Rassismusdebatte bei Rot-Weiß Essen

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Banner im Stadion des Ruhrgebietsvereins Rot-Weiss Essen. Der muss sich jetzt der Debatte um Rassismus in den Fanreihen stellen.
(Foto: SurfGuard/flickr.com/CC BY-NC-SA 2.0)

Rund 20 mutmaßlich rechte Fußballfans haben die Vorführung der Neonazi-Dokumentation „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ beim AWO-Fanprojekt des Vereins verhindert. (akduell berichtete online.) Jetzt debattieren Verein und Fans über die Konsequenzen aus dem Zwischenfall. Gegenüber akduell nimmt der Vereinsvorsitzende Michael Welling Stellung und kündigt an, dass der Film im Stadion gezeigt werden soll.

Die Neonazi-Dokumentation des Regisseurs Peter Ohlendorf ist im Moment auf Tour durch ganz Deutschland. Sie zeigt Undercover- Filmaufnahmen aus der Rechtsrockszene und liefert vorher unbekannte Einblicke in Neonazi- Strukturen. Der Film wurde bereits vor mehreren Klubs in ganz Deutschland gezeigt, darunter auch bei Schalke 04 im Ruhrgebiet. Rund 250 Fußballfans hatten den Film dort ohne Zwischenfälle verfolgt. Anders sah das beim AWO-Fanprojekt an der Hafenstraße in Essen aus: Rund 20 Personen haben dort die Veranstalter*innen bedroht und laut Augenzeug*innen Veranstaltungsmaterial zerrissen. Dazu Mitorganisator Max Adelmann vom Bündnis Essen stellt sich quer: „Als ich vorschlug, sie sollten den Saal verlassen, wurde mir gesagt: Wenn ihr euch jetzt hier aufbäumen wollt, dann dauert es keine Stunde und wir kommen mit 30 bis 40 Leuten wieder.“

„Angesichts der bedrohlichen Situation“ habe das AWO-Fanprojekt daraufhin die Veranstaltung abgesagt, heißt es in einer Erklärung der Verantwortlichen. Dabei sei es auch darum gegangen, „die anwesenden Jugendlichen zu schützen“. Rund 15 Jugendliche waren zu den Fancontainern an der Hafenstraße gekommen.

„Sowas wie heute ist Premiere. Traurig“, sagt Regisseur Peter Ohlendorf am Abend gegenüber akduell. Immer wieder seien Nazis zu den Vorführungen gekommen um zu provozieren, in der Nähe von Braunschweig habe eine rechte Kameradschaft versucht, die Veranstaltung zu stören. Doch verhindert wurde die Vorführung noch nie. „Jetzt müssen Konsequenzen gezogen werden. Interessant ist in dieser Hinsicht auch, ob die AWO Anzeige stellen wird, schließlich ist sie die Hausherrin“, sagt der Regisseur der Neonazi-Dokumentation, Ohlendorf.

Anzeige gegen rechte Störer

Eine Anzeige des AWO-Fanprojekts liegt bis heute noch nicht vor. Allerdings haben Aktive des Bündnisses „Essen stellt sich quer“ Anzeige erstattet – gegen Unbekannt. Denn um welche RWE-Fangruppierung es sich genau handelte, darauf wollen sich die Aktiven bisher nicht festlegen. Am Abend des Eklats wurden sie von Beteiligten als „rechte Hooligans“ bezeichnet. Es wird jedoch vermutet, dass einige Täter dem AWO-Fanprojekt sogar namentlich bekannt sind. Auf akduell-Anfrage verwiesen die Verantwortlichen des Projektes lediglich auf ihre offizielle Pressemitteilung.

Bereits am Tag nach dem Vorfall hat sich der Verein in die Debatte eingeschaltet. In einer offiziellen Stellungnahme distanzierte er sich von den „rechten Drohgebärden“ und verteidigte die Veranstaltung im Umfeld des Vereins: „Gegen Diskriminierung und menschenverachtende Weltanschauungen einzustehen ist eine Aufgabe, die nicht am Stadiontor endet“, heißt es in der Stellungnahme. Auf akduell- Anfrage äußert sich RWE-Chef Michael Welling persönlich zum Thema Rassismus bei Rot-Weiss Essen: „Der Fussball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Da es in der Gesellschaft leider noch immer Probleme mit Rassismus gibt, gibt es diese auch beim Fussball.“

Mit dem Thema Rassismus setzt sich RWE nicht zum ersten Mal in diesem Jahr auseinander. Ende September war ein Fan des Vereins beim Spiel gegen die zweite Mannschaft von Schalke 04 ausfällig geworden und hatte Gerald Asamoah mit Affenrufen verhöhnt. Der wegen einer Verletzung auf der Tribüne sitzende Mittelstürmer Christian Knappmann wies den rassistischen Fan darauf zurecht. Der Vereinsvorsitzender Welling verurteilt solche Zwischenfälle auf das Schärfste: „Jeder, der sich rassistisch äußert, ist kein Fan von Rot-Weiss Essen, Fansein und Rassismus schließen sich hier aus!“

Der Flyer der Dokumentation "Blut muss fließen", deren Vorführung in Essen von Hooligans verhindert wurde.

