Hausarbeiten: Schreiben oder schreiben lassen

Hausarbeiten: Schreiben oder schreiben lassen

Die meisten Studiengänge in Deutschland setzen das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten im Laufe des Studiums voraus. Während manche Medizinstudierende, völlig ohne schriftliche Leistungen durch das Studium kommen, müssen die Studis der Geistes-und Bildungswissenschaften regelmäßig lange Texte schreiben.
Doch zu Gutenberg, Koch-Mehrin und Schavan haben es vorgemacht: Schummeln beim Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten ist keine Seltenheit. Allerdings hat das Plagiieren neue Dimensionen angenommen. Es wird nicht nur zu den eigenen Gunsten fehlzitiert, ganze Hausarbeiten aus fremder Feder werden als die eigenen verkauft. 

Es ist kein Geheimnis, dass Ghostwriter im Internet ihre Dienste für Studierende anbieten. Von Referaten und Protokollen bis zu Essays und Hausarbeiten werden hier alle Arten von wissenschaftlichen Arbeiten an die persönlichen Bedürfnisse der Kunden angepasst und verfasst. Jedenfalls so lange das Geld stimmt.

„87 Prozent der Studierenden wissen nicht, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt!“

„Spätestens seit der Einführung der Bachelor-Master-Studiengänge ist das lockere Studentenleben vorbei“, propagiert Hausarbeiten-schreiben-lassen.com auf seiner Homepage. Ob Studierende zu überfordert sind  oder doch nur zu faul zum Selberschreiben fragt sich hier jedoch keiner.Die Hauptsache ist, dass die Bezahlung pünktlich eingeht. Behauptet wird sogar: „87 Prozent der Studierenden wissen nicht, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt!“
Das Spektrum an Agenturen, die ihre Plagiier-Dienste im Internet anbieten ist groß und somit auch die Konkurrenz. Von Anbietern für den kleinen Geldbeutel, die nur rund 30 Euro pro Seite fordern bis zu Agenturen, die „Qualität auf aller höchstem akademischen Niveau“ für pauschal bis zu 2.000 Euro versichern. Ob diese Preise gerechtfertigt sind, soll gar nicht zur Diskussion stehen, jedoch aber ob das ganze Angebot sich überhaupt auf legalem Grund bewegt. Ein Mitarbeiter von Gwriters erklärt: „Das ist immer noch ein grauer Bereich. Es ist nicht illegal, jedoch ist es auch nicht ganz legal. Wir übermitteln nur eine Mustervorlage, welche frei verwertet werden kann. Wir haben danach jedoch keinerlei Informationen mehr was Kunden mit der Arbeit machen.“

Moralverfall???

„Vor mir lag durch aus schon die ein oder andere Hausarbeit von der ich mir sicher war, dass sie aufgrund des hohen Schreibniveaus und des Inhalts nicht von der Person geschrieben worden sein kann, deren Name vorne drauf stand“, so ein anonymer Dozent eines kleinen Instituts der Universität Duisburg-Essen. „In so einem Fall kann man jedoch schwer beweisen, dass ein Plagiat vorliegt. Dozenten können zwar eine Plagiat-Software bei der Uni einfordern, aber das kann auch erfolglos bleiben“, so der Dozent weiter. „Und dazu kommt noch, dass für soetwas eigentlich keine Zeit bleibt. Wir könnten schriftliche Leistungsnachweise natürlich auch einfach durch mündliche Prüfungen oder Klausuren ersetzen, aber das ist ja nicht der Sinn der Sache. Das Problem ist der Moralverfall.“

„Sie können immer noch sagen, dass Sie ein Lektorat haben machen lassen.“

„Ich bin der Meinung, dass es auffallen würde oder zumindest kann, wenn die Hausarbeit nicht der eigenen Feder entspringt. Die Dozenten kennen die Studierenden und wenn ein schwacher Student plötzlich eine herausragende Arbeit abgibt, die überhaupt nicht seinen Leistungen entspricht, dann zieht das Aufmerksamkeit auf sich und zwar nicht nur im positiven Sinn“, so der Sozialwissenschaftsstudent Jonas. Im Widerspruch dazu stehen jedoch die Versprechen der Agenturen auf dem Markt: „Jede Arbeit ist ein Unikat, daher absolut plagiatssicher und sie erwerben absolutes Copyright auf die Arbeit“ („Die Schreibwerkstatt“, nicht zu verwechseln mit der Beratungsstelle der Uni DUE), „Wenn Sie uns eine Ihrer früheren Arbeiten schicken, könnten wir Ihren Schreibstil berücksichtigen“ („Redaktion Text & Wissenschaft“) oder „Falls die Arbeit zu gut ausfallen sollte, können Sie immer noch sagen, dass Sie ein Lektorat haben machen  lassen, was eine gängige Maßnahme und auch voll und ganz erlaubt ist“ („GWriters“). Die Bandbreite an Rechtfertigung und Hilfestellungen zur Vertuschung ist immens.
„Ich glaube man braucht sich um das Risiko gar keine Sorgen zu machen. Wir werden immer mehr Studenten, die Dozenten haben immer weniger Zeit, die sie zwischen uns aufteilen müssen und so wird das ganze Studium immer unpersönlicher“, so Sandra, die evangelische Theologie studiert.

„Das Thema Duplikate wird von den Medien hochgepuscht.“

„Das Thema Duplikate wird von den Medien hochgepuscht“, so die Schreibwerkstatt. „Beim wissenschaftlichen Arbeiten ist es gar nicht gefordert, eigene Ideen oder Strategien auszuarbeiten sondern es geht hauptsächlich um die Wiedergabe von bestehendem Wissen.“ Dass diese Wiedergabe von bereits bestehendem Wissen und deren Gegenüberstellung dann aber doch schon aus der Feder des Studierenden selbst kommen sollte, verschwiegen die Mitarbeiter*innen der Agentur gerne.
„Wir haben entweder positive oder gar keine Rückmeldungen“, behauptet ein Mitarbeiter der Agentur Gwriters während die Schreibwerkstatt sogar mit Zahlen prahlt: „Unsere Agentur besteht seit zwei Jahren und bis heute wurde noch keiner schlechter als mit einer 3 benotet.“ Dass das jedoch kein Prädikat ist mit dem man sich rühmen sollte, scheinen die Köpfe der Agentur nicht zu erahnen.
Interessant wäre es an dieser Stelle die Meinung eines Studierenden zu hören, der die  Dienstleistungen einer solchen Agentur bereits in Anspruch genommen hat, doch die geben sich selbstverständlich nur selten zu erkennen.[sabi]