Künstlerische Freiheit

Künstlerische Freiheit

Die Künstlerin Yin Xiuzhen gilt als Vorzeigekünstlerin Chinas, ganz im Gegenteil zu dem international bekannten chinesischen Künstler Ai WeiWei. Im Gegensatz zu dem rennomierten Regimekritiker hält sich Yin Xiuzhen mit politischen Aussagen zurück. Ihre Werke werden trotzdem regelmäßig in Bezug bzw. in Abgrenzung zu Ai WeiWei interpretiert. Die europaweit erste Einzelausstellung von Yin Xiuzhen ist seit kurzem in den Düsseldorfer Kunsthallen zu sehen.

Fotografien von mit Butter gefüllten Schuhen in den Bergen Tibets, Installationen aus mit Zement gefüllten Schuhen, Gerüstkonstruktionen aus Secondhand-Mode: Auch wenn die Künstlerin sich selbst vor politischen Äußerungen hütet, so werden ihr vielfache politische Deutungen zugeschrieben. Kleidung sei etwas, was wir von uns streichen wie eine zweite Haut, und wodurch wir unsere Persönlichkeit ausdrücken, sagt Yin Xiuzhen. Ist es vielleicht eine Suche nach Individualität im chinesischen Staatssystem, das unserer Meinung nach kaum Individualität zulässt? Sie selbst sagt, sie wolle auf Umweltverschmutzung und auf die Zerstörung der chinesischen Landschaft hindeuten, die durch den industriellen Boom in China verursacht wurden. Durch die handwerkliche Arbeit mit dem Material der industriell hergestellten Textilware kontrastiere sie das künstlerische Handwerk im Gegensatz zu einer maschinellen Herstellung. Fotografien einer scheinbar unangetasteten Landschaft mit angeordnetem Müll lassen Fragen aufkommen.

„Kein Kommentar“

Die bleiben zum Teil auch in der Düsseldorfer Ausstellung unbeantwortet. Bei der dreidimensional gestalteten Spirale aus Schals, die den Namen „Unerträgliche Hitze“ trägt, kommen viele Deutungsansätze auf. Teilweise beziehen sie sich auf die chinesische Ein-Kind-Politik. Yin Xiuzhen selbst will sich dazu nicht äußern. Ein Kommentar zu viel könnte den Verlust des jetzigen Status der Vorzeigekünstlerin bedeuten. Statt einfache politische Interpretationen durch die Künstlerin selbst mitgeliefert zu bekommen, sind die Betrachtenden gezwungen sich Zeit zu nehmen.

Entweder Oder

Wer in China in den Staat hinein wirken wolle, müsse sich an bestimmte Regeln halten, so äußerte sich der chinesische Literaturpreisträger Mo Yan über sein eigenes Schaffen. Eine rote Linie die nicht überschritten werden darf: Die Herrschaft der kommunistischen Partei (KP) anzuzweifeln. Ai WeiWei zum Beispiel sei international sehr bekannt, vor allem für seine Kritik an den chinesischen Staat, so Mo Yan weiter. In China selbst jedoch genieße er nicht eine solche Aufmerksamkeit. Yin Xiuzhen dagegen ist in China bekannt und beginnt jetzt auch international ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Während Chinakritiker*innen sie als Mannequin des chinesischen Staates betrachtet und schwierig zu leugnen ist, dass die chinesische Regierung sich durch sie als besonders weltoffen darstellen will, sollte man ihr Werk nicht darauf reduzieren.

West-Snobismus

Chinesische Kunst vor allem oder gar ausschließlich als Regimekritik zu verstehen, ist eine sehr westliche Sicht auf ihre Kunst. Zugegeben, ihre Arbeit „Life“, ein Haufen handbemalter nachgebildeter Zigarettenstümmel aus Secondhand-Kleidung erinnert formal sehr stark an Ai WeiWeis Werk „Sunflower Seeds“, das aus 100 Millionen handgefertigten Porzellan-Sonnenblumenkernen besteht. Gleichzeitig ist die Symbolik viel weniger eindeutig: Während sich Ai WeiWeis Sonnenblumenkerne relativ klar auf den Mao Zedong beziehen, der die Chines*innen als Sonnenblumenkerne bezeichnete, ist das Symbol der Zigarettenstummel viel weniger klar. Trotzdem die künstlerische Sprache gleichzusetzen, weil ist problematisch, vor allem auch, weil chinesische Analysen und Interpretationen in der westlichen Rezeptionsgeschichte kaum einen Platz haben. Was mit Künstler*innen in China passiert, wenn sie zu plakativ werden, lesen wir hingegen gerne, denn es passt ja in unser Bild von China, während wir unser Schweinefleisch süß-sauer zu uns nehmen. [Kaj]