Daumen hoch fürs Trampen

Vor viereinhalb Monaten ist Katia Ditzler im Ruhrgebiet gestartet. (Foto:Kaj)

Vor viereinhalb Monaten ist Katia Ditzler im Ruhrgebiet gestartet. (Foto:Kaj)

Mal sieht man sie an Autobahnraststätten, mal an der nächsten Parkbucht – Tramper*innen. Das klappt doch nicht? Von wegen. Katia Ditzler ist vor viereinhalb Monaten in Bochum gestartet – und aktuell in der Mongolei. Die 20jährige hat in den vergangenen Jahren fast das komplette Eurasien gesehen. Erste Tramping-Erfahrungen sammelte Katja bereits mit vierzehn Jahren: Der letzte Bus war bereits weg, also Daumen raus und gute Fahrt.

Auch wenn Katia nach ihrem Abitur einen Platz an dem heißbegehrten Literaturinstitut in Leipzig zugesichert bekommen hat, hielt es sie nicht davon ab, den Standardlebenslauf Schule-Abitur-Studium aufzubrechen. Stattdessen sammelt sie auf Reisen Impressionen für ihre Schreib- und Musikarbeit: Sie recherchiert und dokumentiert traditionelle Lieder und Erzählungen aus den bereisten Regionen, singt ihre eigenen Lieder und bastelt momentan an immer mehr Soundcollagen.

Mit Gitarre und Stimme unterwegs

Am Freitag gibt sie in der Mongolei eines ihrer Konzerte. Auf der Durchreise in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, hat ihr der spontane Gesang vor einem Kiosk einmal einen Ring eingebracht, welchen die Besitzerin ihr schenkte. Was man unterwegs niemals vergessen sollte? „Das Wort ‚Danke’ in der jeweiligen Landessprache und die Fähigkeit zuzuhören. Auch wenn man nicht alles versteht, so bekommt man nach einiger Zeit doch mit, worum es geht“, sagt die erfahrene Tramperin. Auf wie vielen Sprachen sie sich so rudimentär verständigen kann, weiß Katia selbst nicht so genau, da sie über ihre zweite Muttersprache Russisch sehr viel verstehen kann. „Mittlerweile kann ich sogar schon zwischen den einzelnen Akzenten unterscheiden.“

Waffenverbot trotz Psychos

Was das besondere am Trampen ist? „Du sitzt in einem fremden Auto, das ist wie ein Einbrechen in die Intimsphäre. Deshalb sind die Leute auch anders, als wenn du sie in einem Bus oder einfach auf der Straße treffen würdest. Sie zeigen natürlich auch schon ein riesiges Vertrauen, dich überhaupt in ihr Auto zu lassen.“ Ob sie es selbst auch manchmal mit der Angst zu tun bekommt? „Die Welt ist nicht voller Vergewaltiger und Mörder“, sagt Katia. Und doch treffe man andauernd auf ungewöhnliche Menschen, die manchmal sogar wahnsinnig wirken, und sich trotzdem im Nachhinein als wahre Engel entpuppten können. „Fahrer, von denen man es zuvor kaum erwartet hätte, können sich wiederum genauso gut als unangenehme Wegbegleiter entpuppen.“ Hundertprozentige Sicherheit gebe es nie, aber Katia glaubt trotzdem, dass sich durch das Reisen ihre Menschenkenntnis verbessert hat.

Und wenn es hart auf hart kommt? Pfefferspray oder andere Waffen hat Katia niemals dabei. „In einem Auto macht es wenig Sinn Pfefferspray zu benutzen. Da bekommt man doch alles nur selbst ab. Sobald man eine Waffe bei sich trägt, kommt sie meist auch in Gebrauch.“ Bisher sei sie aus jeder unangenehmen Situation irgendwie rausgekommen. Die beste Selbstverteidigung ist hierbei wohl tatsächlich Selbstvertrauen.

Die Reise als Ziel

Richtig los mit dem Trampen ging es für Katia ab ihrem sechzehnten Lebensjahr. Bisher bereiste sie den Iran, die Mongolei, Russland, Armenien, Georgien, Türkei, den Balkan, die Ukraine, Moldawien, Transnistrien, Kosovo, Nagorno-Karabagh sowie fast die komplette der EU. Zwischen Sowjetromantik und Sonnenbrand irgendwo vor Aserbaidschan sammelte Katia auch die ein oder andere Anekdote. „Bevor ich da war, war ich gefesselt von den Erzählungen über den Iran. Es ist wunderbar einfach, in das Land rein zu finden, dort zu reisen und auch wieder auszureisen.“ Nicht ganz so einfach war es hingegen, im Sommer 2011 den Kosovo über Serbien zu verlassen. Zu dieser Zeit kochte der Kosovo-Konflikt wieder einmal hoch. Weil dem Grenzposten ein Pass mit serbischem Stempel plötzlich nicht mehr ausreichte, musste sie um Mitternacht nach Mazedonien reisen und von da aus wieder nach Serbien zurück, um nachzuweisen, dass sie den serbischen Staat nicht illegal verlassen habe. Nach einige Umwege ist sie am folgenden Abend trotzdem noch in Wien eingetroffen. Ihre Reiseaufzeichnungen sind in dem Grenzdurcheinander jedoch verloren gegangen. In viereinhalb Monaten aus dem Ruhrgebiet in die Mongolei – und Katias aktuelle Reise ist längst noch nicht zu Ende. In den kommenden Wochen will sie sich bis nach China durchschlagen.