Verletzte Gebote, verletzte Gefühle
Eine Posterausstellung über aktuelle Graphic Novels in der Geisteswissenschaftlichen Bibliothek am Campus Essen sorgt für heftige Diskussionen. Eine muslimische Studentin hat ein Plakat zu Craig Thompsons Orient-Comic „Habibi“ auf eigene Faust abgehängt und der Bibliotheksleitung übergeben. Seitdem entspinnt sich an der UDE die so wohlbekannte wie unglückliche Debatte über einen angeblichen Konflikt zwischen künstlerischer Freiheit und religösen Gefühlen, wo eigentlich über Rassismus diskutiert werden müsste.
Was ist geschehen? Am Montag hatten sich etwa zwanzig muslimische Studierende im Vorraum der Bibliothek versammelt und über das Poster diskutiert, das Thompsons Graphic Novel vorstellt. Auf dem Plakat sind drei Bilder aus dem über 600-seitigen Wälzer neben einem erklärenden, englischsprachigen Text abgedruckt. Ein Bild zeigt die Vergewaltigung einer Frau durch einen stereotyp arabisch aussehenden Mann, daneben steht in arabischer Kalligraphie „Allah“. Während die anderen in der Gruppe noch diskutierten, was zu tun sei, nahm eine Studentin das Poster von der Wand und überreichte es den verdutzten Mitarbeiter*innen der Universitätsbibliothek.
Gotteslästerung?
Viele muslimische Studierende hätten in dem Plakat eine Herabsetzung und Beleidigung ihres Gottes gesehen, sagt Ali Nuhi, der Vorsitzende des Islamischen Studierendenbundes (ISB) an der UDE. „Es ist ein gutes Zeichen, dass das Plakat nicht wieder aufgehängt wurde“, so Nuhi weiter. In der Studierendenvertreung der Uni ist das Abhängen des Posters dagegen umstritten. So veröffentliche AStA-Hochschulpolitikreferent Daniel Lucas auf seinem privaten Blog einen Artikel, in dem er sich künstlich darüber empört, dass auf seine „säkularen Gefühle“ keine Rücksicht genommen werde. Aus der Aktion spreche eine „reflexhafte und unreflektierte Art“: „Die betreffenden Personen wollten den Begleittext zu den Zeichnungen nicht lesen und auch jede Auseinandersetzung mit dem Werk wurde verweigert“, so Lucas.
Um den Inhalt von Thompsons Graphic Novel sei es tatsächlich nicht gegangen, sondern allein um die beleidigende Darstellung, bestätigt der ISB-Vorsitzende Ali Nuhi. Dabei wäre eine kritische Auseinandersetzung darüber, auf welche Vorstellungen sich „Habibi“ einerseits bezieht und welche Bilder der Comic dabei vermittelt, keineswegs abwegig. Denn seit dem Erscheinen des Buchs im Jahr 2011 kritisieren einige Rezensent*innen den exotisierenden westlichen Blick auf den „Orient“, welchen die Graphic Novel reproduziere. Außerdem werfen Leser*innen dem Buch vor, die Geschichte aus einer sexualisierenden männlichen Perspektive zu erzählen.
Umstrittene Graphic Novel
Tatsächlich vermischt der US-amerikanische Künstler Craig Thompson in „Habibi“ Mythen und Gleichnisse aus Bibel und Koran mit einer Geschichte über Sklaverei und Zwangsprostitution, die sich maßgeblich aus der Vorstellungswelt westlicher Medien speist. Schauplatz ist das fiktive Land Wanatolien, in dem die Liebesgeschichte der Hauptfiguren Dodola und Zam einen so phantastischen wie grausamen Verlauf nimmt. Während Dodola als Prostituierte arbeiten muss und dabei häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt ist, wird Zam durch Kastration zum Eunuchen.
Thompson selbst legt Wert auf die Feststellung, dass er zwar mit orientalistischen und Klischees arbeite, dabei aber ein positives Bild kreieren wolle. Dagegen kritisiert Daisy Rockwell in der indisch-britischen Wochenzeitung „The Sunday Guardian“ die unironische „Spielerei mit dem Orientalismus“, und merkt an, dass die Geschichte über den „Gebrauch und Missbrauch einer hochgradig sexualisierten Heldin“ das Gegenteil von dem bewirke, was Thompson als Ziel vorgebe. Die iranisch-amerikanische Journalistin Fatemeh Fakhraie schreibt auf dem antirassistischen Blog racialicious.com: „Thompson stellt sich selbst ein Bein, weil er nicht realisiert, dass sein magisches Land voller Djinns und Harems genau die Art von fantastischem Setting ist, von der viele Menschen aus dem Nahen Osten und viele Muslim*as genug haben.“ Damit bediene auch er „das orientalistische Klischee brutaler männlicher Wilder und unterdrückter Frauen“.
