Integration nur mit Schweinshaxe?

Mit der Schweinshaxe Deutschland retten? (Foto: ingrid eulenfan/ flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0)

Mit der Schweinshaxe Deutschland retten? (Foto: ingrid eulenfan/ flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0)

Die Essener Alternative für Deutschland (AfD) stellt zum Auftakt des Kommunalwahlkampfes eine steile These auf: Integration hängt davon ab, was Leute essen. In ihrem kürzlich verabschiedeten Kommunalwahlprogramm bläst die sogenannte Alternative in dasselbe rechtspopulistische Horn wie ihr eigener Bundesverband.

Die Kommunalwahlen stehen vor der Tür und zu den 17 Listen, die in Essen kandidieren, gehört auch die AfD. Dass die Partei von Bernd Lucke offen mit dem rechten Wählerrand flirtet, ist längst bekannt. In Essen ist der Rechtspopulismus inzwischen auch auf kommunaler Ebene angekommen. Im kürzlich verabschiedeten 13-seitigen Programm heißt es im Kapitel „Integration und Migration“, dass „die Ausgabe von Halal-Essen an Schulen kontraproduktiv“ sei und die „Abschottung der Migranten in alten Werten und Traditionen“ fördere. Damit stellt der Stadtverband eine Verbindung zwischen Essgewohnheiten und Integration her, und bedient alte rassistische Argumentationsmuster.

Von „Spaghettifresser“ bis „Döner-Morde“: Bevölkerungsgruppen über angebliche oder tatsächliche Essgewohnheiten zu stigmatisieren zählt seit jeher zum Handwerkszeug des modernen Rassismus. Dass dies außerhalb von rassistischen Deutungsmustern wenig plausibel ist, zeigt ein einfacher Vergleich: Schließlich müsste man sonst in Bezug auf Vegetarier*innen und Veganer*innen ebenfalls zu dem Urteil kommen, sie seien nicht in die Gesellschaft „integriert“. Während es zwar durchaus gewisse Vorurteile gegen Menschen gibt, die kein Fleisch essen, wirkt der Gedanke, sie seien nicht ausreichend in die Gesellschaft integriert, wahrscheinlich selbst für AfD-Wähler*innen abwegig. Dieses Messen mit zweierlei Maß macht den rassistischen Gehalt der AfD-Ablehnung von Halal-Food deutlich.

Was ist halal?

Halal kommt aus dem arabischen und bedeutet schlicht „erlaubt“. Es bezeichnet alle Handlungen, die nach dem Koran und der Sunna Muhammeds – den Handlungsweisen des Propheten – für Muslime ausdrücklich erlaubt sind. Das Gegenteil von halal ist haram, das nach islamischem Recht Verbotene. Diese Kategorien beziehen sich längst nicht nur auf die Ernährung, werden aber häufig darauf reduziert wahrgenommen: Die muslimischen Essensvorschriften schließen Schweinefleisch als Nahrungsmittel aus; jedes andere Fleisch muss geschächtet sein.

Beim Schächten wird das Tier durch einen Schnitt in die Kehle geschlachtet, der dafür sorgt, dass es vollkommen ausblutet. Diese Schlachtpraxis ist in Deutschland ohnehin nur bei vorheriger Betäubung des Tieres erlaubt. Die AfD argumentiert vordergründig, diese Form des Schlachtens stehe in striktem Kontrast zum hiesigen Tierschutz. Doch dieses Argument scheint den eigentlichen Beweggrund der Partei, die Schächtung verbieten zu wollen, lediglich zu kaschieren. Denn an keiner weiteren Stelle des Wahlprogramms ist vom Tierschutz die Rede. Die keineswegs weniger problematischen Zustände in der Massentierhaltung und bei Nicht-Halal-Schlachtereien werden nicht thematisiert. Auch ist die Einordnung dieses Themas im Kapitel „Integration und Migration“ verräterisch: Offensichtlich geht es der Partei im Kern nicht um Tierschutz, sondern um das Schüren von Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Auch Jüd*innen betroffen

Das Verbot auch des Schächtens unter Betäubung, während das Zertrümmern von Tiergehirnen durch ein Bolzenschussgerät weiter erlaubt bleiben soll, würde nicht nur Muslim*innen betreffen, sondern auch Jüd*innen. Wie im Islam ist es auch im Judentum üblich, Tiere zu schächten, denn Blut gilt in beiden Religionen als haram bzw. nicht koscher.

„Paralleljustiz“ nur bei Migrant*innen?

Doch beim Essen macht die kommunale AfD-Riege nicht halt. Sie fordert auch die Bekämpfung einer angeblichen „Paralleljustiz“. Dabei fängt sie allerdings nicht bei der DFB-Sportgerichtsbarkeit oder etwa beim Kirchenrecht an, sondern wenig überraschend beim Friedensrichter, welcher im islamischen Recht für die Schlichtung privater Streitigkeiten zuständig ist. Wie bei der Forderung nach einem Halal-Verbot konstruiert die Essener AfD erneut eine angebliche muslimische Besonderheit, obwohl es zum Beispiel auch innerhalb der evangelischen und katholischen Kirche Kirchengerichte gibt.

Damit scheinen die Forderungen der AfD nur auf den ersten Blick zur besseren „Integration“ von Migrant*innen beitragen zu wollen. Auf den zweiten entlarven sie sich als rechtspopulistische Stimmungsmache. Denn worin die angeblich trennende Wirkung von Halal-Food liegen sollte, bleibt selbst im AfD-Programm völlig unklar. Schließlich nehmen die meisten Nicht-Muslim*innen selten wahr, ob sie gerade gerade geschächtetes oder konventionell geschlachtetes Fleisch essen. Das AfD-Programm reproduziert also vor allem Vorurteile und Bilder von sich abschottenden Muslim*innen und trägt damit zur Verfestigung von Vorurteilen bei. Die AfD reiht sich somit in die Tradition islamfeindlicher Diskurse ein und diskriminiert gleichzeitig auch Menschen jüdischen Glaubens.