Verschwörungstheorien zum Welt-AIDS-Tag

Manchmal auch ohne Publikum, aber immer mit Verschwörungstheorien: „Die Bandbreite“ auf dem Ostermarsch 2012 in Duisburg. (Foto: rvr)

Es war ein Skandal, der jetzt womöglich seine Fortsetzung findet: Im Sommer hatten die Veranstalter*innen des Duisburger Christopher Street Days die verschwörungstheoretische Hip-Hop-Combo „Die Bandbreite“ als Hauptact eingeladen. Erst nach massiven Protesten sagte der Verein DU Gay den Auftritt ab. Nicht alle werden schlauer: Noch diesen Monat soll „Die Bandbreite“ erneut in Duisburg auftreten – ausgerechnet auf einem Benefizkonzert anlässlich des Welt-AIDS-Tages, beworben von der AIDS-Hilfe Duisburg. 

„Ich belege die Wege des Virus, nenn mich von mir aus nen Revisionist, aber ich beweis dir unzweifelhaft, dass die Geschichte von AIDS ne Lüge ist“, rappt Marcel Wojnarowicz, genannt Wojna, auf dem jüngsten „Bandbreite“-Album. Die Botschaft: Das HI-Virus sei von US-amerikanischen Geheimdiensten als Bio-Waffe entwickelt worden.

Offene Flanke nach ganz rechts

Der Song ist eine Auftragsarbeit für den umstrittenen „Förderverein Neue Wege in der HIV-Therapie“, der bis zu seiner Auflösung im April ebenfalls in Duisburg ansässig war. In den 13 Jahren seiner Existenz verbreiteten Mitglieder des Vereins nicht nur die Hypothese der künstlichen Schaffung von AIDS. Vor allem forderten sie, dass HIV-Patient*innen mit dem Aspirin-Wirkstoff ASS behandelt werden sollten. Die Pharma-Industrie verhindere jedoch aus Profitgier diese Therapie.

Verschwörungstheoretischer Gemischtwarenladen

Dass „Die Bandbreite“ sich nun dieser AIDS-Verschwörungskonstruktion angenommen hat, obwohl sie von vielen Fachleuten als kontraproduktiv und gefährlich kritisiert wird, ist wenig verwunderlich. Seit Jahren hat sich das Duo darauf spezialisiert, der verschwörungstheoretischen Szene den Soundtrack zu ihren Ängsten und vorgestellten Bedrohungen zu liefern. Verwundern darf aber, dass die AIDS-Hilfe Duisburg trotzdem ein Benefiz-Konzert mit der Band bewirbt, das am 24. November im Haus der Jugend am Stüning in Rheinhausen stattfinden soll. Anderswo haben sich Veranstalter*innen seit Jahren von der Hip-Hop-Combo distanziert. Dafür gab es nämlich auch vor der jüngsten AIDS-Veröffentlichung mehr als genug Gründe.

Ein Lieblingsthema der Band ist die Behauptung, die US-Regierung habe die Anschläge des 11. September 2001 selbst geplant. Zusammen mit einem Sammelsurium an anderen Verschwörungskonstruktionen öffnen die 9/11-Theorien eine Flanke nach ganz weit rechts. In der Öffentlichkeit zeigen sich Wojna und sein Kollege DJ Torben regelmäßig mit T-Shirts des populistischen Verschwörungstheorie-Blogs „Alles Schall und Rauch“. Seit Jahren haben sie keine Berührungsängste mit rechten Ideologen. 2009 etwa trat das Duo auf dem verschwörungstheoretischen AZK-Kongress auf, der von Ivo Sasek, dem Gründer der evangelikal-esoterischen Organischen Christus-Generation organisiert wird. Die Veranstaltungsreihe dient vor allem Vertreter*innen von rechter Esoterik und Geschichtsrevisionismus als Bühne, selbst der bekannte Schweizer Holocaust-Leugner Bernhard Schaub durfte dort schon reden. Ebenso war „Die Bandbreite“ bereits auf einer Konferenz des Querfrontlers Jürgen Elsässer vertreten. Hauptredner dort: Der Verschwörungsideologe Karl Albrecht Schachtschneider, 2005 noch Sachverständiger der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, und anschließend Referent der rechten Wählervereinigung Pro Köln. Weitere Auftritte in diesem Umfeld komplettieren das Bild, zum Beispiel auf einer „Anti-Bilderberger-Konferenz“ im Schweizer Ort St. Moritz, zusammen mit mehreren Politikern der rechten SVP.

Es wird diskutiert

Und jetzt also erneut ein Benefiz-Konzert zugunsten der AIDS-Hilfe in Duisburg, trotz der Kontakte in die radikal rechte Szene, und trotz des AIDS-Songs, der nach Meinung vieler Fachleute eine gefährliche, weil wirkungslose HIV-Therapie propagiert. Wie linke Gruppen mit dem paranoischen Verschwörungs-Pop umgehen sollen, das ist jetzt das Thema einer Podiumsdiskussion, die am kommenden Dienstag stattfinden soll. Wie sachlich dort allerdings über den erneuten Bandbreite-Auftritt gesprochen werden kann, muss sich noch zeigen. Eingeladen haben die Veranstalter*innen nämlich unter anderem den Arzt Günther Bittel, Aktivist der autoritär-maoistischen Kleinpartei MLPD, der einer der führenden Köpfe des „Fördervereins Neue Wege in der HIV-Therapie“ war – also ausgerechnet jener umstrittenen Organisation, welche die „Bandbreite“ mit der Produktion des AIDS-Verschwörungs-Songs beauftragte. Außerdem auf dem Podium vertreten sein werden Monica Brauer vom Kampagnenbüro „anders und gleich“, der Journalist und „Bandbreite“-Kritiker Marcus Meier sowie Frank Laubenburg, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Die Linke.queer NRW. Laubenburg warf der „Bandbreite“ im Streit um den Auftritt am Christopher Street Day vor allem aggressive Homophobie vor.

Die Linke und die Verschwörungstheorien
Der Streit um die Einladung der Band „Die Bandbreite“ zum CSD in Duisburg. Vortrag und Diskussion
Dienstag, 13. November, 19.30 Uhr
Ort: Djäzz – Jazz Keller Duisburg, Börsenstraße 11
Veranstalter: SchwuBiLe Alumni Uni Duisburg-Essen