Fußball ist geil, aber…

Fahnen soweit das Auge reicht: Selbst beim Essen kann man ihnen nicht entfliehen. (Foto: Gerne)

Fahnen soweit das Auge reicht: Selbst beim Essen kann man ihnen nicht entfliehen. (Foto: Gerne)

Ein wenig froh war ich schon, als die deutsche Nationalmannschaft sich vergangenen Samstag unentschieden von Ghana trennte. Zu nervig finde ich die Massen an Deutschland-Fahnen, zu fremd ist mir der Party-Patriotismus. Zu überheblich waren die eifrigen Deutschland-Fans nach dem klaren Sieg über die portugiesische Nationalmannschaft. Aber hätte ich mich gefreut, wenn Deutschland verloren hätte? Geärgert, hätten sie gewonnen? Nein!

Als die Weltmeisterschaft begann, wollte sich bei mir einfach keine Begeisterung entwickeln, obwohl ich schon immer Fußball-Fan war. Das Bewusstsein, dass tausende Menschen von der brasilianischen Polizei verprügelt worden sind, dass Millionen eine gute Bildung und Gesundheitsversorgung vorenthalten wird, weil die brasilianische Regierung das Geld lieber in Stadien steckt (Vier Milliarden Euro) und der FIFA Steuern schenkt – all das wollte bei mir kein WM-Fieber zulassen. Ganz zu schweigen von den mit schwarz-rot-goldenen Fahnen versehenen Autos und Fenstern. Aber dann: Mit England und Spanien fliegen ein Favorit und der Titelverteidiger aus dem Turnier und Außenseiter überzeugen durch kreativen und angriffslustigen Fußball. Ein wenig hat sie mich schon ergriffen, die Spannung und die Überraschung dieser WM.

Innerhalb der politischen Linken scheiden sich zu solchen Anlässen regelmäßig die Geister: Schland anfeuern – Patriotismus oder einfach nur Party?

Die „National-Elf“ als Vorreiter in Sachen Integration

So präsentiert sich der DFB gerne selbst, Party-Patriotismus-Befürworter*innen übernehmen das Argument bereitwillig. Und so abwegig ist es ja nicht: Spieler mit unterschiedlichsten Hautfarben, Religionen, Geburtsorten, familiären Hintergründen – sie spielen zusammen und bilden ein Team. Ist das nicht genau das, was wir uns auch für das gesellschaftliche Zusammenleben wünschen? Teilweise. Denn Integration im Sinne der Mehrheitsmeinung und letztlich auch der Nationalmannschaft heißt, dass nur der*die „integrationsfähig“ ist, der*die entsprechende Leistung erbringt. Die Nationalmannschaft trägt zweifelsohne dazu bei, dass Menschen, die nicht Müller oder Schweinsteiger heißen, nicht pauschal an den Rand gedrängt werden. Eine fortschrittliche Inklusion im Sinne der gesellschaftlichen Linken kann aber auch eine vermeintliche multikulturelle Nationalmannschaft nicht leisten.

Fußball, das sei doch eigentlich unpolitisch, hört man immer wieder von Menschen, die den Fußball gerne als Ablenkung, als Auszeit vom Alltag verstehen möchten. Dass allein diese Haltung schon zutiefst politisch ist, ist ihnen kaum bewusst. Aber dass Fußball nicht politisch sei, ist auch schlicht falsch. Schnell eines Besseren belehrt wird, wer sich einmal ansieht, wie viele Fan-Initiativen es gibt, die sich gegen Rassismus, Homophobie und Überwachungswahn engagieren; wer erfährt, wie schnell Menschen meist in den Fankurven zurechtgewiesen werden, wenn sie rassistische oder homophobe Sprüche ablassen. Und gerade dass Fußball politisch ist – und dann erst recht in den vier Wochen, in denen Millionen Menschen dasselbe Turnier verfolgen – sollte doch zu denken geben, ob es nicht auch Menschen gibt, die nicht (nur) aus patriotischen Gründen Deutschland unterstützen, sondern vielleicht auch, weil sie glauben, es sei ein Zeichen der Integration und der Toleranz.

WM 2006

Bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland war ich gerademal elf Jahre alt. Deutschland-Fahnen haben mich da noch nicht gestört. Bei zwei WM-Spielen war ich im Stadion, in denen ich eine gemeinsame, friedliche Feier erlebte. In meiner Heimatstadt kam ich mit vielen ausländischen Fans ins Gespräch – nicht nur, um meine damals frisch er- worbenen Englisch-Kenntnisse auf die Probe zu stellen, sondern vor allem, um zu erfahren, wie es ihnen hier gefällt, ob sie sich wohl fühlen und gastfreundlich aufgenommen werden. Alle bejahten dies.

