Aufstand der Akademiker*innen

Von wegen nur Kaffee kochen: Uni-Absolvent*innen sind hoch qualifiziert und werden trotzdem mit schlecht bezahlten Praktika und Jobs abgespeist.  (Foto: TAKA@P.P.R.S/flickr.com, CC BY SA 2.0)

Von wegen nur Kaffee kochen: Uni-Absolvent*innen sind hoch qualifiziert und werden trotzdem mit schlecht bezahlten Praktika und Jobs abgespeist. (Foto: TAKA@P.P.R.S/flickr.com, CC BY SA 2.0)

Wer sein Studium beendet hat und in den Job einsteigen will, sieht sich häufig zu schlecht bezahlten Tätigkeiten gezwungen. Vor allem für den Beruf notwendige Praktika werden immer öfter nur geringfügig vergütet. Vor allem im geisteswissenschaftlichem Bereich ist prekäre Arbeit allgegenwärtig. Die Initiative „Akademischer Frühling“ will dies ändern.

Rund 550 Personen sind bereits Teil der Awareness-Kampagne auf Facebook. „Bei vielen Praktika und Einstiegsjobs für Hochschulabsolventen passen Bezahlung und die Arbeitsbedingungen nicht zusammen“, sagt Dirk Schmitt von der Initiative im Gespräch mit akduell. Das betriffe etwa die Anzahl der Wochenstunden und die beruflichen Anforderungen an die Kandidat*innen. Zudem müsse Berufserfahrung vor dem Einstieg in den Job oft durch Praktika erworben werden, für die es oft nur eine Aufwandsentschädigung von zum Beispiel 400 Euro im Monat gibt, manchmal auch überhaupt nichts. Wenn es für faktische Vollzeitbeschäftigungen 900 Euro gibt, ist das im Vergleich mit anderen Ausschreibungen sogar noch viel. Und trotzdem: „Damit ist es in Deutschland praktisch nicht möglich, über die Runden zu kommen“, so Schmitt. Dies sei umso problematischer, als dass Uni-Absolvent*innen vor Herausforderungen stünden, die einer soliden Finanzierung bedürfen: etwa die Vorbereitung einer Altersvorsorge oder die Gründung einer Familie. Im Ergebnis könnten prekäre, aber für den Beruf notwendige Praktika nur von Kindern reicher Eltern absolviert werden. „Chancengleichheit sieht anders aus“, argumentiert die Initiative.

Mindestlohn nicht für alle

In der Initiative „Akademischer Frühling“ vernetzen sich Betroffene, um die Probleme zu thematisieren und öffentlich zu machen. Der von vielen Absolvent*innen empfundene Frust, nach einem Masterabschluss mit einem schlecht bezahlten Praktikum weiter machen zu müssen, sei kein Einzelphänomen. Daran ändere auch die neue Mindestlohnregelung von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) nichts. Der Mindestlohn sollte eigentlich bei 8,50 Euro liegen und grundsätzlich für alle Branchen und Regionen gelten. Allerdings sollen nun Pflichtpraktika sowie freiwillige Praktika von bis zu drei Monaten während der Ausbildung oder dem Studium von der Mindestlohnregelung ausgenommen werden. Nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums gelte der Mindestlohn grundsätzlich auch für Praktikant*innen – es sei denn, sie wollen sich in einem anderen Bereich als dem bisher gelernten weiterbilden. Ein Schlupfloch, durch das Arbeitgeber*innen ihre Praktikant*innen formal anders beschäftigen können und somit nicht den Mindestlohn zahlen müssen.

Viele Jobs, wenig Geld

Vor allem im Non-Profit-Bereich, also da, wo gemeinnützige Arbeit verrichtet wird, liege einiges im Argen. „Es ist wichtig zu erkennen, dass sich viele junge Absolventen in einer schwierigen Situation befinden“, sagt Schmitt. Mit dem Finger auf bestimmte Unternehmen zeigen will jedoch niemand. Die Aktivist*innen möchten Organisationen, Stiftungen und Unternehmen, die Ausschreibungen für Stellen mit schlechten Bedingungen veröffentlichen, mit ihrer Kritik konfrontieren. „Konkret wird zurzeit daran gearbeitet, bestimmte Richtlinien zu entwickeln, welche Aufgaben, Anforderungen, Voraussetzungen und Vergütung für Praktika, Traineeships oder Juniorstellen wir für angemessen halten.“ Dafür richtet die Initiative gerade eine Internetseite ein. Dort sollen Ausschreibungen von un- oder schlechtbezahlten Praktika und Einstiegsjobs veröffentlicht und kritisiert werden.

Geht es nach den Zahlen, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erhoben hat, soll es Uni-Absolvent*innen gut gehen. Nur 2,5 Prozent aller Akademiker*innen waren 2012 ohne Job. Bei Personen ohne Studium lag die Quote dagegen bei 19 Prozent. Für die Studie wurden insgesamt 4.700 Akademiker*innen befragt, die ihr Studium im Jahrgang 2000/2001 beendet haben. Dabei wurde erhoben, wie der Berufseinstieg verlaufen ist und wie ihre berufliche Situation zehn Jahre nach Studienabschluss ist. Hierbei wird allerdings deutlich: Die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer werden am geringsten vergütet. Zwar liegt das Einkommen von  Akademiker*innen in vier von fünf Fällen über dem Durchschnitt aller Beschäftigten: Zehn Jahre nach Beendigung des Studiums sind das  63.000 Euro pro Jahr. Aber mit 40.300 Euro bilden Sozialarbeiter*innen das Schlusslicht. Die sonstigen Geisteswissenschaften sind im Mittelfeld der akademischen Einkommenspyramide angesiedelt. [Mnd]