Kolonialmacht FIFA erobert Brasilien

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Hubschrauber kreisen über die Innenstadt von Sao Paolo. (Foto: Hugo Chinaglia/ flickr.com/ CC BY-NC 2.0)

In Brasilien findet in wenigen Tagen die Fußball-Weltmeisterschaft statt und die ganze Welt freut sich. Die ganze Welt? Nein, ein von unbeugsamen Fußballfans bevölkertes Land wehrt sich gegen die FIFA-Besatzung und kämpft seit über einem Jahr gegen staatliche Willkür, Kürzungen an Krankenhäusern, sozialen Einrichtungen und Schulen – alles aufgrund der Investitionen für die Fußball-WM.

Fußball ist ja bekanntlich die schönste Nebensache der Welt und die kommende WM bereits in aller Munde: Vermeindliche Patriot*innen hängen Fahnen aus Fenstern und stecken Fähnchen an ihre Autos, es gibt Ausnahmeregelungen für Public Viewing und etliche Menschen fiebern mit, wenn es für ‚Schweini, Poldi und Özil‘ um den WM-Titel geht. In Brasilien sieht das Bild jedoch anders aus. Zwar versucht die Regierung zusammen mit der FIFA ein Bild von Fußballverrückten und sambatanzenden Brasilianer*innen zu zeichnen, doch immer wieder erreichen uns Bilder von Demonstrationen, Krawallen und Polizeigewalt. Bereits seit letztem Jahr sind immer wieder Millionen Einwohner*innen des Landes auf der Straße, sei es gegen Kürzungen im Bildungswesen, gegen die ausufernde Armut oder auch konkret gegen die WM. Verwundern kann dies kaum: Für den Neubau von Stadien, wie dem Stadium Corinthians in Sao Paulo, wurden rund 170.000 Menschen aus ihrem Zuhause vertrieben und die Durchschnittsbevölkerung kann sich mit einem Mindestlohn von 240 Euro ohnehin kaum Eintrittskarte für die Spiele leisten. Darauf verwies vor kurzem auch Dirceu Travesso, Sprecher des brasilianischen Gewerkschaftsverbandes Conlutas und Vertreter der „Vereinigten brasilianischen Aktionsplatform“.

Não vai ter Copa

Egal ob Künster*innen, Studierende, Arbeiter*innen oder die Indigene Bevölkerung: Mittlerweile sind Mitglieder aller Bevölkerungsgruppen mit dem Schlachtruf „Não vai ter Copa“, „Es wird keine WM geben“, auf der Straße, um gegen die Art und Weise zu protestieren, wie der Fußballweltverband FIFA zusammen mit dem brasilianischen Staat gegen die Menschen vorgeht. Profiteur*innen der WM seien vor allem internationale Baufirmen und Sponsor*innen der WM wie Adidas oder Coca Cola, welche mit massiven Gewinnen rechnen, erklärt der Gewerkschafter Dirceu Travesso. Die Verlierer*innen auf der anderen Seite seien vor allem die ärmsten Menschen, denn die Kommunen und Regionen würden durch ein WM-Sondergesetz massiv neue Schulden anhäufen und Ausgaben im Sozial- und Kulturbereich kürzen.

Zwei Wochen vor Beginn der WM tourt der WM-Siegerpokal auf einer Werbekampagne durch das Land. Als er in der Hauptstadt Brasilia ankommt, nutzt die dortige WM-Gegner*innen die Chance, ihren Unmut kundzutun: Über 1.000 Aktivist*innen und Ureinwohner*innen, teils mit traditioneller Bekleidung, wehren sich mit Pfeil und Bogen gegen die Polizei und versuchen dadurch die Tour zu verhindern. Konkreter Anlass ist in diesem Fall der Stadionneubau Mané Garrincha am Rande des Regenwaldes: Nicht nur, dass die Baukosten auf das Dreifache des geplanten explodiert sind und am Ende 620 Millionen Euro betrugen. Wegen des Baus wurde außerdem das Reservat der indigenen Bevöl- kerung drastisch verkleinert. Das i-Tüpfelchen für die Demonstrierenden war schließlich, dass das Stadion nach der WM keiner Nutzung zukommen wird: Der größte Fußball- und Sportverein Brasilias spielt in der dritten Liga – ähnlich wie in Katar 2022 wird das Stadion damit nach der Weltmeisterschaft leer stehen. 620 Millionen Euro, die der Staat ansonsten in Infrastruktur und Soziales hätte investieren können und das in einem Land, in dem 50 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben, davon 13 Millionen von weniger als einem Dollar am Tag. 350.000 Kinder besuchen keine Schule und laut OECD haben mehr als 650.000 Kinder überhaupt keinen Zugang zu Bildung.

Paulo Ito und das hungernde Kind

Der Künstler Paulo Ito hat im Zusammenhang mit den Protesten eine gewisse Berühmtheit erlangt. Von ihm stammt das Wandgemälde, das einen abgemagerten, dunkelhäutigen Jungen zeigt, der mit Messer und Gabel vor einem leeren Teller sitzt. Für viele Brasilianer steht dieses Bild beispielhaft für das, was sie an dieser WM kritisieren. Paolo bemängelt vor allem die Intransparenz und die monströsen Summen, die beim Bau der Stadien und der Infrastruktur für die WM ausgegeben wurden. Nur „typisch parasitäre Unternehmen“ hätten von dieser WM profitiert.

Es bleibt die offene Frage: Wie viel an Protesten werden wir in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern mitbekommen, wenn die ersten WM-Spiele im TV laufen? Wie viel Transparenz wird die FIFA zulassen, um die Ablehnung der WM durch viele Brasilianer*innen nicht unter den Tisch zu kehren?