Alle sagen China, China

Alle sagen China, China

China ist weit mehr als klappernde Holzstäbchen und der allgegenwärtig drohende Tod durch Überarbeitung: Auf 50 Postern dokumentiert eine neue Ausstellung am Institut für Ostasienwissenschaften (IN-EAST) der Universität Duisburg-Essen (UDE) wie wenig die klassischen Klischees mit dem Lebensalltag in China zu tun haben. Wer sein China-Bild auf die Probe stellen möchte, kann die spannend gestaltete Ausstellung noch bis zum 17. April 2013 besuchen.

China heute: In der Beijing 798 Art Zone, dem international renommiertesten größten und ältesten Textildistrikt Chinas, haben Künstler*innen und Galeriebetreiber*innen mit den Folgen von Gentrifizierung zu kämpfen. Kreative klagen über Mieten, die wegen des wirtschaftlichen Booms gestiegen sind. Auf dem weitläufigen Gelände einer Militärfabrik, die in den 1950er Jahren im Zuge der sozialistischen Bruderhilfe von Experten aus der ehemaligen Sowjetunion und der DDR errichtet worden war, siedelten sich bereits am Ende der 1990er Jahre die ersten Künstler*innen an – zunächst illegal. Diese organisierten zahlreiche Proteste, als 2005 die ersten Pläne aufkamen, das Gelände zugunsten von kommerziellen Immobilienprojekten abzureißen. Den Abriss des  Kreativquartiers konnten die Künstler*innen schließlich verhindern – vermutlich auch, weil sich China zu dieser Zeit gerade mitten in den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2008 befand.

Das Areal blieb erhalten und der Staat legalisierte die Künstler*innen, die er bis dahin nur geduldet hatte. Außerdem richtete er eine Managementbehörde für den Distrikt ein. Die Zahl der Galerien stieg im expandierenden Kunstdistrikt zwischen 2003 und 2008 von sechs auf 150 an. Das gesamte Viertel avancierte zu einem beliebten innerstädtischen Ausflugsziel für die Bourgois Bohemians. Die wollen zwar das schöne Flair genießen, aber keine Kunst erwerben, klagen die Kreativen. Weil mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Viertels auch die Mieten rasant anstiegen, mussten viele Künstler*innen bereits umziehen.

2012 hat China erstmals die USA als weltgrößten Umsatzmarkt für Kunst abgelöst. Von den zehn Künstler*innen mit den höchsten Auktionserlösen im Jahr 2010 stammen allein vier aus China. Nachdem Politiker*innen in China zeitgenössische Kunst und Kultur lange als „zu systemkritisch“ gegängelt hatten, beginnen diese inzwischen, Kunst als Motor für Entwicklungen und Wirtschaftswachstum anzuerkennen. Kunst und Kultur gelten nun als Ressourcen, mit denen sich Arbeitsplätze schaffen lassen. Der Staat finanziert Creative Spaces und versucht beispielsweise innerstädtische Fabrikgelände umzunutzen. Dazu wirbt die Lokalregierung oftmals private Investor*innen aus der Immobilienbranche an. Aber Wirtschaftswachstum und Metropolenboom haben in China auch zu gestiegener Umweltbelastung geführt. 16 der 20 Metropolen mit der weltweit stärksten Luftverschmutzung befinden sich in China. Bedingt ist dies vor allem durch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, Kohlekraftwerke und Bergbau. Erst vor kurzem wertete die chinesische Regierung die Umweltbehörde SEPA zum Umweltministerium auf. Denn ein solches gab es bis dahin nicht. Jetzt beginnt das Land auch in erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit zu investieren.

Diese und ähnliche Entwicklungen dokumentieren zahlreiche Karten, Diagramme und großformatige Fotografien. Sie geben einen Einblick in das, was sich in China in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Unter dem Titel „Chinas Metropolen im Wandel“ zeigt die Ausstellung auf 50 Plakaten, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse das Gesicht des Landes durchlebt hat und welche Einflussfaktoren es mittlerweile prägen. Im Zuge dieser Entwicklungen kommen auch neue Vermarktungsstrategien auf. Durch den wachsenden Wohlstand wird China zu einem attraktiven Absatzmarkt für internationale und chinesische Produkte – fernab von den üblichen Vorstellungen, die in Europa bisher mit dem Label „Made in China“ assoziiert wurden.