Auch auf dem Unicampus wurde der Film vörgeführt. Dort vor 15o Zuschauer*innen und ohne Probleme.

Ein „unpoltischer Anstrich“

An dem rassistischen Vorfall auf der Tribüne war wahrscheinlich nur ein Fan beteiligt. Bei der Verhinderung des Filmes sind dagegen rund 20 Personen organisiert aufgetreten. Es stellt sich die Frage, ob es rechte Fan-Gruppierungen auch bei Rot-Weiss Essen gibt. Nicht immer geben sich rechte Fans allerdings sofort als solche zu erkennen. Mitunter geben sie sich den Anstrich des „Unpolitischen“ und protestieren gegen „Politik im Stadion“, wenn andere Gruppen gegen rechte Umtriebe in den Fankurven vorgehen wollen. So argumentierten auch die Störer in den Containern des Fanprojektes bei ihren Drohungen gegen das Fanprojekt. Auf der Facebook-Seite von RWE sind unter der Pressemitteilung des Vereins zahlreiche Kommentare zu lesen, die gegen „Politik im Stadion“ argumentieren, die aber gleichzeitig aber keineswegs unpolitisch sind, sondern Fußballfans beleidigen, die sich gegen Rechts engagieren.

„Bei unserem Verein gibt es das Problem mit Rassismus nicht in größerem oder kleinerem Ausmaß als bei anderen Vereinen wie zum Beispiel Borussia Dortmund“, sagt dazu RWE-Chef Welling. „Mit Blick auf organisierte Aktivitäten hat hier gerade sogar die Polizei Essen darauf verwiesen, dass es dies bei RWE nicht im Stadion gebe.“ Die Essener Polizei hatte nach dem Zwischenfall beim Filmprojekt erklärt, dass es zwar bis zu 150 gewaltbereite Fans gebe, und dass derzeit rund 30 Stadion-Verbote verhängt seien, davon jedoch keines wegen rechter Zwischenfälle.

Essener Hooligans sympathisieren mit rechten Bremern

Tatsächlich gibt es im Umfeld von RWE keine auffälligen rechten Schlägertrupps, wie beispielsweise die „Division Duisburg“ beim MSV Duisburg. Allerdings gibt es unter den Fans Sympathien für rechte Hoolingans aus Bremen, etwa aus der Gruppierung „Nordsturm Brema“, der auch Hannes Ostendorf angehört, der Sänger der rechtsextremen Band „Kategorie C“. Die Gruppierungen aus Bremen sind nicht zu unterschätzen: Gegen ihre Mitglieder sind mehrere Anklagen anhängig, darunter auch eine wegen versuchtem Totschlag, weil ein Schalke-Fan 2012 mehrfach brutal auf den Kopf getreten wurde. Beim Anführer der „Standarte Bremen“ fand die Polizei daraufhin bei einer Hausdurchsuchung scharfe Munition.

Im eigenen Stadion geht RWE gegen rechte Hooligans vor. Fans, die rechte Parolen auf den T-Shirts tragen, dürfen seit 2007 nicht mehr das Stadion betreten. Rechte Parolen oder Banner würden beim Verein bestraft, erklärt der Vorsitzende Welling: „Verstöße mit Blick auf das Thema Rassismus werden bei uns auch mit Stadionverboten und Vereinsausschlussverfahren behandelt.“

Vorführung der Neonazi-Doku wird nachgeholt

RWE-Chef Welling kündigt an, dass die Filmvorführung, die eigentlich beim AWO-Fanprojekt stattfinden sollte, demnächst auf dem Vereinsgelände nachgeholt werden soll. „Wir werden gemeinsam mit dem Stadioneigentümer GVE als Rot-Weiss Essen den Film im Stadion zeigen, um so auch in dieser Frage zu dokumentieren, dass wir keinen Fußbreit zurückweichen vor irgendwelchen Drohgebärden. Das wäre ein fatales Signal“, so Welling. Der Film wird wahrscheinlich in der Assindia Lounge des Stadions gezeigt, in der bis zu 700 Zuschauer*innen Platz finden.