Die Welt braucht eine Bühne

Weltbühne

Satiriker Helmut Loeven darf ALLES. [Foto Kaj]

Es soll sie noch geben – diese kleinen, unabhängigen Buchläden mit eigenem Charakter. Die Buchhandlung „Weltbühne“ in der Duisburger Gneisenaustraße 226  ist eine davon. Im Gegensatz zu den großen Buchhandlungsketten wie Mayersche und anderen, muss Helmut Loeven keine Menschen dafür bezahlen, künstlich aufgezogene Entstehungsgeschichten zu erfinden. Denn dieser Schriftsteller hat mit seiner Buchhandlung und seinen Schriftstücken selbst Geschichte geschrieben. Jetzt gehen Gerüchte um, dass das linke Unikat bald schließen soll.

„Der Laden soll nicht geschlossen werden“, sagt Inhaber Loeven. Allerdings ist die Weltbühne tatsächlich wie viele andere kleine Buchhandlungen von ökonomischen Umstrukturierungen in der Bücher-Branche betroffen: „Im Buchhandel, gibt es einen sehr hohen Konzentrationsprozess. Für die Lieferanten gibt es viel zu viele kleine Buchhandlungen. Für die ist es praktischer, ein paar große Pakete abzuschicken als viele kleine. Wer weiß, wie lange das noch gut geht.“

Einen weiteren Faktor für die Schließungen alternativer Buchhandlungen sieht Loeven im Zerfall in Teilen der  „linken Bewegung“. Frühere linke Leser*innen seien heutzutage in ihrer Literaturauswahl „langweilig, spießig und prüde.“

Auch aus Studierendenkreisen nutzen immer weniger Leser*innen das Angebot der Weltbühne. „Das hängt, glaube ich, damit zusammen, dass durch die wirtschaftlich leistungsorientierter Lernstruktur immer weniger Platz für nicht-kreativwirtschaftlichen Situationismus bleibt“, sagt Anton Faller, AStA Referent für Kultur der Universität Duisburg-Essen.  Dieser Entwicklung blickt der AStA mit Sorge entgegen.

Früher war die Weltbühne dagegen besser in das Stundentische Leben eingebunden: Von den 70ern bis Anfang der 90er Jahre hatte die Weltbühne während des Semesters jeden Tag einen Büchertisch an der Universität Duisburg. „Man verabredete sich am Büchertisch“, sagt Loeven. Bis zum Umbau der Universität war dieser ein fester Bestandteil des studentischen Lebens am Campus. Nach dem Umbau in den frühen 90ern zog sich die Weltbühne vollends in die Geneisenaustraße 226 zurück. Die Idee des Buchladens währt allerdings schon Länger als die Adresse.

Die Weltbühne im Rückblick

Der Name des Ladenlokals geht auf die vom Friedensnobelspreisträger Carl von Ossietzky herausgegebene und von Siegfried Jacobsohn gegründete „Weltbühne“ zurück. Sie galt als eine der explosivsten Wochenzeitschriften für Politik, Kultur und Wirtschaft in der Weimarer Republik. Tucholsky, Kästner, Hiller konnten sich zu den Redakteur*innen der historischen Weltbühne zählen. Dieses Konzept verwirklicht der Schriftsteller Loeven auch selbst publizistisch in seinem Buchladen. Seit 1968 erscheint „Der Metzger“, eine politisch-satirische Zeitschrift. „Zeitschriften waren das Medium des Undergrounds. Ende der sechziger Jahre haben sich die Leute sehr für solche Ideen interessiert, vor allem wenn sie gegen den Strich gebürstet waren“, so Loeven. Das Interesse scheint sich bis heute gehalten zu haben und zieht noch immer Stammkund*innen an, die den alternativen Literaturladen unterstützen.

Um seine eigenen Texte vermarkten zu können wurde der Schritsteller schließlich Buchhändler. Angefangen habe sein Geschäft in den 60er-Jahren mit dem Tauschen von Zeitschriften und irgendwann habe er mit einem Koffer voller Literatur dagestanden, so Loeven. Bis heute publizierte der Satiriker vier Bücher, mehrere Hörspiele wie auch Filme und Karikaturen, die den Duisburger Laden immer noch mit ausmachen.

Das sagt ebenfalls Schriftsteller Marvin Chlada: „Mir waren die Postkarten, die hier selbst produziert werden auf Anhieb sympathisch. Der Buchhändler ist zudem auch noch Herausgeber des Metzgers – und das ist von allen Zeitschriften, die sich selbst alternativ nennen die beste.“ Marvin Chlada ist selbst Soziologe und hat lange an der Universität Duisburg gelehrt. „Wenn ich gefragt werde, wer meine Lieblingssatiriker sind, nenne ich Wolfgang Neuss und Helmut Loeven immer in einer Reihe“, so Chlada.

Neben dem selbst publizierten Magazin, steht in der Weltbühne vor allem die Bücherauswahl im Vordergrund.  „Man kann Buchhandel betreiben mit jeglichen Verzicht auf reaktionären Schund“, sagt Loeven. „Der Laden ist unkonventionell, das macht ihn sehr sympathisch, finde ich. Übrigens gibt es dort viele Bücher, die es sonst nirgends gibt.“ Sagt auch Anton Faller.Wer daher auf der Suche nach alternativen Buchhandlungen ist, sollte nicht auf die Bekanntschaft mit Helmut Loeven und seiner Weltbühne verzichten. [Kaj]

Auch ein Besuch des Blogs von Helmut Loeven lohnt sich http://helmut-loeven.de/