World of Gendercraft

World of Gendercraft

Manchmal reichen schon Kleinigkeiten wie eine misslungene Glosse zum Thema ‚Frauenquote‘, um eine große Kommentarschlacht loszutreten. Ein Autor von Cicero-Online beklagt sich über vermeintliche Vorteile von Frauen unter 30. Konstantin Sakkas Text ist ein ironisch entgrenzter Blindgänger und nur ein Beispiel dafür, was in der Gender-Debatte schief läuft.

Sakkas sagt, Frauen seien im ersten Drittel ihres Lebens grundsätzlich privilegierter als Männer und führten wegen ihres Geschlechts ein einfaches Leben. Sakkas fordert „Schluss mit dem Quotengejammere!“ Dafür erntete er nicht nur harsche Kritik, sondern auch den Beifall jener, die seinen Beitrag als willkommene Vorlage nutzten, um frauenfeindliches Verhalten zu legitimieren. Der Autor behauptet, alle Mädchen seien frühreif, sähen zu 90 Prozent gut aus, hätten immer
die besseren Noten und würden allesamt erfolgreichere Abschlüsse machen als ihre männlichen Kollegen. Er schreibt: „Wenn ein Mann einen Job kriegt, dann, weil er erstens sehr qualifiziert ist und zweitens seine Qualifikation so geschickt zu verschleiern weiß, dass sie nicht zu sehr auffällt; wenn eine Frau einen Job kriegt, dann, weil sie eine Frau ist.“ Deswegen, so der Autor, folge die berechtigte Rache, wenn Frauen 30 werden. Dann seien endlich die Männer an der Reihe, um fortan aufzupassen, dass „der inner circle der Macht und des Einflusses abgeschlossen bleibt und dass sich ja niemand hineinschleicht, der in seinen jungen Jahren nicht wenigstens genauso geblutet hat wie sie.“

Sakkas ignoriert sämtliche Studien, die belegen, dass Frauen unabhängig vom Alter gesellschaftlich benachteiligt sind und lässt sich keine Gelegenheit entgehen, um Frauen zu berechnenden Sexobjekten zu degradieren: „Eine Frau braucht einfach nur aus dem Haus zu gehen, irgendwohin laufen, wo viele Menschen sind, sich dort einen Typen raussuchen, der ihr halbwegs gefällt, und etwas Willigkeit signalisieren.“ Auch der Journalist John Scalzi lieferte vor einigen Monaten einen Beitrag zur Geschlechterdebatte. Der Autor verglich Geschlechterverhältnisse mit dem Online Rollenspiel World of Warcraft, um sich der Privilegien-Frage zu nähern. Mit Hilfe dieser Metapher zeichnete er ein Bild gesellschaftlicher Verhältnisse, das genau das benennt, was Sakkas nicht sieht. Scalzi sagt: Stellen wir uns vor, wir haben ‚Real Life‘ auf unserem PC installiert. Der niedrigste Schwierigkeitsgrad, um ins Spiel – nennen wir es ‚Das echte Leben‘ – einzusteigen, ist: ‚Heterosexuell, Weiß, Männlich.‘ Das bedeutet, dass die Hürden, die Spieler*innen überwinden müssen, um eine Mission zu erfüllen, niedriger sind als für fast alle anderen Charaktere im Spiel. Möglichkeiten für Level-Anstiege kommen früher und schneller. Automatisch erhält man Zugang zu Teilen der Karte, den sich andere erst noch freispielen müssen. Hilfe oder Unterstützung ist leichter zu bekommen, so dass es allgemein einfacher ist, Ziele im Spiel zu erreichen. Scalzi sagt: Anders als bei World of Warcraft haben wir im ‚Echten Leben‘ jedoch nicht die Möglichkeit, den  Schwiergkeitsgrad selbst festzulegen. Wir müssen in dem Modus spielen, der uns zugewiesen wird.

Auch die Punkteverteilung macht einen Unterschied. Falls man mit 25 Punkten startet und über die Spezialfertigkeit ‚Reichtum‘ verfügt, kann das eine schwache Ausgangssituation sein. Falls Spieler*innen mit 250 Punkten einsteigen und ihre Spezialfertigkeit ‚Charisma‘ ist, ist das deutlich vorteilhafter. In der Regel steigt jedoch niemand mit mehr als 30 Punkten ein. Spieler*innen mit einem höheren Schwierigkeitsgrad starten für gewöhnlich mit noch geringerer Anzahl an Punkten.

Wenn man mit wenig Punkten ins Spiel einsteigt und nur geringe Werte in kritischen Statuskategorien hat oder die falschen Skills für ein Upgrade auswählt, wird das Spiel schwierig bleiben. Aber wer im ‚Hetereosexuell, Weiß, Männlich‘-Modus spielt, hat es allein aufgrund der Spieleinstellungen einfacher, an Punkte zu kommen und die eigene Position im Spiel zu verbessern. Natürlich ist es trotzdem möglich, dass Spieler*innen, die mit einem höheren Schwierigkeitsgrad spielen, schneller voranschreiten als jene, die im einfachsten Modus spielen. Zum Beispiel weil sie schon zu Beginn über mehr Punkte verfügen. Vielleicht aber auch, weil sie einen höheren Wert in den Bereichen Reichtum, Intelligenz und Konstitution haben oder sie das Spiel einfach besser spielen. Doch all das ändert nicht, dass sie sich noch immer im niedrigsten Schrierigkeitsgrad durchs Spiel bewegen. Selbst im niedristen Schwierigkeitsmodus kann man scheitern, doch bleibt der niedrigste Schwierigkeitsgrad noch immer der Modus, in dem das Spiel am einfachsten zu gewinnen ist.

Für all jene, die beispielsweise mit der Schwierigkeitsgradeinstellung ‚Lesbisch, Mindertheit, Weiblich‘ spielen, so Scalzi, ist ‚Das echte Leben‘ hingegen Hardcore. Vielleicht möchten einige Spieler*innen an diesem Punkt sagen: Hey, wir lieben Herausforderungen. Lasst uns doch den Schwierigkeitsgrad ändern. Nun ja, das geht nicht. Im Spiel ‚Das echte Leben‘ ist es einfach nur härter und macht potentiell weniger Spaß, mit einem höheren Schwierigkeitsgrad zu spielen. In diesem Spiel gibt es weder Belohnungen oder Benefits hierfür, noch die Möglichkeit für einen Neustart. Das bedeutet, dass alle das Spiel nur ein einziges Mal spielen können und zwar ausschließlich in dem Modus, der ihnen zu Beginn zugewiesen wird.