Ob Craig Thompsons Graphic Novel stereotypen Orientalismus und antimuslimischen Rassismus bestärkt oder stattdessen kritisch ausstellt, das ist eine Auseinandersetzung, die es wert wäre, geführt zu werden, auch an der UDE. Ebenso müssen sich die Macher*innen der Essener Bibliotheksaustellung die Frage gefallen lassen, welche gesellschaftlichen Wirkungen die sexualisiert-gewalttätigen Bilder haben, wenn sie aus dem Zusammenhang des 600-Seiten-Buchs gerissen werden. Leider gehen diese wichtigen Fragen in dem postulierten Widerspruch zwischen einem anscheinend unsensiblen Umgang mit religiösen Gefühlen und der angeblich zu verteidigenden künstlerischer Freiheit unter.


Ich würde diesen Artikel nochmal redaktionell überarbeiten, da sind einige Tippfehler drin
Ansonsten stimme ich zu, dass man sich mit einem Autor wie Thompson sicher weiter beschäftigen muss, vor allem unter den angesprochenen Gesichtspunkten. Dazu schrieb ich in dem zitierten Beitrag weiter:
“Die betreffenden Personen wollten den Begleittext zu den Zeichnungen nicht lesen und auch jede Auseinandersetzung mit dem Werk wurde verweigert. Und hier liegt auch das Fehlverhalten der Bibliothek. Man hätte eine Auseinandersetzung anbieten müssen. Es gibt sicher genug Leute, die sich zu Thompson äußern können. Die Kurator*innen der Ausstellung vorneweg.”
Die Frage, ob das Bild hängen bleiben soll oder nicht, ist für mich vollkommen offen. Die Begründung greife ich an; mit recht wenig Polemik. Da der Text, bisher, auf Verlinkungen verzichtet hier einmal der vollständige Beitrag:
http://dannlinks.wordpress.com/2013/06/19/meine-sakularen-gefuhle/
[…] Dies passt einigen muslimischen Studierenden an der Uni offenbar nicht. Die akduell berichtet: […]
Das scheint ein allgemeines Missverständnis zu sein: In jeder der vielen Ausstellungen, die über die NS-Zeit informieren und aufklären wollen ist es in der Regel unvermeidlich, auch Dokumente, Filme oder anderes Material zu zeigen, das nach heutigen Maßstäben indiskutabel ist, aber ausgestellt wird, um eine Auseinandersetzung zu ermöglichen.
So sollte es auch mit jedwedem anderen Thema möglich sein, Material zu nutzen.
Das Problem ist, dass diese Art der Rezeption von den muslimischen Studenten anders verstanden wird – nämlich nicht auf der Metaebene, sondern persönlich auf sie bezogen. Vielleicht könnte man hier mal ansetzen.
Man hat ja sonst keine anderen Ereignisse, über die man hätte sonst berichten können…
Wie dem auch sei, wo eigentlich hört “Künstlerfreiheit” bzw. “Meinungsfreiheit” auf und wo beginnt “Diskriminierung” bzw. “Rassismus”?
Die Kunst ist eine Waffe mit der man Herzen erobern, aber auch Herzen verletzen kann…
Interessant:
http://www.youtube.com/watch?v=pyGgbEur6Sk
Da nimmt eine Frau ein Messer und zerstört die Arbeit einer Kommilitonin. Und warum? Weil sie meint, dass das Werk ihren unsichtbaren Freund beleidigt und wenn der unsichtbare Freund beleidigt wird, dann ist aber Schluss mit lustig. Dann herrscht die Gewalt und die Uni duckt sich weg. Die einzige normale Reaktion wäre die sofortige Entfernung dieser militanten Geistertruppe aus der UB gewesen und eine Anzeige wegen Sachbeschädigung. HIer darf man keinen Zentimeter zurückweichen. Jeder kann an seine Gespenster glauben, an Rübezahl, Jahwe, Gott und Allah. Aber wenn er seinen Wahn anderen Menschen als Realität aufdrängen will, dann zeigt er/sie eindeutig, dass er nicht an eine Uni gehört. Und was soll der Schwachsinn mit Rassismus? Jeder hat das Recht über unsichtbare Freunde abzulästern. 25% der Türken verachten laut des Instituts für Türkeistudien Atheisten. Ist das dann auch Rassismus? Was hat überhaupt Rassismus mit Glauben zu tun? Diese Diskussion hier ist unsäglich.
