Nicht nur AFFEN wollen Freiraum schaffen

Neben dem Investor-Affen der Kampagne AFFE, war auch Die Bärin der Bürgerinitiative auf der Demo dabei. (Foto: Fra)

Neben dem Investor-Affen der Kampagne AFFE, war auch Die Bärin der Bürgerinitiative auf der Demo dabei. (Foto: Fra)

Es ist ein Bild, das sich in vielen Ruhrgebietsstädten aufdrängt: Einerseits steht ein Haufen geeigneter Gebäude leer, andererseits gibt es immer weniger Möglichkeiten sich in einer unkommerziellen und selbstorganisierten Einrichtung zu treffen. Soziokulturelle Zentren werden immer weniger. Kulturelle Freiräume adé? Dagegen formiert sich breiter Widerstand.

Am vergangenen Samstag sind 300 Menschen in Essen unter dem Motto „Reclaim the city“ auf die Straße gegangen und dem Aufruf des Essener Jugendbündnisses gefolgt. Unterstützt wurde der Aufruf von 18 Organisationen aus Essen und Umgebung. Auch die Bürgerinitiative Bärendelle beteiligte sich an der Aktion. Nach der Demo fuhren viele der Demonstrierenden zur Bärendelle, wo ein Nachbarschaftsfest stattfand. Den Abschluss des Polit-Samstags stellte ein kostenloses Konzert im Freizeitzentrum Emo dar. akduell hat für euch mit den Organisator*innen der Demo und mit Akteur*innen aus der Essener Lokalpolitik gesprochen.

„Kulturpolitik von oben“

„Die Stadt plant Projekte von oben, ohne Impulse aufzunehmen“, beschreibt Joscha, freier Kulturschaffender und aktiv bei AFFE, die Situation um Jugend- und Kulturzentren in Essen. Die bestehenden Jugendzentren seien nicht niederschwellig, weil „es enge Vorgaben gibt, wenn man dort etwas auf die Beine stellen möchte. Zudem sind sie nicht selbstverwaltet“, kritisiert er. Dem stimmt Shannon aus dem Essener Jugendbündnis zu: Mit dem Jugendzentrum Papestraße habe es noch ein solches Angebot gegeben – eine nicht kommerzielle Einrichtung, in der Jugendliche nach Belieben aktiv werden und sich treffen konnten. „Daher waren wir auch damals als Essener Jugendbündnis einer der Hauptakteure bei den Protesten gegen die Schließung des Jugendzentrums“, berichtet sie. Ihr und ihren Mitstreiter*innen ist zudem die Prioritätensetzung der Lokalpolitik schleierhaft: „Obwohl die Stadt Essen einer Haushaltssperre unterliegt und ständig gesagt wird, für Jugend und Kultur sei kein Geld da, wollte man die Messe ausbauen, wobei die Stadt einen hohen Eigenanteil hätte zahlen müssen“, zeigt sie sich empört.

Diese Kritik macht auch der Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion im Essener Stadtrat Hans-Peter Leymann-Kurtz geltend: „Wir unterstützen es, dass der durch den All-Parteien-Mainstream vorgegeben Privatisierung Einhalt geboten wird.“ Zwar liege bei der kommunalpolitischen Umsetzung der Teufel im Detail, die Demo sei aber „ein wichtiges Signal für einen notwendigen Richtungswechsel“. Joachim Drell, Geschäftsführer der Grünen in Essen, findet das Konzept der Bürgerinitiative Bärendelle nicht tragfähig. Zudem bleibe die Frage, „wie sich die Stadt das Geld einteilt“.

Lösungsvorschlag: Kulturelle Zwischennutzung

Marc Ziemann, aktiv beim Essener Zukunftsbündnis, unterstützt die Demonstration. Das Bündnis, das in drei Stadtbezirken zur Kommunalwahl antreten wird, hat ein Konzept erarbeitet, welches in ähnlicher Weise in Wuppertal erprobt wurde. „Kulturelle Zwischennutzung“ heißt es und sieht vor, dass eine Agentur leerstehende Gebäude an „vernünftige Leute, die ein Konzept haben, zumindest zeitweise vermittelt“, so Ziemann.

Bei der SPD wusste man zunächst nichts von der Demo. Selbst der Referent für Jugend-und Kulturpolitik Lars Meyer sagte am Telefon, dass ihm nichts vorläge. Nach erneuter schriftlicher Anfrage der akduell erfolgte dann doch noch eine Antwort. Man sei nicht der Meinung, dass es an Angeboten mangele. „Ein kommerziell ausgerichtetes Jugendhaus ist uns nicht bekannt“, so Meyer. Der Messeausbau hätte zudem keine Auswirkungen auf den Gesamthaushalt gehabt, ergänzt er. Dennoch bleibt der Kritikpunkt aus dem Jugendbündnis – den Eindruck der jugendunfreundlichen Prioritätensetzung weist er nicht direkt zurück.

Die SPD-Jugendorganisation Jusos indes unterstützte den Demo-Aufruf und hielt eine Rede während der Demo. Man müsse die Lage, insbesondere um die Bärendelle, „differenziert sehen“. Völlig einig mit den Forderungen der Demonstrierenden sei man sich aber darin, dass Leerstand genutzt werden müsse. Die Essener Piraten unterstützen ebenfalls das Anliegen der Demonstrierenden, auch wenn es keinen Konsens über die Besetzung der Bärendelle gegeben habe, so Frank Hoeschen, Pressesprecher der Piraten in Essen. Auch DIE PARTEI nahm an der Demo teil.

Das Anliegen der Demonstrierenden kam bei vielen Passant*innen gut an: Gürsel Akcapinur, der selber in die Hauptschule Bärendelle ging und in der 10. Klasse wegen der Schließung auf eine andere Schule musste, findet es besser, die Bärendelle als sozio-kulturelles Zentrum zu nutzen als sie abzureißen. „Meine Kollegen und ich müssen uns immer draußen treffen“, sagt er. Es gebe zudem nicht genügend Angebote für Jugendliche.