“Blut muss fließen” – Essener Hooligans verhindern Film gegen Rechts

Der Flyer der Dokumentation "Blut muss fließen", deren Vorführung in Essen von Hooligans verhindert wurde.

Der Flyer der Dokumentation “Blut muss fließen”, deren Vorführung in Essen von Hooligans verhindert wurde.

Mainz, Augsburg, Münster, Frankfurt und auf Schalke: Peter Ohlendorf, Regisseur der Anti-Nazi-Dokumentation “Blut muss fließen“, war mit seinem Film in den vergangenen Monaten bei vielen Fußball-Fanprojekten zu Gast. Doch am gestrigen Mittwoch beim AWO-Fanprojekt bei Rot-Weiß Essen war alles anders. Zum ersten Mal haben Hooligans mit Gewaltdrohungen die Vorführung verhindert. Peter Ohlendorf und das Bündnis “Essen stellt sich quer” fordern Aufklärung über mögliche Neonazi-Strukturen in der Essener Fanszene.

„Blut muss fließen“ ist im Moment auf Tour durch ganz Deutschland. Die Dokumentation zeigt Undercover-Filmaufnahmen aus der Rechtsrockszene und liefert vorher unbekannte Einblicke in Neonazi-Strukturen. Gestern sollte der Film auch drei Mal in Essen gezeigt werden. So viel Aufklärung gefällt nicht allen. Während sich am Abend an der Universität rund 150 Zuschauer*innen einfanden und der Film gezeigt wurde, kam es beim AWO-Fanprojekt des Fußballvereins an der Hafenstraße zum Zwischenfall. Dort traten zirka 20 Hooligans auf und verhinderten die Vorführung.

“Diese waren der Meinung, dass die Räumlichkeiten nicht der AWO gehören, sondern den Fans von Rot-Weiss Essen”, berichtet Max Adelmann, Mitorganisator des Abends vom Bündnisses “Essen stellt sich quer”, kurz nach dem Vorfall bei der anschließenden Vorführung auf dem Campus. Die Störer hätten dagegen protestiert, dass die Veranstaltung “politisch” sei. Von der AWO wurde dem Bündnis gesagt, man kenne diese Klientel. Sie würden nicht regelmäßig als Zuschauer im Stadion auftauchen, “sondern an anderen Ecken”, so die leicht nebulöse Formulierung.

Weil die Hooligans eine massive Drohkulisse aufbauten, ließ die AWO die Filmvorführung nicht beginnen. So hätten die Störer Veranstaltungsmaterial zerissen und weggeworfen. Adelmann rekapituliert: „Als ich vorschlug, sie sollten den Saal verlassen, wurde mir gesagt: ‘Wenn ihr euch jetzt hier aufbäumen wollt, dann dauert es keine Stunde und wir kommen mit 30 bis 40 Leuten wieder und werden euch hier aufbäumen’.“ Angesichts dieser Gewaltdrohungen sagte die AWO die Veranstaltung ab. Dies geschehe, um das Fanprojekt und auch explizit die rund 15 anwesenden Jugendlichen nicht zu gefährden.

Nach 500 Vorführungen das erste Mal verhindert

„Sowas wie heute ist Premiere. Traurig“, sagt der Regisseur Peter Ohlendorf. Rund 160 Stationen hat er mit der Dokumentation zur rechten Szene schon in ganz Deutschland hinter sich, darauf wurde sie rund 500 mal gezeigt. „Es gab kleinere Zwischenfälle auf der Tour”, sagt Ohlendorf. “In der Nähe von Braunschweig wollte eine größere rechte Kameradschaft auflaufen, und es gab immer wieder Nazis auf den Vorstellungen.“ Doch noch nie konnte der Film wegen Drohungen aus rechten Kreisen nicht gezeigt werden. Ein trauriges Essener Alleinstellungsmerkmal.

Regisseur Ohlendorf und Aktivist Adelmann pochen auf Aufklärung über rechte Strukturen in der Essener Fanszene. „Wir sind der Meinung, dass das Vorkommnis aufgeklärt werden muss. Von Rot-Weiss Essen ist immer wieder zu hören, dass es dort keine rechte Szene gebe. Dem ist anscheinend nicht so“, sagt Adelmann. „Ich bin gespannt, wie die weitere Diskussion bei Rot-Weiss Essen stattfindet”, sagt auch Ohlendorf, der davor warnt, rechte Strukturen in den Fankurven zu verharmlosen: „Es wird zu schnell und zu gerne gesagt: ‘Wir haben hier gar kein Problem'”.

Insofern steht nun einiges an Aufarbeitung an. Immerhin: Als erste Reaktion äußerte Essen stellt sich quer, dass man versuchen will, gemeinsam mit RWE die Vorführung nachzuholen und den Film im Stadion zu zeigen. Und Produzent Ohlendorf geht weiterhin mit der Rechtsrock-Doku auf Tour: „Wir können nicht die Augen zumachen. Wir können nicht sagen, dass es nicht stattfindet. Wir schauen jetzt nach vorne und gucken, dass der Film gerade deswegen erst recht läuft“, so Ohlendorf.

[Autor*in der Redaktion bekannt]

Update 17.10.13, 16:15: Soeben hat der Verein Rot-Weiß Essen eine Stellungnahme veröffentlicht:

Vereinsschädigendes Verhalten: RWE distanziert sich von rechten Drohgebärden

Mit großer Betroffenheit haben wir vernommen, dass die vom AWO-Fanprojekt Essen gestern geplante Filmvorführung von Personen unter Androhung von Gewalt verhindert wurde, die sich als Fans von Rot-Weiss Essen dargestellt haben.

Wir distanzieren uns mit aller Deutlichkeit und ohne Wenn und Aber von den Aktionen solcher Personen. Weder die Androhung von Gewalt noch die Unterdrückung von freier Meinungsäußerung sind mit den Werten des Vereins vereinbar. Als weltanschaulich neutraler Verein stellen wir uns satzungsgemäß gegen jede Form von Diskriminierung und akzeptieren keine Formen von selbstdefiniertem Fansein, die durch entsprechendes Verhalten diese Werte missachten.

Gegen Diskriminierung und menschenverachtende Weltanschauungen einzustehen ist eine Aufgabe, die nicht am Stadiontor endet. Wir werden hier mit allen relevanten Gruppen gemeinsam agieren und entschieden gegen solche Tendenzen vorgehen.