Leider macht der Autor nicht deutlich, inwiefern und warum hier über Rassismus geredet werden soll.
Geht es hier aber nicht um Kunst- und Meinungsfreiheit, um Religionsfreiheit – und die Einforderung des Schutzes “religiöser Gefühle”.
Wer sich weiter mit “Habibi” und dessen Einordnung beschäftigen will, sollte unbedingt mal folgenden, ausführlichen Artikel lesen:
http://www.diesseits.de/panorama/rezensionen/bilderbuch/1372370400/tausendundeine-pracht-craig-thompsons-comic-habibi
Zitat: “Wer den Comic gelesen hat, kann über die Proteste und den vorauseilenden Gehorsam der Universität nur den Kopf schütteln, denn in Thompsons 700-seitigem Werk geht es nicht um Islamkritik, sondern um Ausbeutung und Unterwerfung am Beispiel einer jungen Muslima. “
Vielleicht meint der Autor, dass man über den Rassismus reden müsste, der Migrationsbehintergründeten mit imaginären Freunden andere Empörungsrechte zugesteht als Nichtmigrationsbehintergründeten mit imaginären Freunden?
Das Gute, wenn es das gibt in diesem Zusammenhang, ist, dass Linke Stellung beziehen müssen. Lege ich gleiche Maßstäbe an, wenn es um Unterdrückung und geistige Unfreiheit geht, gleich von welcher Religion ausgehend? Oder lege ich andre Maßstäbe an. Das, liebe Leute, wäre Rassismus.
“Leider gehen diese wichtigen Fragen in dem postulierten Widerspruch zwischen einem anscheinend unsensiblen Umgang mit religiösen Gefühlen und der angeblich zu verteidigenden künstlerischer Freiheit unter.”
Was heißt “angeblich”?
“in dem er sich künstlich darüber empört, dass auf seine „säkularen Gefühle“ keine Rücksicht genommen werde.”
Was heißt “künstlich”? Wenn sich jemand über religiöse Gefühle erregt so ist das “echt”. Wenn sich jemand über säkulare Gefühle erregt so ist das “künstlich”. Oder wie?
Religionskritik mit Rassismus gleichzustellen ist ein fataler Fehler, der die Gesellschaft spaltet. Entweder streben wir wir eine demokratisch humanistische Gesellschaft an oder wir unterwerfen uns einer religiösen Diktatur. Einen Mittelweg gibt es nicht. Für die Zerstörung von Kunstwerken gibt es nur das Eine: Strafanzeige.
Solch ein Verhalten mag an einer Bibel-, Koran-, etc. Schule tolerierbar sein, aber nicht an einer öffentlichen Universität die sich der modernen Aufklärung und Wissenschaft verpflichtet hat. Ich finde es höchst befremdlich das man so einknickt, so etwas hätte es vor 30,40 Jahren nicht gegeben, man hätte die Meinungsfreiheit verteidigt. Heute hat man Angst religiöse Gefühle zu verletzen … es war immer noch eine Ausstellung in der Universität und nicht in einer Kriche oder Moschee.
Die Vorgänge an der Uni Duisburg-Essen sind außergewöhnlich zweifelhaft und fügt ihren Ruf defintiv massiven Schaden zu.
Was dort passiert ist -ohne diese Zerstöraktion der Störerin nach dem Strafgesetzbuch zu ahnden-, macht gerade einen Marsch durch alle akademischen Einrichtungen.
Es ist völlig belanglos wie diese “Studentin” ihre Störaktion begründen will. Es gibt Grenzen. Es ist der Universität Duisburg-Essen aus Interesse an den Selbsterhalt angeraten, diese Studentin von der Universität zu verweisen und dieses Vorgehen behördlich anzuzeigen.
Was würde sonst als nächstes kommen? Zerstörung von Forschungseinrichtungen?
Ich vergleiche diesen Fauxpas mit einer vorsätzlichen Brandlegung in einer Unversitätsbibliothek und damit zu verdeutlichen welche kriminelle Energie dahintersteckt.
