Thor-Steinar beim Rückspiel gegen Rechts

Bei der Nachvorführung der Rechtsrock-Doku "Blut muss fließen" im RWE-Stadion: Spruchbanner gegen rechte Argumentationsstrukturen

Bei der Nachvorführung der Rechtsrock-Doku „Blut muss fließen“ im RWE-Stadion: Spruchbanner gegen rechte Argumentationsstrukturen.

Rund 500 Zuschauer*innen sind kürzlich in die Assindia-Lounge des RWE-Stadion an der Hafenstraße geströmt. Dort wurde die Vorführung der Rechtsrock-Dokumentation „Blut muss fließen“ im großen Rahmen nachgeholt, nachdem sie von Hooligans des Vereins beim Essener AWO-Fanprojekt am 16. Oktober verhindert worden war. Mit einer Podiumsdiskussion sollte danach auf das Thema Rassismus im Fußball eingegangen werden. Statt Worten hätten sich viele jedoch Handeln gewünscht: Denn ein mit der rechten Marke „Thor-Steinar“ bekleideter Besucher wurde trotz mehrmaligen Hinweises nicht des Saals verwiesen, obwohl die Stadionordnung das vorsieht.

Der Besucher trägt eine Jacke in norwegischem Muster mit dem Schriftzug „Thor Steinar – Nordic Company“ auf der Kapuze. Eine schwarze Strickmütze mit dem Aufdruck „Kommando Essen“ in Fraktur-Schrift rundet das Outfit ab. Direkt neben ihm steht demonstrativ die Stadion-Security – Der rechte Zuschauer wechselt immer wieder genervt den Platz, er fühlt sich beobachtet. „Solange die sich anständig benehmen können wir nichts machen“, gibt der Sicherheitsmann zur Auskunft. Auf akduell-Anfrage, ob es nicht ein Verbot rechter T-Shirts im Stadion gebe, antwortet er: „Nö, weiß ich nix von.“

Ungeschultes  Sicherheitspersonal

Das Wegschauen des Sicherheitspersonals, wenn es um rechte Symbolik geht, wird schon lange beim RWE kritisiert. „Wichtig ist, dass auch das Sicherheitspersonal gut geschult ist“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle bei der Deutschen Sportjugend. Das war hier anscheinend nicht der Fall. Denn in der Stadionordnung von RWE unter Paragraph 5 ist das Mitführen von rassistischen, fremdenfeindlichen, rechtsradikalem oder anderweitig diskriminierendem Propagandamaterial eindeutig untersagt. Als von Neonazis für Neonazis gegründete Marke fällt Thor Steinar eindeutig unter diesen Paragraphen.

Für den Regisseur, der auch zur Podiumsdiskussion geladen war, ein klares No-Go: „Für mich geht es gar nicht, dass hier Leute im Stadion mit Thor-Steinar auflaufen. Entweder geben sie die Klamotten vorne ab, oder sollten wirklich des Saals verwiesen werden“, so Regisseur Peter Ohlendorf. Tatsächlich geschah nichts dergleichen, die betreffenden Personen wurden lediglich beobachtet. Noch im Oktober hatte der Vereinsvorsitzender Michael Welling im akduell-Interview das Verbot rechter T-Shirts und Plakate im Stadion betont. Bei Verstößen mit rassistischem Hintergrund könne der Verein mit Stadionverboten und Ausschlussverfahren reagieren, so Welling (akduell berichtete).

Thor-Steinar-Shirt „scheißegal“

Auf der Podiumsdiskussion konfrontiert Adelmann RWE-Chef Welling, damit das Personen mit rechten Smybolen im Saal anwesend seien. Hatte sich der Vorsitzende sonst klar gegen Rechte in seinem Stadion geäußert, will er jetzt lieber in einen Dialog mit ihnen treten. Es sei wichtig, dass auch solche Menschen den Film sehen: „Ganz ehrlich, da ist mir auch das Thor-Steinar Shirt scheißegal, solange die Botschaft angekommen ist“, so Welling bei der Podiumsdiskussion.

„Fans wollten nicht mehr reden“

Einige Stimmen im Publikum befürworten die Argumentation des Vorsitzenden: „Es ist leicht zu sagen, das und das T-Shirt ziehst du nicht an. Damit hat man aber nichts im Denken verändert, sondern man schafft Märtyrer und Opfer“, so ein langjähriger Fan. Vielmehr sollten Initiativen wie das AWO-Fanprojekt mit den rechten Fans arbeiten. Andere geben darauf Kontra, so auch Linken-Ratsfraktionsmitglied Wolfgang Freye: „Ich finde ja auch, man muss miteinander reden. Das Problem ist aber, dass es Leute gab unter den Fans, die nicht mehr reden wollten. Die mit Gewalt verhindert haben, dass ein Film gezeigt wird. Da muss man klare Verbote aussprechen.“

Akzeptierende Jugendarbeit?

Regisseur Ohlendorf kritisiert zudem das Konzept eines rechtsoffenen sozialpädagogischen Ansatzes. Eine akzeptierende Jugendarbeit, die am Ende dazu führt, dass das Fanprojekt von den Hooligans übernommen wird, wie bei der ersten Filmvorführung, könne so nicht funktionieren. „Das kennen wir von so manchen Jugendclubs, die von Nazis übernommen wurden, weil Sozialarbeiter dachten, sie können mit denen irgendwie arbeiten. Da müssen klare Grenzen her“, so Ohlendorf.

Eben die Sozialarbeiter*innen des Fanprojekts der Arbeiterwohlfahrt stehen bei der Podiumsdiskussion im Fokus. Auf die Frage, warum das Projekt als einziger damaliger Mitveranstalter keine Strafanzeige erstattete, antwortete Edith Schmitzer von der AWO-Essen: „Es wurden ja schon Strafanzeigen gestellt und Ermittlungen aufgenommen.“ Für manche Besucher*innen reicht das nicht aus: „Wichtig wäre es, dass diejenigen, die wissen, wer dahinter steckt, das auch sagen, damit die Leute belangt werden können“, so Wolfgang Freye von der Essener Linksfraktion im Rat. Denn es ist schon länger bekannt, dass Mitarbeiter*innen des Fanprojektes einige der Täter*innen wiedererkannt haben sollen. Bislang laufen die Anzeigen von Essen stellt sich quer und dem RWE nur gegen Unbekannt.

Die Filmvorführung war ein erster Schritt gegen den Einfluss rechter Hooligans bei Rot-Weiss Essen. „Wir müssen alle daran arbeiten, dass diese Umtriebe im Essener Stadion reduziert werden“, sagt Welling zum Abschluss der Podiumsdiskussion. Möglichkeiten zur Arbeit gibt es genügend: „Es muss jetzt aufgeklärt werden, wer die Filmvorführung verhindert hat und warum es hier Gruppen gibt, die die Kurve beherrschen und andere Menschen vor Angst zum Schweigen bringen“, so Regisseur Ohlendorf.  [Autor*in der Redaktion bekannt]