sagt die Lehr- und Prüfungskoordinatorin der Soziologie.