Eine Frage des Rezepts

Kein Ersatz für Kondom und Anti-Baby Pille: Die Pill danach bleibt, ob mit oder ohne Rezept,  ein Notfall-Verhütungsmittel.(Foto: ttm)

Kein Ersatz für Kondom und Anti-Baby Pille: Die Pill danach bleibt, ob mit oder ohne Rezept, ein Notfall-Verhütungsmittel.(Foto: ttm)

Die Pille danach gilt eigentlich als gut verträgliches Medikament und kann im Notfall mal eben zur Retterin der bisherigen Lebensplanung werden. Wäre da nicht der notwendige Gang zum Gynäkologen, der für viele durchaus eine große Hürde darstellt. Frauen könnte es mit der Abschaffung der Rezeptpflicht jetzt einfacher gemacht werden, einer ungewollten Schwangerschaft entgegen zu wirken. Konservative Politiker*innen legen diesem Vorhaben aufgrund vermeintlich gesundheitlicher Bedenken allerdings Steine in den Weg.

Die Debatte um die Rezeptpflicht der Pille danach ist keine neue, flammt aber immer mal wieder neu auf. Derzeit berät der Bundestag über die Freigabe des Präparats. Während das Gesundheitsministerium die Vorschläge prüft, warnt die Bundesärztekammer davor, die Rezeptpflicht frühzeitig abzuschaffen. Ärztepräsident Ulrich Montgomery warnt im Spiegel-Interview: Die Einnahme der Pille danach sei ein gravierender Eingriff in den Hormonhaushalt und bedürfe deshalb dringend kompetenter Beratung. Apotheker*innen können das seiner Meinung nach nicht gewährleisten.

Andere Expert*innen dagegen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) raten zur Freigabe. Bereits in 79 Ländern gibt es die Pille danach ohne Rezept und das habe überwiegend positive Auswirkungen nach sich gezogen, so die WHO. So sei in den betreffenden Ländern die Zahl der Abtreibungen deutlich zurück gegangen. Deutschland dagegen gehört neben Polen und Italien zu den einzigen Ländern in Europa, in denen Frauen noch immer dazu gezwungen sind, sich einem ärztlichen Beratungsgespräch zu unterziehen um die Notfallpille zu erhalten.

Dabei hat sich der Ausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte bereits 2003 dafür ausgesprochen, die Rezeptpflicht aufzuheben. Diesem 22-köpfigen Expert*innen-Ausschuss gehören unter anderem Hochschullehrer*innen, Fachärzt*innen sowie Vertreter*innen der Apothekerschaft und Arzneimittelkommissionen an. Sie vertreten die Position, dass es keine medizinischen Argumente gebe, die eine Rezeptpflicht begründen könnten.

Mehr öffentliche Aufschreie braucht das Land

Erneut ausgelöst wurde die Debatte Anfang des vergangenen Jahres, als zwei Katholische Kliniken in Köln einer jungen Frau nach einer Vergewaltigung die Behandlung verweigerten. Selbst die Pille danach blieb ihr somit verwehrt. Ein öffentlicher Aufschrei war die Folge. Erst hierauf reagierte die Katholische Kirche mit der Erlaubnis, vergewaltigten Frauen das Präparat zu verschreiben. SPD, Grüne und Linkspartei forderten daraufhin, die Rezeptpflicht für die Pille danach abzuschaffen – vergeblich. Im Herbst kam diese Forderung schließlich auch vom Bundesrat.

Jetzt stellt sich erneut die Frage, ob das Gesundheitsministerium den Forderungen nachkommen wird oder seinen konservativen Kurs beibehält. Befürworter*innen der Rezeptpflicht wie der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn und Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) hoffen auf Letzteres. Die Nebenwirkungen des Präparats, die von Kopfschmerzen und Schwindel bis zu Übelkeit und Erbrechen reichen können, beinhaltet außerdem ein gewisses Thrombose-Risiko, welches Spahn offenbar besonders zu schaffen macht. So ist dieses in Interviews, wie auch auf seinem Blog sein einziges medizinisches Argument. Dass sich diese Nebenwirkung auch durch ein Beratungsgespräch nicht ändert, ist ihm entweder nicht klar oder er traut Frauen das Lesen eines Beipackzettels nicht zu.

Spahn hatte erst kürzlich auf sich Aufmerksam gemacht: Nachdem der Ausschuss für Gesundheit erneut empfohlen hatte, die Rezeptpflicht für die Pille danach beizubehalten, befürwortete der CDU-Politiker dies auf Twitter: „Man muss es wohl immer wieder sagen: Das sind keine Smarties..“ Die Folge: Ein Shitstorm und die neu aufflammende Debatte um besserwisserische Männer und verantwortungslose Frauen.

Verhütung ist Frauensache

So ist es in sozialen Netzwerken eines der Hauptargumente gegen die Aufhebung der Rezeptpflicht, dass die, die meinen sich erst im Nachhinein um Verhütung kümmern zu müssen, auch ruhig zum Arzt laufen können. Wie auch immer: der männliche Teil ist dann in jedem Fall fein raus. Das Vergnügen des ausgesprochen informativen Beratungsgesprächs liegt schließlich ganz auf Seiten der Frau.

Zumahl Verhütung in unserer Gesellschaft als Frauensache gilt. Das zeigt sich schon angesichts der Zahl der Verhütungsmittel, die am Körper der Frau ansetzen. Einziger Lichtblick könnte hier die Forschung an der Pille für den Mann sein. Fragt sich nur, wie viele Männer sich freiwillig Tag für Tag einer solchen Hormonbehandlung aussetzen würden. Für Frauen scheint die tägliche Dosis Smarties dagegen ganz selbstverständlich zu sein.

Bei der Pille danach handelt es sich allerdings immer noch um ein Notfall-Verhütungsmittel. Es gibt zudem keine Studien darüber, ob sich in Ländern, in denen die Pille danach rezeptfrei erhältlich ist, das Verhütungsverhalten verändert hat oder gar nachlässiger geworden ist. Auch die Kostenfrage ist bisher nicht geklärt: Für Frauen bis zum 20. Lebensjahr übernehmen aktuell noch die Krankenkassen die Kosten für die Pille danach. Diese können bei bis zu 35 Euro liegen. Ob das auch noch der Fall bliebe, wenn das Medikament rezeptfrei erwerblich ist, ist fraglich.