Polnische Geschichte: Kontroverse Aufarbeitung

Viva Polonia 248

Jüdischer Friedhof in Krakau (Foto: Kaj)

Der Film des polnischen Regisseurs Władysław Pasikowski verbindet die Verbrechen der Vergangenheit mit der Geschichte ihrer Aufarbeitung in der Gegenwart. Die Handlung: Zwei Brüder recherchieren in einem kleinen katholischen Dorf über ihre eigene Vergangenheit und stoßen dabei auf ein Verbrechen, bei dem auch ihre Eltern involviert waren. So konfrontiert der Film auch viele der Zuschauenden mit ihrer eigenen Vergangenheit. Nicht zuletzt polnische Rechtskonservative fühlen sich dadurch angegriffen. Sie werfen dem Film vor, dass der Film sich zu direkt auf das Massaker von Jedwabne am 10. Juli 1941 beziehe, und dabei Tatsachen verfälsche. Bei dem Massaker wurden hunderte Jüdinnen und Juden durch polnische Bürger*innen ermordet.

Dass auch Pol*innen antisemitische Massenmorde begangen haben, ist vor allem in nationalkatholischen Kreisen lange nicht hinreichend aufgearbeitet worden. Bei liberalen Strömungen findet der Film hingegen Applaus. Anders, als die deutsche Presse zuweilen suggeriert, gibt durchaus auch in Polen schon seit Jahrzehnten eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Bereits im Jahr 1987 veröffentlichte der Literaturhistoriker Jan Błoński ein Essay mit dem Titel „The poor Poles look at the Ghetto“ – ein Meilenstein zur geschichtlichen Aufarbeitung in Polen. „In seinem Essay stellt er dar, dass der Holocaust zwar keine polnische Idee gewesen sei, er jedoch nicht so einfach durchzuführen gewesen wäre, wenn die Menschen in Polen vor dem Krieg bessere Nachbarn gewesen wären“, sagt Katarzyna Suszkiewicz, Doktorandin an der Jagiellonen-Universität Krakau. Die Politikwissenschaftlerin kooperiert an ihrer Fakultät auch mit dem Centrum für Holocaust an der Universität. „Błoński hat gefordert, dass Pol*innen ihre Schuld eingestehen sollten, anstatt sich nur zu verteidigen.“

Vor dem Erscheinen des Essays war eine Aufarbeitung der Verbrechen durch die politischen Verhältnisse im Realsozialismus erschwert. „Nach dem Krieg hat die kommunistische Propaganda sich nicht mit dem Antisemitismus beschäftigt, sondern pauschal Polen zum Opfer der Nazis erklärt“, so Suszkiewicz weiter. Im Jahr 2000 erschien das Buch „Nachbarn“ von Jan T. Gross, in dem der Historiker und Soziologe das Massaker von Jedwabne aus dem Jahr 1941 dokumentiert.

Antisemitische Anschläge gab es auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Die zwei bekanntesten Pogrome aus dieser Zeit sind die von Krakau 1945 und Kielce 1946“, sagt Katarzyna Suszkiewicz. „Die von den Nazis vertriebenen jüdischen Pol*innen sind in ihre Heimatorte zurückgekehrt. In manchen Fällen wurden sie dort von Polen ermordet, die während ihrer Abwesenheit dort ihre gesellschaftliche Stellung eingenommen hatten.“ Im Jahr 1956 und von 1968 bis 1970 kam es zu zwei großen jüdischen Emigrationswellen aus Polen nach Israel und in die USA, angeheizt zum Teil durch staatliche antijüdische Propaganda in Polen.

Heute leben drei Generationen in Polen nebeneinander. Die Ältesten erinnern sich an ein Polen während des Kriegs, ihre Kinder wurden im Realsozialismus groß, ihre Enkel kennen nur das Polen von heute und suchen jetzt teilweise nach ihren Wurzeln. „Es gibt ein Revival jüdischer Kultur in Polen. Bereits seit 1988 findet in Krakau das Festival jüdischer Kultur statt. Es gibt inzwischen auch wieder lebendige jüdische Gemeinden in Polen, wenn auch nicht so viele wie vor dem Zweiten Weltkrieg“, so Katarzyna Suszkiewicz.

Als Anlaufstelle für die jüdische Spurensuche in Polen gibt es in Krakau eine Bildungsstätte der jüdischen Organisation Czulent sowie das Jewish Community Centre. Die Institutionen haben sich auch der geschichtlichen Aufarbeitung verschrieben. In Krakau leistet außerdem das Zentrum für jüdische Kultur der Stiftung Judaica diese historische Aufarbeitung, unter anderem in Form von Veranstaltungen mit kritischen Dokumentationen zur polnisch-jüdischen Geschichte.

Die Geschichte der Stiftung Judaica begann bereits Ende der 1980er Jahre, ab 1991 beteiligte sie sich aktiv an der Gestaltung des polnisch-jüdischen Dialogs. Vor allem setzte sie sich für den Schutz des kulturellen Erbes im Krakauer jüdischen Stadtteil Kazimierz ein. Bei einer Besichtigung Krakaus wird man deshalb heute wieder verstärkt mit der polnisch-jüdischen Vergangenheit der Stadt konfrontiert. Zum Beispiel im Stadtteil Podgórze, das 1941 bis 1943 in das Ghetto A und B unterteilt wurde. Der jüdische Friedhof ist weiterhin besuchbar. Die Fabrik, in der Teile von Steven Spielbergs Film Schindlers Liste gedreht wurde, befindet sich ebenfalls im Stadtteil Podgórze.

Gegen eine Aufarbeitung wendet sich zum Beispiel die faschistische Partei NOP (Nationale Wiedergeburt Polens), die auch in Krakau mit antisemitscher Propaganda hetzt. Allerdings nicht ohne Widerstand: So setzt sich etwa das antifaschistische Bündnis „nigdy więcej“ (nie wieder) dagegen ein. Das Bündnis existiert in informell bereits seit 1992.

Die Union der jüdischen religiösen Gemeinden in Polen wurde schon 1993 gegründet. „Im Jahr 1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, dass den jüdischen Gemeinden ihr Eigentum zurückgegeben werden muss“, sagt Politikwissenschaftlerin Katarzyna Suszkiewicz. Einige Verfahren, sind immer noch nicht abgeschlossen. Besonders schwierig ist es, wenn es um Privateigentum geht, da es kaum Aufzeichnungen gibt”, so Suszkiewicz. Die Rückgabe von Eigentum, die Aufarbeitung der antisemitischen Verbrechen und die Stille während des Kommunismus’, das seien aktuell brennende Themen.

„Es ist sehr gut, dass es in Polen so viele Bücher und Filme gibt, die uns mit der Vergangenheit konfrontieren“, sagt Katarzyna Suszkiewicz – auch wenn die Debatten nicht immer so verlaufen, wie sie sich es wünscht. „Für mich ist das wichtigste an dem Film, dass er den Kampf mit der Vergangenheit zeigt, der auch heutzutage noch geführt wird.“