Braune Schmalzlocken

Der Rockabilly-Laden „Detkil“: Hinter der Fassade treffen sich hier Neonazis in Essen-Borbeck. (Foto: akduell)

Der Rockabilly-Laden „Detkil“: Hinter der Fassade treffen sich hier Neonazis in Essen-Borbeck. (Foto: akduell)

„DetKil“ ist ein völlig unscheinbarer Rockabilly-Laden in der Borbecker Einkaufsstraße, unweit vom Bahnhof. Neben einem Kiosk und einem Ärztehaus lockt eine in Leopardenfarbe gestaltete Krake Rockabillys und -bellas, sowie Emos zum Shoppen ein. Doch was viele Kund*innen bis letzte Woche nicht wussten: Hinter dem Szeneladen steckt eine andere Subkultur als man denken könnte. Denn das Bekleidungsgeschäft wird von bekannten Neonazis aus dem ehemaligen Nationalen Widerstand Dortmund geführt.

„Hey Kollege, ich glaube du gehst jetzt besser, oder du kaufst etwas, aber mit Karte!“, beschreibt ein ahnungsloser Kunde im alternativen Outfit die Reaktion, als er den Rockabilly-Laden das erste Mal betritt. Der Spruch kam von Dietrich Surmann, einem bekannten Neonazi, der sich gerade im Laden aufhielt. Damit wollte er dem Kunden nicht etwa nur nett raten, mit Karte zu zahlen, sondern vielmehr den Namen des Käufers erfahren. Schließlich ist es bei Neonazis gängige Praxis, Antifaschist*innen Hausbesuche abzustatten und mit einer großen Gruppe Neonazis durch Präsenz eine Drohkulisse aufzubauen. Aufgrund dieses Vorfalls hat die Antifaschistische Gruppe Antifa Essen Z das Geschäft jetzt auf Basis einer aufwändigen Recherche geoutet.

Detkil = Sandra Detmers und Jennifer Killat

Denn dass sich drohende rechte Gestalten in einem scheinbar normalen Rockabilly-Laden aufhalten, kommt nicht von ungefähr. Die Inhaberinnen des Geschäfts Detkil, Sandra Detmers und Jennifer Killat, aus deren Anfangsbuchstaben des Nachnamens der Name des Ladens kommt, sind ebenfalls keine unbeschriebenen Blätter in der Szene. „Jennifer Killat war Mitglied des “Nationalen Widerstands Dortmund”, der im Herbst 2012 durch das nordrhein-westfälische Innenministerium verboten wurde“, sagt Stefan Sander von der Gruppe Antifa Essen Z.

Rund zehn Jahre ist Killat laut Recherchen bereits in rechten Szenen aktiv. Beim damaligen Verbot der Gruppierung wurde auch die Wohnung der Ladeninhaberin durchsucht. „Der NW Dortmund war eine der größten und aktivsten Neonazi-Gruppen in Westdeutschland und ist auch weiterhin, nach dem Übergang in die Partei “Die Rechte” äußerst aktionistisch geprägt“, so Sander weiter. Einschüchterungen und Angriffe auf politische Gegner*innen eingeschlossen.

Braune Fliesen

Und auch der Name Detmers findet sich auf einschlägigen Bestelllisten für Rechtsrock und rechte Kleidung. Hinter Killat und Detmers steht der Vater der ersten Ladeninhaberin: Frank Killat, der mit einer Bau- und Fliesenfirma in Essen bekannt ist. Er soll beim Kauf der Landesgeschäftsstelle der neuen Rechten ebenfalls Unterstützung geleistet haben und Neonazis in seiner Firma beschäftigen (akduell berichtete). Jetzt stellt er seine Stadtvilla in Essen für Fotoshootings von Detkil zur Verfügung.

Hier verstecken sich rechte Essener Strukturen hinter dem Feigenblatt einer unscheinbaren Rockabilly-Fassade: “Detkil verkauft keine Bekleidung von bekannten rechten Marken oder mit politischen Inhalten“, so Tessa Kuijer, Pressesprecherin der Antifa Essen Z. Damit hebt sich das Geschäft vom Nazi-Laden „Oseberg“ in der Essener Innenstadt ab, der offensichtlich rechte Bekleidung vertreibt und gegen den regelmäßig protestiert wird (akduell berichtete). Für die Betreiberinnen ist der Vertrieb normaler Kleidung profitabler, da nicht nur rechte Kunden angesprochen werden. „Dennoch, so unsere Einschätzung, will man etwa durch Mund-zu-Mund-Propaganda auch gezielt rechtsoffene Rockabillys und Emos sowie auch Nazis, die sich dieser Subkultur zugehörig fühlen, für sich gewinnen“, sagt Sander.

Good Night White Pride

Gerade in Essen-Borbeck treffen die Inhaberinnen da auf einen reichen Nährboden. „Der Stadtteil Borbeck ist schon seit vielen Jahren so etwas wie eine lokale Hochburg der rechten Szene“, so Sander von der Antifa Essen Z. „In den vergangenen Jahren fanden in Borbeck und den umliegenden Stadtteilen des Essener Nordwestens zahlreiche Aufmärsche, Kundgebungen und Wahlkampfstände der NPD statt. Auch zu gewalttätigen Übergriffen auf Migranten und politische Gegner ist es dort bereits mehrmals gekommen“, sagt Sanders weiter. Detkil, das in zwei Minuten Fußweg vom Borbecker Bahnhof zu erreichen ist, könnte eine neue Anlaufstelle für die ausgeprägte Szene werden.

Dass sich Nazis in eine Subkultur einschleichen, ist nicht neu. „Als Neonazis in den 1990ern verstärkt anfingen, sich in der Hardcore-Szene zu verbreiten, gab es hier die bekannte und weitgehend erfolgreiche Kampagne “Good Night White Pride”, die sich gegen die Einflussnahme der Neonazis auf die Szene richtete“, sagt Kuijer. Die Kampagne wurde damals von Hardcore-Fans gegründet, die mit dem Logo auf ihren T-Shirts den Nazis in ihrer Szene offen und zusammen entgegentraten. „Etwas Vergleichbares fehlt nach unserem Kenntnisstand für die Rockabilly- und Horrorpunkszene“, so Kuijer.

Deshalb fordert die Antifa Essen Z dazu auf, die Rockabilly-Waren von den Essener Neonazis zu boykottieren. “Detkil versucht seit Kurzem, sich auch als eigenständige Marke zu etablieren. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die beiden Neonazis zukünftig vereinzelt auf regionalen Märkten des Rockabilly- und Horrorpunk-Genres vertreten sein werden“, so Sanders. Betreiber*innen solcher Märkte sollten deshalb auf den rechten Hintergrund von Detkil hingewiesen werden. Und auch die Rockabilly-Marken, die Detkil im Geschäft vertreiben, wie “Banned”, “Switchblade”, “Hellmade Corsets” und “Oldschool Criminal” sollten über die neonazistischen Inhaberinnen informiert werden. [Autor*in der Redaktion bekannt]