Eine einseitig geführte Debatte

Die Diskussion rund um die von der Anglistik veranstalteten Ausstellung „What Comics can do“ in der Essener Universitätsbibliothek geht weiter. Am 17. Juni hatte eine muslimische Studierende ein Poster der Ausstellung mit Darstellungen aus Craig Thompsons Orient–Graphic Novel „Habibi“ aufgrund von verletzten religiösen Gefühlen (akduell berichtete) abgehangen und Bibliotheksmitarbeiter*innen übergeben. Nach Redaktionsschluss der letzten Ausgabe wurde bekannt, dass die gleiche Studentin am 24. Juni ein weiteres Poster, mit Abbildungen aus dem Buch „Blutspuren“ von der israelischen Zeichnerin Rutu Modan, abhing und mit einer Schere zerschnitt. Die Ausstellung wurde daraufhin abgebrochen. Statt über Rassismus zu diskutieren, beschränken sich Medien und Universität jedoch weiterhin auf einen angeblichen Konflikt zwischen Kunst und Meinungsfreiheit.

Das Echo auf den Vorfall rund um die Ausstellung der Anglistik war groß: Ruhrgebietsmedien wie WAZ oder WDR, aber auch die Welt und die taz beschäftigten sich bundesweit mit den Aktionen der muslimischen Studentin. In der anfänglichen Diskussion nach dem Abhängen der Craig Thompson Novel ging es dabei fast ausschließlich um den alt bekannten binären Diskurs zwischen Religion und Meinungsfreiheit. Während RTL West einen enthusiastischen Kommentar zur Meinungsfreiheit ausstrahlt, treibt es der Tagesspiegel auf die polemische Spitze, der damit aufmacht: An der Uni Duisburg-Essen wird eine studentische Ausstellung geschlossen – aus Angst vor Muslimen, die sich provoziert fühlen könnten. Wieder ein Fall von Selbstzensur in Deutschland.

Polemik statt Auseinandersetzung

Neben dieser Polemik gibt es aber auch Stimmen die den eigentlichen Diskussionsbedarf der Graphic Novel Thompsons erfassen. Die Bloggerin Nadia Shehadeh schreibt auf shehadistan.com: „Es geht also um ein [anscheinend] problematisches Plakat, dass für rassistische (und sexistische, und orientalistische, und-und-und) Inhalte kritisiert wird. Was man natürlich merkwürdig finden kann, wenn man sich noch nie mit Aneignung oder Post-Kolonialismus oder stereotypem Rassismus oder *ismen auseinander gesetzt hat.“ Sie erkennt, dass die Debatte, die sich eigentlich mit Rassismus beschäftigen sollte, weder in den Medien, noch an der Universität angekommen ist: „Ich schätze mal, dass es tatsächlich viele Leute gibt, die die Problematik solcher Abbildungen nicht verstehen. So ist die Welt, das Leben ist hart, und auch bei der heiligen Einfaltigkeit der akademischen Elite von morgen, die solche Plakate aufhängt, müssen nicht immer viele Groschen gefallen sein, doch sei’s drum.“

Antisemitische Motive?

Neben der Auseinandersetzung mit den rassistischen Darstellungen in Habibi, behauptete die taz, dass es zu antisemitischen Vorfällen gekommen sei. Die Zeitung schreibt, dass eine Abbildung von Rutu Modan, die eine israelische Friedensdemonstration zeigt, durch die Studentin zerschnitten worden wäre: Es liegt mehr als nahe, dass ihrer Aktion ein handfestes antiisraelisches, wenn nichtantisemitisches Motiv zugrunde lag.

Laut akduell-Informationen hat die Studentin jedoch keine israelische Friedensdemonstration zerschnitten. In der Abbildung sollen mehrere Demonstrationsplakate in den Müll wandern. Eines von ihnen trägt den Schriftzug „allah“, diesen hat die Studentin entfernt. Das gab der Bibliotheksdirektor Albert Bilo auf der vergangen Senatssitzung nach Anfrage bekannt. Der von der taz in diesem Fall erfundene Antisemitismus hat demnach keine Grundlage und lenkt von der notwendigen Debatte über antimuslimischen Rassismus ab.

Die Universität reagiert auf die Schlagzeilen mit einer öffentlichen Pressemitteilung: „An einer Universität darf es keine Denkverbote geben. Schließlich ist die Universität ein Ort der Toleranz und Wissenschaftsfreiheit. Es entspricht dem Wesen des wissenschaftlichen Diskurses, auch gegensätzliche Standpunkte auszuhalten“, erklärt Rektor Ulrich Radtke. Sie will den Comic jetzt von einem Islamwissenschaftler prüfen lassen. Statt sich mit dem exostisierenden westlichen Blick auf den Orient in Thompsons Novel auseinanderzusetzen, wollen die Geisteswissenschaften ein Kolloqium zum Thema „Hochschule und Meinungsfreiheit“ organisieren. „Wir stellen uns gern der Debatte, die wir mit der Ausstellung ausgelöst haben. Wissenschaft ist schließlich Dialog“, so der Anglisitik-Professor Frank- Erik Pointer.  Die Geisteswissenschaft reduziert sich damit aber nur auf eine Seite der verschiedenen Diskurse, statt den eigentlichen Diskussionsbedarf zu erkennen. [mac]