Gleichwohl nahm ich wahr, dass die NPD versuchte, die Stimmung zu nutzen, um die patriotische Party-Stimmung in nationalistische Drohgebärden umzuwandeln. Insgesamt aber bleibt mir diese WM als Ereignis in Erinnerung, in denen nicht nur viele Menschen begeistert waren von der Gastfreundlichkeit in Deutschland, sondern in der viele in Deutschland lebende Menschen auch lernten, gerne gastfreundlich zu sein. Dass diese Weltmeisterschaft Deutschland nicht zu einem Land gemacht hat, das scheinbar fremde Menschen bereitwillig aufnimmt, steht außer Frage. Es ist nach wie vor ein Land, in dem Besucher*innen meist nur geduldet sind, wenn sie versprechen, dass sie bald wieder gehen.

Das Wunder von Bern

In dieselbe Bresche schlagen patriotische Fußballfilme wie Das Wunder von Bern und eigentlich verband ich ja auch mit diesem Film immer ein Werk, das den Deutschen dazu dienen soll, ihnen ein Nationalbewusstsein zu geben. Wer sich den Film genauer ansieht, stellt fest: Der deutsche Patriotismus im Jahre 1954 wird dort ganz schön auf die Schippe genommen. Der Vater des Protagonisten, der zwölf Jahre russischer Kriegsgefangener war, klagt natürlich zuerst über die unmenschlichen Bedingungen seiner Gefangenschaft. Als sich dann das Verhältnis zu seinem Sohn seit seiner Ankunft bessert, berichtet er ihm, dass er und seine Kameraden es waren, die zuvor dafür sorgten, dass in Russland Hungersnöte herrschten. Ziel des Films ist es nicht, deutschen Patriotismus kritisch zu hinterfragen. Aber er zeigt: Genauer hinschauen lohnt sich!

Im Schatten der WM

Unweigerlich: Die Zeit der Weltmeisterschaft wird politisch dazu genutzt, unpopuläre Vorhaben zu realisieren. Sie wird genutzt, um ein gesellschaftliches Klima heranzuzüchten, in dem das „Wir“ automatisch einhergeht mit einer Herabsetzung des „Ihr“. Ja, auch mir ist es fremd, stolz darauf zu sein, zufällig innerhalb einer willkürlich gesetzten Grenze geboren zu sein. Und ja, mir ist es verdammt peinlich, in dem Auto eines guten Freundes mitzufahren, dessen eigentliche Farbe vor lauter schland-farbener Magneten, Fahnen und Spiegelüberzieher nicht mehr zu erkennen ist. Was ich aber noch nie leiden konnte, ist es Menschen, die keine böse Absicht verfolgen, gegen den Kopf zu stoßen, anstatt konstruktive Kritik zu üben und die Diskussion zu suchen. Jede*r kann sich selbst Gedanken machen, aber viele machen sie sich nicht. Sie übernehmen Denkmuster, die sie als naturgegeben sehen. Aber dann sehe ich meine Aufgabe nicht darin, jenen, die eine Deutschland-Fahne tragen, pauschal Nationalismus und gar Rassismus vorzuwerfen. Ich muss akzeptieren, dass viele mein Weltbild nicht teilen: Viele fühlen sich dadurch, dass sie in diesem Land zufällig geboren sind, als Deutsche. Sie sehen sich nicht in erster Linie als Menschen, sie denken innerhalb der vorgegebenen Grenzen. Ein Umdenken in den Köpfen kann indes nicht dadurch erzielt werden, Menschen Sachen zu unterstellen, an die sie noch nie gedacht haben. Wer von denen, der beim Public-Viewing die Deuschland-Fahne auf die Wange geschminkt hat, macht sich tatsächlich darüber Gedanken, dass Patriotismus eben auch Ausgrenzung bedeutet? Wenige! Und deshalb: Die Leute zum Nachdenken anregen, mit ihnen sprechen und diskutieren anstatt Auto-Fahnen abzubrechen und die Weltmeisterschaft zu verteufeln! Eine notwendige Kritik am Patriotismus und am Nationalismus darf nicht zu einer Beleidigung derjenigen führen, die darauf hineinfallen.