Galileo – sehen, staunen, wegschalten

Galileo – sehen, staunen, wegschalten

Hat sich irgendwann schon einmal jemand ernsthaft gefragt wo es den größten Cheeseburger der Welt gibt? Oder  wie viele Heliumballons man benötigt um einen Elefanten in die Luft zu heben? – Wohl kaum. Doch um die Beantwortungen wissenswerter Fragen geht es bei Galileo auch nicht. Seit  inzwischen mehr als 14 Jahren läuft die Sendung, die sich selbst Wissensmagazin schimpft auf ProSieben. Offensichtlich ist die Qualität der Sendung in dieser Zeit nicht konstant geblieben.

In mittlerweile mehr als 4.000 Episoden zeigt das Produktionunternehmen  ProSiebenSat.1Media unter dem Motto „sehen, staunen, verstehen“ wie eine Wissenschaftssendung entarten kann.
Wo zu Beginn auf dem Niveau von „Quarks und Co“ Begebenheiten und Phänomene wissenschaftlich fundiert erklärt wurden, nimmt heute ein breites Repertoire von skurrilen Tests einen Großteil der Sendezeit ein: Wie viele Wäscheklammern kann sich ein durchschnittlicher Mensch ans Gesicht klemmen? Wie lange schreibt ein Kugelschreiber? Oder kann man einen Pkw mit einem riesigen Tau aus zusammengeschmolzenen Gummibärchen ziehen?
Einen maßgeblichen Anteil des Qualitätsverlust der Sendung dürfte der täglichen Ausstrahlung zu verdanken sein. Denn gut Ding will Weile haben. Eine hochwertige Fernsehsendung benötigt Vorbereitungs-, Recherche- und Abwicklungszeit. Um diese zu sparen, wird  Bildmaterial mehrfach in verschiedenen Kontexten verwendet und auch Berichte des Boulevard-Magazins Taff werden unter die Inhalte gemischt.

Eine pseudowissenschaftliche Sendung

Spätestens seitdem Aiman Abdallah das Mikrofon regelmäßig an andere ProSieben-Moderatorinn*en weitergibt, hat die Sendung an Ernsthaftigkeit verloren .
Neben seriös scheinenden Mitarbeitern wie Stefan Gödde führen auch weniger qualifizierte Modererator*innen durch die Sendung. Beispielsweise Daniel Aminati, das Ex-Boyband-Mitglied, seines Zeichens Boulevard-Nudel. Dessen persönliches Motto „Deine Mudda“ zu sein scheint. Mit Thomas Schreiner, bekannt als „Jumbo, der XXL-Tester“ hat die Sendung im Jahr 2008 dann womöglich den letzten Rest von Niveau eingebüßt.
Aus dem Wissenschaftsmagazin wurde schlechtes Infotainment. Während eines langen Berichts werden innerhalb einer spannenden Story vergleichsweise wenig Infos an das Publikum weitergegeben. Didaktisch betrachtet  hat das Format zwar eine recht hohe Qualität doch durch die inhaltliche Fragwürdigkeit (beispielsweise Berichte, die respektlosen Umgang mit Nahrungsmitteln zeigen) verorten Wissenschaftler*innen und Pädagog*innen die Sendung eher im pseudowissenschaftlichen Bereich. Auffällig ist außerdem, dass häufig Produkte von Unternehmen, die Werbekunden von ProSieben sind im Mittelpunk der Berichte stehen und Logos gezielt in Szene gesetzt werden.

„Kann Jumbo wirklich den größten Leberkäs der Welt bezwingen?“

Neben den regulären Sendungen  finden sich verschiedene Galileo-Reihen wie „Galileo Big Pictures“, „Galileo Mystery“ und „Der Galileo-Fake-Check“ im Tagesprogramm von ProSieben, die von rhetorischen Fragen aus dem Off nur so überladen sind: „Kann Jumbo wirklich den größten Leberkäs der Welt bezwingen?“ oder „Wird die Schutzweste aus Weingummi die Pistolenkugel wirklich abfangen können?“
Obwohl die Bewertung des Formats der Sendung immer noch Geschmackssache sein kann, gibt es auch indiskutable Mankos wie falsche Informationen, die während der Sendezeit gegeben werden.
In die Gruppe der Fehlinformationen reihen sich diverse lustigfalsche Behauptungen: Die Gefiederfarbe eines Huhns entscheide über die Farbe des Eis. Eine CD dürfe nur von innen nach außen poliert werden, damit die gespeicherten Datenpakete nicht verschoben werden. Und die Nord-Süd-Ausrichtung der Kompassnadel würde nicht aufgrund des Erdmagnetfelds , sondern durch ein angeblich großes Eisenvorkommen am Nordpol geschehen.

Was würde Marcel Reich-Ranicki sagen?

Abgesehen von Recherchefehlern hat die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten in ihrem Prüfungsbericht von 2011 die Inhalte der Sendung offiziell als entwicklungsbeeinträchtigend eingestuft. Als Beispiel wird die Sendung zum Thema „Methoden zum Töten“ genannt. Im Rahmen dieses Beitrags wurden Ausschnitte des Films „True Lies“ mit Arnold Schwarzenegger auf ihre Durchführbarkeit getestet.
Das Grimme-Institut in Marl dürft wohl eine andere Sichtweise als die Kommission für Jugendmedienschutz haben.  Ein Jahr zuvor erhielt Galileo nämlich den Adolf-Grimme-Preis in der Kategorie „Information & Kultur“. Es lässt sich nur erahnen, dass der  Namensgeber der Auszeichnung sich wohl im Grabe umdreht.[sabi]