Kampf gegen Tengelmann

Bild Wissoll

Die Bagger rollen: Abriss an der Wissollstrasse Nr. 51 und 53. (Foto: „Wissollstraße erhalten!“)

In Mülheim kämpfen Aktivist*innen und Bewohn­er*innen gegen eine drohende Zwangsräumung in der Wissollstraße. Der Eigentümer Tengelmann will das Gebäude abreißen und hat bereits Tatsachen geschaffen: Zwei benachbarte Häuser wurden bereits abgerissen. Seit zwei Jahren gehen die Bewohner*innen des letzten verbliebenen Hauses auf die Straße. Ihr Protest richtet sich auch gegen eine neoliberale Stadtpolitik.

In der vergangenen Woche mussten die Aktivist*innen eine herbe Niederlage einstecken. Die Häuser Wissollstrasse Nr. 51 und 53 stehen nicht mehr. Schweres Baugerät hatte der Existenz der Gebäude ein Ende gemacht. „Besonders das Aufmeißeln eines im Garten der 51 verbliebenen Bunkers kommt im Umkreis von 100m einem leichten Erdbeben gleich“, schreibt die Initiative „Wissollstrasse erhalten!“ auf ihrer Website. Dort wo die beiden Häuser standen, verbleibe „nun wohl vorerst ein abgesperrtes Areal aus Bauschutt und Staub“.

Im April 2012 kündigte Tengelmann den Abriss der Häuser Nr. 51, Nr. 53 und Nr. 55 an. Ursprünglich ging es um Baufälligkeit und Wasserschäden. Mit dieser Begründung wurden die Bewohner*innen des Eckhauses Nr. 51 schon früh heraus gedrängt. Es folgten Räumungsklagen, auch gegen das Haus Nr. 55, der letzten Bastion, die noch von ihren Bewohner*innen gehalten wird. Diese kämpfen für bezahlbaren Wohnraum, der auch im Ruhrgebiet immer spärlicher wird.

„Im März wurde einer Räumung gerichtlich stattgegeben“ sagt Fabian Schröder von der Initiative „Wissollstrasse erhalten!“ gegenüber der akduell. Während des Prozesses hat das Gericht eine Zwangsräumung verordnet. Als die Betroffenen Berufung einlegten, wurde dem stattgegeben: Per einstweilige Verfügung wurde das Vorhaben des Eigentümer gestoppt. Vorerst.

Anwohner*innen kommen immer wieder vorbei und äußern sich positiv zum Engagement der Initiative. Allerdings sei das kein klassisches Wohngebiet: „Der Stadtteil hier ist sehr Tengelmann-geprägt“, sagt Schröder. Die „Nr. 55“ liegt zwischen der Tengelmann-Konzernzentrale und einem Tengelmann-Supermarkt. Das Gebäude wurde 1995 besetzt. Im gleichen Jahr kam dann ein Mietverhältnis zustande. Sechs Personen bewohnen das Haus derzeit.

Protest zum Firmenjubiläum

Seit zwei Jahren organisieren die Bewohner*innen eine Reihe von Protestaktionen und Demonstrationen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Zunächst wurden Unterschriften gesammelt, dann protestiert. Im Oktober 2012 demonstrierten die Aktivist*innen vor einer Jubiläums-Feier des Konzerns. Tengelmann hatte anlässlich des 100jähirgen Firmenjubiläums zur Party geladen. Auch die Aktivist*innen der Wissollstrasse kamen. Statt Kuchen und Präsentkörben brachten sie allerdings Transparente und Flugblätter mit. Sie forderten ein unabhängiges Gutachten über den baulichen Zustand der Häuser. Ende 2012 lehnte Tengelmann ab. „Es sieht ganz danach aus, als sei Tengelmann selbst daran gelegen, dass Haus so schnell wie möglich unbewohnbar zu machen und die nur behauptete Baufälligkeit selbst herbei zu führen“, erklärte die Initiative damals. Seitdem ist eine Einigung in weite Ferne gerückt: Ein unabhängiges Gutachten steht noch aus.

Gegen die „Neubauklötze“

Nun ist nur noch eines der ursprünglich drei Häuser übriggeblieben. „Wir fordern den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum, den Erhalt von Altbestand gegenüber einer Durchplanung von Neubauklötzen“, sagt Schröder. Er ist zuversichtlich: „Wir sind der Meinung, dass man vor Gericht gewinnen kann.“

Und so werden die Proteste weitergehen. Für den 22. August ist eine weitere Tanzdemo geplant. Die Demonstration soll von der Mülheimer Innenstadt bis zur Wissollstrasse ziehen. Der Protest richtet sich auch gegen Gentrifizierung im Allgemeinen. „In allen Großstädten, vermehrt auch in kleineren Städten werden bezahlbarer Wohnraum und alternative Entfaltungsmöglichkeiten zunehmend verdrängt“, heißt es im Ankündigungstext. Ganze Städte würden durchkommerzialisiert und „optisch vereinheitlicht“. Das führe vielerorts zu sozialen Konflikten. Deutlich wird dies in Städten wie Köln oder Bochum, wo Aktivist*innen ebenfalls für den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum kämpfen. Ob sich Tengelmann von den Protesten beeindrucken lässt, wird sich zeigen.