White Pride im Werbefernsehen

yesweisscan

Wie bitte? Ferrero setzt auf White Pride. (Screenshot: ferrero-kuesschen.de)

„Deutschland wählt weiß“ – das wäre sicherlich ein guter Slogan für eine biologistisch-rassistische Neonazipartei. Knapp vier Wochen vor der Bundestagswahl veröffentlicht dagegen der Süßwarenhersteller Ferrero einen Werbespot, der sich dieses Mottos bedient.

Der Inhalt des Spots ist schnell berichtet: Auf dem Podium einer großen Wahlkampfveranstaltung steht eine Packung weißer Ferrero Küsschen und hält eine Brandrede: „Wir wollen das Land zum Leckeren verändern! Wir wollen weiße Ferrero Küsschen für immer!“ Das Publikum jubelt und gröhlt „Yes weiß can! Yes weiß can!“ Im Anschluss fordert der Redner das fast ausschließlich weiße Publikum auf, mit ihm gemeinsam zu rufen: „Weiß nuss bleiben! Weiß nuss bleiben!“ Dann der eingeblendete Slogan: „Deutschland wählt weiß. Weiße Ferrero Küsschen ab jetzt für immer“.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Macher*innen des Spots verballhornen den Wahlkampfslogan des ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama. Es handelt sich um jenen Slogan, der ursprünglich ein Kampfruf der rassistisch diskriminierten hispanischen Landarbeiter*innen-Bewegung in den USA war. Spätestens seit Obamas Wahlkampf bezieht er sich ganz eindeutig auch auf den zum Teil erfolgreichen Kampf der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gegen Versklavung, Ausbeutung, und für politische Teilhabe.

Ferrero nutzt den Spruch für einen rassistischen Schenkelklopfer: Ein weißes Schokoladenkonfekt, umringt von biodeutschen Zuhörer*innen, will, dass Deutschland weißer wird. Während eines Wahlkampfes, in dem NPD, Pro Deutschland und Co. die Verdrängung der angeblich ursprünglich deutschen Bevölkerung durch Zuwanderung herbei halluzinieren, ruft der Ferrero-Spot in einem eindeutig politisch konnotierten Setting: „Weiß nuss (=muss) bleiben“ – und das weiße Publikum gröhlt mit.

Ein gutes Timing übrigens, die weiß-deutsche Verballhornung von „Yes we can“ fast auf den Tag genau zum 50-jährigen Jubiläum des March on Washington zu veröffentlichen. Am 28. August 1963 forderten mehr als 200.000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C. ein Ende der rassistischen Diskriminierung, und Martin Luther King hielt seine berühmt gewordene Rede „I have a dream“. Es hätte wohl kaum einen besseren Zeitpunkt für den rassistischen Schenkelklopfer von Ferrero gegeben als jetzt.

Ist es eine bewusste Anbiederung an die sich als weiß empfindene Mehrheitsgesellschaft, oder eine himmelschreiende Gedankenlosigkeit, eine solche White-Pride-Werbekampagne zu inszenieren? Ich glaube, letztlich ist der Unterschied gar nicht so groß. Denn es spricht auch für eine Unternehmenskultur, wenn Posten mit Personen besetzt werden, die zu so einer „Gedankenlosigkeit“ fähig sind. Denn in jedem halbwegs sensiblen Umfeld dürfte klar sein, dass die Forderung nach einem weißeren Deutschland – gerade im Bundestagswahlkampf geäußert – kein harmloser Scherz ist, sondern auf Betroffene auch ziemlich bedrohlich wirken kann. Selbst abseits von Neonazi-Forderungen nach Abschiebung und Vertreibung können Menschen, die in Deutschland als nicht-weiß wahrgenommen werden, ein Liedchen von der ganzen Bandbreite der alltäglichen Diskriminierungen singen – und das ist gar nicht so witzig.

Ein Kommentar von Rolf van Raden

Update 28.08.2013, 15:55:

Soeben hat Ferrero mit folgendem Statement auf die Kritik reagiert und eine Überarbeitung des Werbespots angekündigt:

Liebe Küsschen-Freunde, wir haben alle eure Kommentare zu unserer aktuellen Werbung gelesen und nehmen eure kritischen Stimmen sehr ernst. Daher haben wir uns für eine Überarbeitung der Werbung entschieden. Wie wir gestern bereits hier zum Ausdruck gebracht haben, möchten wir erneut betonen, dass wir ohne Frage strikt gegen jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus oder Rassismus sind und uns von diesen Vorwürfen distanzieren. Wir hoffen, dass die Überarbeitung der Werbung weiteren Missverständnissen vorbeugt. Viele Grüße, euer Küsschen-Team