Verbeamtung abgelehnt!

P1080854Zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl – eigentlich sollte man meinen, dass dieses Arbeitsideal einer vergangenen Zeit entstammt. Bei den Kriterien für die Verbeamtung von Lehrer*innen, sind diese Vorstellungen anscheinend nach wie vor aktuell. Wer eine Psychotherapie hinter sich hat oder unter einer chronischen Krankheit leidet, hat schlechte Karten, in den unkündbaren Staatsdienst übernommen zu werden. Diese Situation wird von Ärzt*innen kritisiert und von vielen Betroffenen als Diskriminierung angesehen.

Jede vierte Studentin und jeder vierte Student am Essener Campus studiert auf Lehramt. Hoher Konkurrenzdruck, Zukunftsängste, familiäre Probleme – gute Gründe für eine Psychotherapie gibt es viele. Expert*innen sind sich weitgehend einig, dass eine rechtzeitige Behandlung besser ist als Traumata zu verschleppen. Die aktuellen Richtlinien zur Verbeamtung können jedoch dafür sorgen, dass genau das passiert – weil Lehramtsstudierende Angst um ihre berufliche Zukunft haben.

Psychischer Druck

Je besser der Abschluss im Referendariat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit auf ein Vorstellungsgespräch für die Planstelle an einer Schule. Peter S. hat es geschafft. Er ist seit kurzem Beamter. An die Zeit davor erinnert er sich noch gut. „Es war vielen klar: Wenn ich eine Psychotherapie mache, komme ich vielleicht besser durchs Referendariat, werde aber nicht verbeamtet.“ Angehende Lehrer*innen besorgen sich Schlaftabletten, Antidepressiva und Stimmungsaufheller von Freund*innen, Bekannten oder Verwandten, anstatt sie sich selbst verschreiben zu lassen, damit sie nicht in den Akten auftauchen, berichtet der junge Lehrer.

Durchleuchtung der Akten

Vor der möglichen Verbeamtung steht nämlich eine amtsärztliche Gesundheitsprüfung an. Dabei werden die Krankenakten der Anwärter*innen durchleuchtet. „Deshalb achten einige darauf, dass sie in den letzten fünf Jahren keine Therapie dort stehen haben. Wer es sich leisten kann, bezahlt die Behandlung auch mal privat, damit sie nicht in den Unterlagen der Kassen auftaucht“, sagt Peter. Wenn die zuständige Amtsärzt*innen skeptisch werden, können sie sogar Krankenakten anfordern, die älter sind als fünf Jahre. So entpuppen sich selbst Briefe von Therapeut*innen, dass die Therapie erfolgreich abgeschlossen wurde, bei Verbeamtungsfragen als Nachteil. Wird bei der Gesundheitsprüfung ein „gesundheitlicher oder psychischer Mangel“ verschwiegen, kann der Beamt*innenstatus sogar nachträglich aberkannt werden und es kann darüber hinaus ein Strafverfahren wegen Betrugs eröffnet werden. Auch der Body Mass Index (BMI) wird bei der Überprüfung berechnet. Liegt dieser über 25, wird mitunter ein Ultimatum ausgesprochen, dass x Kilo in x Monaten abgenommen werden müssen.

Verbeamtung auch zukünftig gefordert

Ob Lehrer*innen überhaupt verbeamtet werden sollten, ist gesellschaftlich umstritten, stammt die Regelung doch noch aus dem vordemokratischen preußischen Obrigkeitsstaat. Die Grünen etwa fordern die Abschaffung der Verbeamtung. Allerdings verdienen Tarifbeschäftigte bei gleicher Arbeit mindestens 500 Euro im Monat weniger als Beamte. Wolfram Cremer, Jura-Professor an der Ruhr-Uni Bochum kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Leherer*innen weiter verbeamtet werden sollten – wegen der hohen Verantwortung, die sie tragen.

So sieht das auch der junge Lehrer Peter S. „Eltern üben auf nicht verbeamtete Lehrer häufig mehr Druck aus.“ Ist eine Lehrkraft verbeamtet, ist es viel schwieriger, diese wieder los zu werden, wenn keine Delikte wie sexueller Missbrauch oder andere Rechtsverstöße vorliegen. Das bedeute jedoch nicht, dass es keine Handhabe gegen Fehlverhalten von verbeamteten Lehrer*innen gebe, betont Peter S. Eine Dienstaufsichtsbeschwerde sei über die entsprechenden Instanzen immer möglich. „Ich finde Verbeamtung absolut wichtig. Bei so wichtigen Dingen wie Notengebung ist man da als Lehrer einfach abgesichert“, so Peter S. weiter.

Natürlich sind verbeamtete Lehrer*innen in ihrer Notengebung nicht immer gerecht, und dagegen vorzugehen ist schwieriger, wenn die Lehrkraft verbeamtet ist. Peter S. hat jedoch größere Angst davor, dass das Schulwesen immer mehr zu einem Dienstleistungsgewerbe verkommt, bei dem man Noten auf Bestellung bekommt. Wenn Lehrer*innen grundsätzlich zu einfachen Angestellten würden, könne sich der Prozess beschleunigen.