Sexismus im abgeschlossenen Schulorganismus

akduellJede Universität hat eine Ombudschaft, ein Gleichstellungsbüro und das Frauenreferat innerhalb des AStAs, um Beschwerden gegen Sexismus einzulegen. An nordrheinwestfälischen Schulen gibt es solche Instanzen nicht. In kaum einer Schule wird gelehrt, was Sexismus tatsächlich ist und wie man sich in der hierarchischen Ordnung des Schulalltags dagegen wehren kann. Auch die „Lehramts-Universität Duisburg Essen“ bietet angehenden Lehrer*innen keine Seminare zur Vorbeugung von Sexismus an Schulen.

Eine ehemalige Schülerin traut sich erst nach ihrem Abitur offen darüber zu sprechen, was ihr an einem nordrhein westfälischen Gymnasium geschehen ist. Es soll in der achten Klasse gewesen sein. Sie richtet sich ihren Schal, ihr Lehrer greift unaufgefordert ein und streifte ihr dabei über den Busen. „Er hat sowas dauernd gemacht“, so die ehemalige Schülerin. Aus Angst um die eigenen Noten legte sie aber nie Beschwerde ein. Kein Einzelfall, denn die Abhängigkeit zwischen den Schüler*innen und den höher stehenden Lehrenden fördert oft Hemmnisse. Doch an wen können sich Schüler*innen bislang überhaupt wenden, wenn sie Sexismus ausgesetzt werden? Zum Beispiel an die Vertrauenslehrer*innen. Diese sind Lehrkräfte, die sich freiwillig zu einer jährlichen Wahl durch die Schüler*innen aufstellen lassen. Die Schüler*innen haben allerdings keinerlei Einfluss darauf, welche Lehrkraft sich zur Wahl aufstellt. „Unser Vertrauenslehrer war nicht sonderlich besser als mein anderer Lehrer“, so die ehemalige Schülerin weiter.

Handlungsunfähigkeit durch mangelnde Aufklärung

Wenn sich Schüler*innen nicht an die Lehrkräfte wenden wollen, können sie auch zu den Schüler*innenvertretung gehen. Das sind engagierte Schüler*innen, die oft aber selbst nicht sensibilisiert worden sind. Es fehlt an Aufklärungskampagnen.
„Mir war als achtzehnjährigem Schülersprecher keine klare Definition für Sexismus innerhalb der Schule und dann noch zwischen Lehrer_Innnen und Schüler_Innen bekannt“, so der ehemalige Schüler*innensprecher Leon Hartmann* weiter. Rückblickend behauptet Leon Hartmann, dass es durchaus Sexismusprobleme an der eigenen Schule gab. Allerdings wissen die meisten Schüler*innen nicht, was Sexismus ist oder wo dieser beginnt. Äußerungen von ehemaligen Schülerinnen wie: „Wenn Sexismus bereits dann beginnt, dass mir ein Lehrer ständig auf den Busen schaut und dabei ungefragt meine Schultern anfasst, dann würde ich schon sagen, dass ich mit Sexismus Erfahrungen gemacht habe“, belegen die Notwendigkeit über Sexismus Aufklärungskampagnen an Schulen.

Mangelndes externes Personal an Gymnasien

Außerhalb der Hierarchiestruktur von Lehrer*innen und Schüler*innen gibt es an vielen Schulen keine professionelle Unterstützung. „Wirklich geschultes Personal zur Beurteilung wie Schulpsychologen oder ähnliches fehlte gänzlich“, so Leon Hartmann. Tatsächlich finden Sozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen meist nur Anstellung an Haupt- und Gesamtschulen.

Vorgehen gegen Beamte

Wenn weder die Schüler*innenvertretung der Schule noch Vertrauenslehrer*innen, andere Lehrkräfte oder externe Personen weiterhelfen können, müssen Schüler*innen sich bei sexistischen Erfahrungen direkt an die Schulleitung wenden. Ist die Schulleitung selbst beteiligt, muss die Schulaufsicht aufgesucht werden, eine massive Hürde. Noch schwieriger ist es beiverbeamteten Lehrkräften: Hier muss rechtlich sogar eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht werden. Alle Schritte zur Beschwerde müssen präzise protokolliert und unterschrieben werden, auch Verweigerungen zur Unterschrift. Der Tathergang der Lehrkraft muss mit Datum, Uhrzeit, Ort und eventuellen Zeug*innen protokolliert werden. Verbeamtete Lehrkräfte werden bei Beschwerden in den meisten Fällen lediglich „strafversetzt“, außer es handelt sich um eine gravierende Straftat. Das bedeutet, dass sie an einer anderen Schule weiter unterrichten können. Doch wie wird zukünftig mit dem Thema Sexismus an Schulen umgegangen? Eine Sensibilisierung mit dem Thema für kommende Lehrkräfte sieht das Lehramtsstudium bislang nicht vor. Das seit 2009 verpflichtete Eignungspraktikum, vorzugsweise vor Beginn des Lehramtsstudiums, führt Praktikant*innen direkt und ohne Aufklärung über Sexismus in die schulinternen Hierarchiestrukturen. Während Schüler*innen das schwächste Glied an der Schule sind, stehen Eignungspraktikant*innen an der untersten Stelle des Lehrer*innenzimmers. Sie sind von der Praktikumsbetreuung abhängig. So werden auch Praktikant*innen zu Opfern. Ein roter Faden, der sich quer durch die schulinternen Hierarchiestrukturen durchzieht. Durch die mangelnde Sensibilisierung in der Schule, werden sexistische Situationen meist erst zu spät erkannt. Wie eine pädagogisch sinnvolle Aufklärung über Sexismus jedoch aussehen könnte, wird auch angehenden Lehrer*innen nicht vermittelt. Dabei müsste dieser Kreislauf gerade in der Ausbildung unterbrochen werden.
*Name redaktionell geändert