Mit Fremden mitgehen ohne Angst haben zu müssen: Das versucht die Couchsurfing-Community. (Foto: FlickR
Foto by ephidryn (CC BY 2.0)

Wovor uns unsere Eltern immer gewarnt haben

Mit Fremden mitgehen ohne Angst haben zu müssen: Das versucht die Couchsurfing-Community. (Foto: FlickR Foto by ephidryn (CC BY 2.0)

Viele Menschen glauben, dass sie aufgeschlitzt werden, wenn sie Fremde in ihr Auto oder ihre Wohnung lassen. Es gibt aber auch solche, die das anders sehen: Die Couchsurfing-Community erfreut sich mit über drei Millionen Mitgliedern weltweit wachsender Beliebtheit, obwohl sie auf einem Prinzip beruht, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt haben: Geh bloß nicht mit Fremden mit. Haben Couchsurfer*innen keine Angst davor, dass ihre Gutgläubigkeit nur ein missverstandener Mythos ist und sie gerade seelenruhig auf einer Killer-Couch liegen? Fremde übernachten bei Fremden. Ein Selbstversuch.

Da dieser Artikel erschienen ist, dürfte klar sein: Mein Couchsurfer hat mich nicht umgebracht. Stattdessen haben wir über berechtigte Ängste beim Couchsurfen diskutiert. Denn im März 2009 kam es in Leeds zu einem Übergriff auf eine Couchsurferin aus Hong Kong. Der Mann, der die junge Frau hosten wollte, drohte sie zu töten und vergewaltigte sie zwei Mal. Sie ging daraufhin zur Polizei, um den Täter anzuzeigen. Er wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Negative Schlagzeilen dieser Art trafen die seit 2003 bestehende Couchsurfing-Community nur ein einziges Mal.

Verifizierungs-, Bewertungs- und Beschwerdefunktionen sollen User*innen dabei helfen, sich gegen Missbrauch abzusichern. Im Vergleich zu jenen, die an jeder Ecke Kriminelle vermuten, sind die Couchsurfing-Mitglieder nicht minder vorsichtig. Sie blenden das Risiko der For-Free-Übernachtungen nicht aus, schätzen es aber realistischer ein.

Die Spreu vom Weizen trennen: Recherchen im Stasi-Modus

Kurz nachdem mir mein Mailprogramm nach einigen halbseidenen Flirtanfragen die erste seriöse Anfrage eines Couchsurfers übermittelt hat, frage ich mich, warum ich beim Ausfüllen meines Couchsurfing-Profils vor sechs Monaten keine Gender-Beschränkung vermerkt habe. Denn einige User missverstehen Couchsurfing als digitales Trittbrett für Datingkontakte. Ein Problem, das fast jede Netzcommunity kennt. Aber für ein Abwägen feministischer gegen genderspezifische Angstargumente ist es jetzt zu spät.

Mein Couchsurfer ist Anfang 30, teilt seine Heimat mit einem bekannten deutschen Dichter und schreibt gerade an seiner Promotion. Für einen Vortrag muss er ins Ruhrgebiet und möchte eine Nacht bleiben. Dafür will er jedoch nicht auf eine Pension ausweichen. Da ich mich nicht traue, meine Adresse rauszurücken, schlage ich vor, ihn an der Bushaltestelle abzuholen. Wir tauschen unsere Handynummern aus. Bis alle zeitlichen und organisatorischen Fragen geklärt sind, schalte ich von aufgeregten Tipp- und Klickgeräuschen begleitet in den Stasi-Modus um. Akribisch checke ich sämtliche Profilinformationen und komme mir dabei bereits nach kurzer Zeit albern vor.

Nicht so der Messer-Typ

Das Couchsurfing-Profil meines Gastes offenbart mir: Er hat in der Community 14 Freunde, 18 durchweg positive Referenzen von anderen Mitgliedern. Sein Wohnort und seine Identität wurden mithilfe seiner Bankkontodaten geprüft und verifiziert. Die Fotos, die er hochgeladen hat, zeigen meinen bebrillten Couchsurfer samt Rucksack in funktionaler Outdoor-Bekleidung. Er sitzt auf einem gestapelten Haufen Baumstämme,
während er sich lässig mit einem Unterarm auf seinem Knie abstützt, das aus einer kurzen grauen Hose hervorlugt.

Der erste Eindruck: Er sieht nicht so aus, als würde er bei seinem Besuch statt Büchern potentielle Mordwerkzeuge wie Schuss- oder Stichwaffen mitbringen. Wenig überzeugt von meinem eigenen Ansatz, über Profilbilder tragfähige Rückschlüsse auf die Vertrauenswürdigkeit meines Gastes zu ziehen, beschließe ich, zusätzlich seinen Namen zu googeln. Denn ein polizeiliches Führungszeugnis kann ich wohl kaum von ihm verlangen.

Neugier trifft Pragmatismus

Er findet Vorsicht nicht unangebracht: „Eine Freundin schließt manchmal ihre Zimmertür ab, wenn sie Couchsurfer zu Besuch hat. Sie sagt, sie schläft dann ruhiger“, so der Promotionsstudent. Er erklärt: Nicht nur der Versuch, Menschen mit Offenheit und Neugier zu begegnen, sondern auch finanzielle Gründe, spielen für Couchsurfer*innen eine Rolle: „Neben dem Versuch verschiedene Leute und unterschiedliche Lebensweisen kennenzulernen, gibt es dabei natürlich auch einen gewissen Pragmatismus. Ich spare viel Geld, wenn ich nicht in ein teures Hotel gehen muss. Aber beim Sparen sollte es nicht zu weit gehen. Was geht, muss man untereinander absprechen.“

Schlechte Erfahrungen hat er mit Couchsurfing bisher nicht gemacht. „Ich hatte zwar mal einen, der trotz Absage vor der Tür stand. Das war mir unangenehm, aber nicht schlimm. Für eine andere Couchsurferin ging es bei ihren Besuchen um Selbsterfahrung und Selbstüberwindung. Mit dieser Form der Identitätssuche konnte ich nicht so viel anfangen. Aber ansonsten habe ich immer sehr nette Menschen kennengelernt.“

Nicht einmal erfahrene Couchsurfer sind gänzlich frei von Misstrauen. Denn später erfahre ich: Auch mein Couchsurfer hat sich vorbereitet und eine Suchmaschine mit meinem Namen gefüttert. Obwohl ich nicht im Traum daran denken würde, einen meiner Gäste umzubringen, kann ich seine Vorsicht nachvollziehen und freue mich, dass ein Fremder nicht bereut, einer Fremden vertraut zu haben.