Meine Konflikte, deine Konflikte

Türkische Demonstranten bei einer Protestkundgebung in Berlin. Foto: ihhsuwioa/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

In politischen Diskursen hält sich hartnäckig die Behauptung, dass Migrant*innen Konflikte aus ihren Heimatländern importieren würden. Diese These wird oftmals benutzt, um eine repressive Ausländer*innen- und Asylpolitik zu rechtfertigen, bei der die Abschottung Europas und Abschiebungen die Lösung sein sollen. Am Beispiel von Türk*innen und Kurd*innen in Berlin hat ein Sozialwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen untersucht, wie tragfähig diese „Konfliktimport“-These ist. In seiner Arbeit kommt Jan Hanrath zu dem Schluss, dass der türkisch-kurdische Konflikt häufig die Leinwand sei, auf welche die Probleme und Frustrationen vor Ort projiziert werden.

Unter den knapp 3,4 Millionen Einwohner*innen Berlins gibt es etwa 200.000 türkischstämmige Menschen und etwa 50.000 mit kurdischem Migrationshintergrund. Viele sind gebürtige Berliner*innen. Einige sind gekommen, um zu arbeiten oder zu studieren, einige aufgrund von Familienzusammenführungen. Andere haben die Türkei aus politischen Gründen verlassen und suchen zum Teil Asyl. Jan Hanrath ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF). Für den 105. Report des Instituts der Uni Duisburg-Essen war er unter anderem drei Monate lang in Berlin unterwegs, um vor Ort mit Kurd*innen und Türk*innen zu sprechen.

Hanrath sagt: „Unter den Gastarbeitern und Flüchtlingen aus der Türkei waren auch immer schon Kurden. Die meisten von ihnen entdeckten ihr Kurdischsein jedoch erst, als sie sich in Europa niederließen.“ Ein Grund dafür sei, dass viele von ihnen häufig in Deutschland zum ersten Mal die Möglichkeit hatten, ihre kurdische Identität offen zu leben und zu pflegen.

Denn in der Türkei werden Kurd*innen als Minderheit verfolgt, obwohl sie mit rund 18 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte nichttürkische Minderheit im Land bilden. Ihre Situation verschlechterte sich erheblich, seit 1927 in der türkischen Verfassung der Kemalismus festgeschrieben wurde. Die Doktrin bestritt nicht nur die Existenz einer eigenen kurdischen Volksgruppe, sondern verbot und bestrafte auch jegliche Ausdrucksform der kurdischen Kultur. Beispielsweise blieb der Gebrauch der kurdischen Sprache sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich bis 1991 verboten. Der türkische Staat verfolgte eine Strategie der Zwangsassimilation. Tausende Kurd*innen wurden in den westlichen Teil der Türkei deportiert und ihre Dörfer vernichtet. Die kurdischen Gebiete blieben die am wenigsten entwickelten Regionen der ganzen Türkei. Für den Sozialwissenschaftler sind die Konflikte zwischen Kurd*innen und Türk*innen daher eines der drängendsten Probleme in der Türkei.

Hanrath sagt, auch in Deutschland sei ihr Verhältnis sei verstärkt von gegenseitiger Entfremdung und Polarisierung geprägt. Deutlich werde dies vor allem dann, wenn die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) und türkisch-nationalistische Organisationen Jugendliche rekrutieren. Dafür versuchen diese oftmals, eine gemeinsame Identität zu konstruieren, um möglichst viele Menschen zu mobilisieren. So definierten einige PKK-Aktivist*innen alle Kurden als Vertriebene mit einer gemeinsamen Geschichte und einer kollektiven Vision von einem geographisch klar definierten Heimatland. Doch warnt er davor, türkische und kurdische Gemeinschaften als monolithische Blöcke zu sehen. Bezugspunkte wie Religiosität oder das Zugehörigkeitsgefühl zu einem bestimmten Berliner Kiez könnten zu einem gegebenen Zeitpunkt höhere Bedeutung im Vergleich zu ethnischen Kategorien gewinnen. „Vielfach treten Konfliktsituationen auf, in denen die zugrunde liegenden Ursachen sozialer oder individueller Natur sind, jedoch in ethnischer Form ausgedrückt werden. Die Konflikte in Berlin entwickeln eine eigene Dynamik, in denen nur bestimmte Aspekte des Kernkonflikts in der Türkei eine Rolle spielen. Konfliktkonstellationen, die aus dem Migrationskontext entstehen oder aus Erfahrungen und Diskriminierungen im lokalen Zusammenhang resultieren, bedienen sich einer Sprache und Symbolik, die dem Kernkonflikt entnommen wird“, so Hanrath.