Grüße aus Heidelberg.
Gut dass auch in studentischen Kreisen langsam ein gewisser Sättigunggrad an “kultureller Bereicherung” erreicht ist.
Als Elterngeneration der heutigen Studentenschaft kann ich nur sagen, das hätten wir uns vor 30 Jahren nicht träumen lassen, mit was für einem religionskulturellen Zickenkrieg wir uns einmal herumschlagen würden.
Europa ist, auf die Fläche gesehen, auch ganz ohne Islam der vielfältigste Kulturkreis der Welt. In Europa muss man nicht, in Europa darf man leben. In diesem Sinn wünsche ich ebenfalls gute Reise.
Grüße aus Mannheim
freigeist
Die Rassismuskeule ist völlig deplatziert. Die Comics sind künstlerisch hochwertig, d.h. sie geben ein stark stilisiertes Abbild der Realität wieder. Genau das ist es, was Werke wie “Märchen aus 10001 Nacht” oder den Kinofilm “300” ausmachen.
Wenn jetzt irgendwelche Kulturkritiker die Story blöd finden, schön für sie. Kunst muss man nicht gut finden. Dagegen ist die Zerstörung eines Kunstwerkes auf dem Niveau von Bücherverbrennungen. Das ist eine deart primitive Auseinandersetzung mit Werken, dass eigentlich kein aufgeklärter Mensch sowas gutheißen kann.
[…] Tag nichts besserer zu tun hat, als Unizeitungen aus dem Ruhrgebiet zu lesen. Aber hört auf, unsere Artikel in eurer PIssrinne zu verlinken. Wir möchten mit euch nicht gesehen […]
Mannmann, kaum verlinkt das rechtsradikale Hassblog PI-News einen Artikel, schwappen die Deppenkommentare auf eine Homepage wie nix.
Bemrkenswert, dass die Studentin zu einem Messer griff, um die für sie anstößigen Passagen heraus zu schneiden, anstatt zu einem Stift, um sie zu übermalen.
Ich habe gerade einen Artikel dazu auf taz.de gelesen:
“Während einer Austellung über Graphic Novels hängt eine muslimische Studentin zwei Exponate ab – eins zerstört sie sogar. Ihr Motiv scheint antiisraelisch zu sein. ”
http://www.taz.de/Streit-um-Comic-Ausstellung-in-Essen/!119282/
Wenn das der Grund ist wäre das ein Skandal!
Offenbar wurde das “Habibi”-Poster zwar beanstandet und eigenmächtig abgehängt, aber zerschnitten wurde das Poster zum Comic „Blutspuren“ von der israelischen Künstlerin Rutu Modan:
http://editionmoderne.ch/autoren.php?vi=68&va=21
Im Tagesspiegel gibt es aktuell ebenfalls einen guten Artikel zum Thema:
“Eklat um Comic-Ausstellung an Essener Uni: Der Islam, religiöse Gefühle und die Meinungsfreiheit ”
http://www.tagesspiegel.de/kultur/eklat-um-comic-ausstellung-an-essener-uni-der-islam-religioese-gefuehle-und-die-meinungsfreiheit-/8450408.html
Der Verdacht, dass sich die UNI schützend vor eine Antisemitin stellt, wiegt sehr schwer.
Ich hoffe es wird Anzeige erstattet, falls der Staatsschutz nicht von alleine Ermittlungen aufnimmt. Viele Muslime glauben in diesem Land noch immer, Judenhass unter dem Deckmantel ihrer Religion ausüben zu können. Höchste Zeit, dass hier mal juristische Zeichen gesetzt werden.
Solange die Studentin nicht endlich angezeigt und exmatrikuliert wird, wird sich Rektor Radtke den Vorwurf gefallen lassen müssen, seine Universität schütze eine Judenhasserin.
Du sagst es, Stefan!
Wie ich das jetzt verstanden hat wurden die ersten beiden Kunstwerke nur abgehängt weil angeblich irgendwas mit dem Islam drauf war und ihre religiösen Gefühle verletzte. Das dritte Kunstwerk hatte nichts islamisches drauf, wurde aber sogar zerstört. Das zeigt schon was für die Doktorantin schlimmer war, wenn es um den Islam geht ist sie nur empört, wenn es aber um Israel geht kommt der blanke Hass zum Vorschein!