Facebook ist kein Gott

facebook-fotohttp://akduell.de/wp-admin/admin-ajax.php?action=imgedit-preview&_ajax_nonce=a0d4a56c3f&postid=4207&rand=86484Facebook, überall Facebook. Viele sind überzeugt: Wer persönlich vernetzt sein will, und wer eine Öffentlichkeit für die eigenen Anliegen sucht, kommt an dem größten aller sozialen Netzwerke nicht vorbei – trotz aller Datenschutzskandale und beständigen Verschlechterungen der Nutzungsbedingungen. Ist dem wirklich so? Am kommenden Dienstag lädt der AStA der Uni Duisburg-Essen zu einer Diskussionsveranstaltung über Facebook-Alternativen ein. Dabei macht er gleich die Probe aufs Exempel: Tatsächlich gibt es zu diesem Abend kein Facebook- Event, dafür aber eine Einladung in dem sozialen Netzwerk Diaspora.

Der Name Diaspora wird am häufigsten genannt, wenn es um Alternativen zu Facebook geht. Seit inzwischen drei Jahren basteln Aktive daran, eine freie Software zu entwickeln, die einen möglichst ähnlichen Funktionsumfang zu Facebook hat, dabei jedoch dezentral organisiert ist. Theoretisch, so zumindest die Idee, können alle Nutzer*innen selbst einen Server eröffnen und müssen keiner Firma wie Facebook erlauben, alle Informationen großzügig auszuwerten und zu Werbezwecken zu verwenden. Einen ähnlichen Ansatz vertritt auch das bisher kleinere unkommerzielle Alternativprojekt friendica, das besonderen Anspruch auf leichte Installierbarkeit der eigenen Server legt.

Gute Alternativen für einzelne Aufgaben

„Klar, bisher kann es keine dieser Alternativen von der Reichweite mit Facebook aufnehmen“, sagt der Informatiker Martin Pilpul, der denVortrag am kommenden Dienstag halten wird. „Ich werde daher auch nicht das eine Netzwerk vorstellen können, das in der Lage ist, Facebook innerhalb der kommenden sechs Monate komplett zu ersetzen. Aber für jeweils einzelne Aufgaben gibt es bereits jetzt Alternativen, die sogar viel besser funktionieren als das große Netzwerk: Nachrichten über das Instant-Messenger-Netzwerk Jabber zu verschicken hat zum Beispiel viele Vorteile gegenüber dem Facebook-Chat.“ Auch wenn man mit Menschen an gemeinsamen Projekten arbeite, seien speziell darauf ausgelegte Netzwerke der Facebook- Kommunikation weit überlegen, so Pilpul weiter.

Peak Facebook erreicht?

Bei dem allgemeinen privaten Austausch dagegen hat Facebook in den Augen vieler Nutzer*innen die Nase derzeit uneinholbar vorn. Ob dies allerdings dauerhaft so bleiben wird, das stellt Informatiker Martin Pilpul in Frage. „Bis vor zweieinhalb Jahren hatten die VZ-Netzwerke in Deutschland mehr Userinnen und User als Facebook. Und nur zwei Jahre davor war StudiVZ bei uns noch unangefochtener Marktführer. Heute ist das Netzwerk praktisch tot. Was Facebook angeht, gibt es inzwischen auch Anzeichen dafür, dass dieses Netzwerk den Höhepunkt der eigenen Bedeutung bereits überschritten hat.“

Das Netz der Eltern wird uncool

Neben Facebook sei bereits Google+ als großes Netzwerk getreten, das vor allem von Nerds und technik-affinen Menschen genutzt werde. „In den USA nimmt die Zahl der Facebook- User besonders in der Altersgruppe der Schülerinnen und Schüler bereits spürbar ab, während andere Kommunikationsplattformen wie etwa Snapchat boomen“, stellt Martin Pilpul fest. „Auf deutschen Schulhöfen setzen viele auf WhatsApp-Gruppenchats. Denn wer will schon im gleichen Sozialen Netzwerk wie die eigenen Eltern kommunizieren“, so Pilpul weiter. Dass Facebook allerdings von dem einen nächsten großen Ding abgelöst wird, das glaubt Martin Pilpul nicht. „Ich gehe eher davon aus, dass nach der Phase der Zentralisierung aktuell eine Fragmentierung einsetzt.“

In ein ähnliches Horn blasen auch die Medienforscher Oliver Leistert und Theo Röhle, die in ihrem Buch „Generation Facebook“ die politische Bedeutung der sozialen Netzwerke untersuchen. Sie stellen fest, dass der Erfolg von Facebook zwar auf den ersten Blick stabil wirke, weil das Netzwerk drei unterschiedlichen Bedürfnissen der neoliberalen Leistungsgesellschaft in hohem Maße gerecht werde: Erstens dem Bedürfnis nach Selbstoptimierung und Selbstvermarktung der Nutzer*innen, zweitens der ökonomischen Verwertbarkeit durch den Netzwerk-Anbieter sowie drittens dem Anspruch von politisch-sozialer Kontrolle. Und trotzdem: „Vor zehn Jahren hätte wohl niemand gedacht, dass dies einmal für hunderte Millionen Menschen der mediale Alltag sein wird. Vielleicht kann sich in zehn Jahren auch niemand mehr vorstellen, dass es einmal so gewesen ist.“

Eines haben allerdings viele Kommunikationskanäle, die sich aktuell neben Facebook etablieren, gemeinsam: Auch sie sind häufig zentral organisiert und werden von Unternehmen betrieben, deren Ziel es ist, die private Kommunikation der Nutzer*innen kommerziell verwertbar zu machen. Wie es bereits heute anders geht, und zwar schon jetzt mit großem Nutzen für die Userinnen und User, das soll die Veranstaltung am kommenden Dienstag auf dem Essener Uni-Campus zeigen.

Diskussion: „Alternative Social Networks“ –  Wann? Dienstag, 10.12. um 19 Uhr
Wo? Campus Essen, Raum V13 S00 D50