Der Sozialwissenschaftler Kemal Bozay hat dies schon im Jahr 2000 mit einer Arbeit über die Orientierungen junger türkischer Migrant*innen und ihrer Einstellungen zu türkisch-nationalistischen Organisationen gezeigt. Heute arbeitet er als Geschäftsführer des Bochumer Vereins für Migrationsarbeit und multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe (IFAK). Für ihn geht es in diesen Debatten auch um Machtstrategien und ökonomische Interessen. Deswegen kritisiert er, dass Migrant*innen in Zuwanderungsdebatten meist als homogene Gruppe vorkommen und nicht als soziale Individuen. Er sagt: „Gerade dann, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen keinen Beitrag zum Zusammenhalt leisten und es nicht gelingt, das, was verbindet, zu betonen, dann verstärkt das die negative Spirale von Selbst- und Fremdethnisierung.“

Reale und empfundene Diskriminierungen tragen demnach ebenso zu einem Rückzug in ethnische Nischen bei wie der Mangel an Perspektiven oder Benachteiligungen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings haben die Ereignisse und Entwicklungen in der Türkei durchaus Auswirkungen auf die hiesigen migrantisch geprägten Communities. Meist seien sie Auslöser für Konflikte. Aber darüber hinaus müsse auch der politische Kontext in Deutschland berücksichtigt werden. Wird dieser als negativ erlebt, tragen Frustrationserfahrungen zu einer Empfänglichkeit für radikale Agitation durch nationalistische Gruppen bei. „Allzu häufig werden die Ursachen für solche Spannungen ausschließlich im Herkunftsland gesucht und somit als Fortsetzung bestehender Konflikte gedeutet“, sagt Hanrath. „Andere sehen die Ursachen für Probleme zwischen Migrantengruppen primär im Kontext der Migration und führen diese auf erlebte Diskriminierung und soziale Benachteiligungen zurück. Ich bin der Meinung, dass beides eine gleichwertige Rolle spielt.“

Migrant*innen und Kurd*innen im Besonderen haben zudem mit einer vorurteilsbelasteten Wahrnehmung zu kämpfen. Jugendliche argumentieren, dass die Frage nach ihrer kulturellen Identität auch deswegen ein Thema für sie sei, weil ihnen in Deutschland immer wieder gesagt werde, dass sie anders seien. Ihr Handeln werde also vornehmlich vor einem kulturellen Hintergrund wahrgenommen und damit als ethnisch bedingt interpretiert. Im Vergleich mit Jugendlichen ohne Migrationshintergrund entstehte dadurch ein stärkeres Bedürfnis, sich abzugrenzen und sich stattdessen an der eigenen Gruppe zu orientieren. Denn diese hat mit denselben Problemen und Gefühlen der gesellschaftlichen und politischer Ausgrenzung zu kämpfen und stützt damit eher die Suche nach Akzeptanz. Hanrath sagt:

„Politiker beispielsweise denken oft, dass Probleme mitgebracht werden und Deutschland daher nichts mit diesen zu tun habe. Das ist aber nicht richtig. Stattdessen sind Lösungen gefragt, die verhindern, dass Migrantengruppen sich wieder in die Spannungskonstellationen ihrer Herkunftsländer begeben.“ Damit rückt Hanrath strukturelle Ausgrenzungen in Deutschland zwar plausibel als Problem in den Vordergrund. Dabei setzt er sich aber auch der Kritik aus, das politische Substrat der Konflikte, etwa die großen weltanschaulichen Unterschiede zwischen radikal rechten türkischen Nationalist*innen und linken kurdischen Seperatist*innen, nicht ernst genug zu nehmen. Sie werden auf ein Integrationsproblem zusammengekürzt.