Wir müssen über Geld reden – Queere Kapitalismuskritik

Ist der Kampf für die Rechte und Interessen von Lesben, Schwulen und anderen Queers eine im Grunde unpolitische Lobby-Arbeit oder steht er im Zusammenhang mit anderen ungerechten Verhältnissen, wie Rassismus und Kapitalismus? Die Autoren des neu erschienenen Bandes „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ vertreten entschieden letzteren Anspruch und versuchen die vermeintlichen Ein-Punkt-Bewegungen entgegen dem Schwul-lesbischen Mainstream zu verbinden. Dabei ar- gumentiert das Buch vor allem bewegungsgeschichtlich und keinesfalls theoretisch abgehoben. Wer die aufgeworfenen Fragen mit Heinz Jürgen Voß, der das Buch gemeinsam mit Salih Alexander Wolter geschrieben hat, weiterdiskutieren möchte, hat dazu am 26. November Gelegenheit. Auf Einladung des Autonomen Frauenreferats hält er einen Vortrag zum Buch am Campus.

Heinz Jürgen Voß hatte sich als Diplombiologe einen Namen in akademischen und feministischen Kreisen gemacht, als er in seiner sozialwissenschaftlichen Dissertation, „Geschlechterdekonstruktion aus biologisch-medizinischer Perspektive“ behandelte. Seitdem publiziert er zum Thema Intersexua- lität und beteiligte sich kritisch an der jüngsten Beschneidungsdebatte. Seine neueste Veröffentlichung soll das Verhältnis von Rassismus, Sexismus und Klassenverhältnis herausarbeiten und außerdem „dazu anregen, dass die Arbeiten von Queers of Color und aus der Schwarzen deutschen Frauenbewegung auch in akademischen und aktivistischen mehrheitsdeutschen Zusammenhängen endlich zur Kenntnis genommen werden“, so Voß gegenüber akduell. Auf 158 Seiten, die ein ausführ- liches Literaturverzeichnis mit ein- schließen, haben die beiden Autoren hierzu vergleichsweise wenig Platz zur Verfügung. Auf den ersten 62 Seiten beschäftigt sich Salih Alexander Wolter mit Kapitalis- musbegriffen und der Geschichte queerer Politik. Nach einem Überblick über aktuelle queer-theoretische Ansätze wird abschließend auf Kolonialismus und Intersektionalität eingegangen.

Werden nicht-weiße Autor*innen ignoriert?

Im zweiten Teil des Buches holt Voß historisch noch einmal weiter aus und zeichnet das gemeinsame Entstehen von Rassismus, Sexismus und Kapitalismus nach, um schließlich aktuelle politische Perspektiven zu diskutieren. Dabei ist den beiden Autoren wichtig, die Arbeiten und aktivistischen Kämpfe von Queers of Color – also solchen, die von Rassismus betroffen sind – sichtbarer zu machen. Voß hält hier einen Perspektivwechsel für notwendig. „All das was jetzt als ‚neu‘ verkauft wird, wurde im Wesentlichen von Queers of Color erarbeitet – nur wurde es nicht unter ihrem Namen rezipiert.“ Es gebe viele Arbeiten solcher Autor*innen, die erhebliche Relevanz für die aktuellen Debatten haben müssten. Voß hält es für unerklärlich, „wie etwa ein aktueller deutscher Einführungsband zu Intersektionalität ohne Verweis auf die Schwarze deutsche Frauenbewegung, ihren Aktivismus und ihre Schriften auskommt und ein aktueller Einführungsband in die Geschlechtersoziologie Rassismus nur kurz im Unterkapitel zur Nazi- Zeit behandelt und Kolonialismus nur in zwei knappen Absätzen abgehandelt wird.“ Stattdessen werde es oft schon als Beleidigung aufgefasst, wenn nur einmal eine weiße Person nicht zitiert werde.

Frauenreferat will Debatte fördern

Frauenreferentin Julia Daldrop unterstützt diesen Ansatz. Bereits auf der vergangenen Frauenvollversammlung an der Universität Duisburg-Essen, auf der sie gemeinsam mit zwei weitere Studentinnen gewählt wurde, hätten die Referentin- nen übereinstimmend betont, dass sie die Unterstützung von Menschen, die mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind, für besonders wichtig erachten. „Auch wenn (queer-)feministische und antirassistische Positionen bis heute oft gegeneinander ausgespielt werden, glaube ich, dass beispielsweise eine starke Women of Color-Bewegung eine machtvolle Gegenposition für beide Kämpfe darstellen kann“, so Daldrop. Deshalb fördere das Frauenreferat auch die geplante Ausstellung „Daima – Images of Women of Colour in Germany“ der Fotografin Nzitu Mawakha.

Daldrop hält es für unverzichtbar, Sexismus und Kapitalismus gemeinsam in den Blick zu nehmen: „Viele geschlechtsspezifische Hierarchien werden durch kapitalistische Strukturen aufrechterhalten, wie zum Beispiel beim Gender Pay-Gap, der in Deutschland immer noch bei 23% liegt. Auch an unseren Hochschulen reproduzieren sich diese Verhältnisse: Weniger als ein Fünftel aller Professor*innen in Deutschland sind bislang weiblich.“ Noch steht das vollständige Programm für das beginnende Semester nicht fest. Neben dem Vortrag von Voss konnte auch die feministische Rapperin Sookee für einen Vortrag über Frauen im Rap mit anschließendem Konzert gewonnen werden. Die Veranstaltung mit der „Quing of Berlin“ soll im Winter krönender Abschluss der Vortragsreihe „Mediale Frauenbilder“ werden, die das Frauenreferat gemeinsam mit der Studentin für Gleichstellung organisiert. Achtet auf Terminankündigungen auf der Facebookseite des Frauenreferats.