Pogromstimmung nach linker Nahost-Demo

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Offensichtlich wird hier der Holocaust geleugnet. Der unangemeldete Demonstrationszug wurde dennoch geduldet. (Foto: aGro)

Es sind Szenen, die in Deutschland lange undenkbar schienen: Nach einer Kundgebung der Linkspartei-Jugendorganisation Solid Ruhr, die sich gegen das militärische Vorgehen Israels in Gaza richtete, hat sich am vergangenen Freitag eine unangemeldete Demonstration in der Essener Innenstadt formiert, um die Teilnehmer*innen einer pro-israelischen Gegenkundgebung anzugreifen. Die Polizei wirkte überfordert. Alex Grossert war vor Ort.

Die gut 100 Aktivist*innen,  die sich bei der Kundgebung gegen „Hamas-Terror und Antizionismus“ auf dem Willy-Brandt-Platz am Essener Hauptbahnhof versammelt haben, werden immer wieder angefeindet, wenn Teilnehmer*innen der Solid-Demo an ihnen vorbeiziehen. Zur Kundgebung gegen Antisemitismus und die Hamas hatten antifaschistische Gruppen und parteinahe Jugendverbände aufgerufen. Sie schwenken Israelfahnen und halten Transparente, auf denen sie Antisemitismus verurteilen und sich mit der israelischen Regierung solidarisch zeigen. Die Polizei steht davor und lässt mich nicht zu ihnen durch. Ungebetene Gäste bleiben jedoch auch hier offenbar nicht aus. Laut einem Web-Video soll Michael Höhne-Pattberg, der für das islamfeindliche Blog PI-News schreibt, kurzzeitig teilgenommen haben.

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Ein unbequemes Bild für die Linksjugend: “Stoppt den Judenterror”, “Früher Opfer, heute Täter” und “Zionisten sind Faschisten” steht am Weberplatz neben linken Fahnen auf Schildern. Foto: aGro)

Eine Frage der Menschlichkeit?

Am Weberplatz scheint ganz besonders auf die Sicherheit geachtet zu werden. An den Zugängen kon­trollieren Polizist*innen an mehreren Schleusen die Demonstrant*innen, von denen auch eine halbe Stunde vor dem Ende der Kundgebung noch viele anstehen. Neben dem linken Bundestagsabgeordneten Niema Movassat und dem NRW-Vorsitzenden der Linkspartei Ralf Michalowski, die als Hauptredner auftreten, unterstützen auch einige muslimische Verbände und linke Gruppen den Protest.

Der Platz ist mit mehreren Tausend Menschen dicht gefüllt. Viele blasen in Trillerpfeifen, tragen selbstgeschriebene Schilder oder rufen Parolen. Die Fahne Palästinas weht in dutzendfacher Ausführung über den Köpfen, daneben auch sehr viele türkische Flaggen und wenige linke. Während unten „Allahu akabar“ skandiert wird, frage ich eine Frau, ob sie für ein Foto ein Stück zur Seite gehen könne. „Ich hoffe, Sie stellen das nicht so dar, dass nur Muslime hier sind“, sagt sie als ich erkläre, dass ich einen Artikel schreibe. „Es ist keine Frage der Religion, sondern eine Frage der Menschlichkeit“, findet sie. Die Menge ruft derweil: „Kindermörder Israel!“

In einer Ecke des Platzes steht das Podium, auf dem ein Mitglied der Linksjugend gerade das Ende der Kundgebung bekannt gibt. Gegenüber befindet sich in einer weiteren Ecke eine Art Ultra-Fanblock, der mit einem Megaphon Parolen anstimmt und die Menge anfeuert. Den Unterschied zum Fußball machen allerdings ihre Botschaften. Auf den Schildern ist von „Judenterror“ die Rede, immer wieder wird die israelische Regierung mit dem Nazi-Regime gleichgesetzt. Dennoch behauptet Solid Ruhr, man habe auf der Kundgebung keine antisemitischen Statements geduldet.

Eine knappe Stunde, nachdem die illegale Demonstration am Willy-Brandt-Platz aufgehalten wurde, belagern noch immer ca 1000 meist männliche Demonstrant*innen die Kundgebung gegen Antisemitismus. Foto: aGro)

Eine knappe Stunde, nachdem die illegale Demonstration am Willy-Brandt-Platz aufgehalten wurde, belagern noch immer ca 1000 meist männliche Demonstrant*innen die Kundgebung gegen Antisemitismus. Foto: aGro)

Tausende außer Kontrolle

Auf dem Rückweg zur Gegenkundgebung finde ich mich sehr bald inmitten eines enormen Demonstrationszuges wieder, der anscheinend das gleiche Ziel hat. Zwischen Porschekanzel und Willy-Brandt-Platz füllt dieser die Fußgängerzone nahezu vollständig aus. Mehrere Personen tragen mittlerweile Plakate mit der Aufschrift: „Angeblich früher Opfer, heute selber Täter.“ Niemand unternimmt etwas dagegen. Die Polizei hält Abstand und blockiert mehrere Zugänge zum Ort der Gegenkundgebung. Gegen Holocaustleugnung und antisemitische Parolen schreitet sie nicht ein.

Nur vom Bahnsteig aus lässt sich das Geschehen verfolgen: Kleinbusse der Polizei stehen dicht hintereinander um die Demonstrant*innen herum und umgeben sie wie eine Wagenburg. Davor steht eine wütende Masse, aus der heraus Gegenstände geworfen werden. Stunden später werden die Teilnehmer*innen der Anti-Hamas-Kundgebung von der Polizei mit Bussen zum Mülheimer Hauptbahnhof gebracht. Unter den so Evakuierten war auch Karsten Finke, der für die Grünen im Rat der Stadt Bochum sitzt. „Ich war extrem baff und stand mit offenen Mund da“, erinnert er sich gegenüber akduell. „Ich habe noch nie in real so viel Hass und Aggressivität gesehen. Als ob die uns alle umbringen wollten.“ Immer wieder hätten die Demonstrant*innen die Polizei auf Hitlergrüße, Hakenkreuze und Holocaustverharmlosung aufmerksam gemacht. Doch diese habe nicht reagiert. Finke ist schockiert über die Ereignisse: „Ich habe auch jetzt noch Angst, dass in Deutschland bald wieder Synagogen brennen könnten. Besonders wütend bin ich darüber, dass Leute, die sich links nennen, diese Leute verteidigen.“

Verantwortliche ignorieren das Nachspiel

Solid erklärte am Freitag Abend, die Redner*innen auf der Kundgebung hätten mehrfach deutlich gemacht, dass Gewalt von allen Seiten abzulehnen sei: „Weder die israelische Regierung, noch die Hamas können Bündnispartner für FriedensaktivistInnen sein.“ Die Schuld an der Eskalation gibt der Jugendverband allein der Polizei. Diese hätte die pro-israelische Kundgebung nicht direkt auf dem Weg zum Hauptbahnhof stattfinden lassen sollen. Polizeiführer Detlef Köbbel hält den Einsatz dagegen für erfolgreich und bezeichnet beide Kundgebungen als friedlich. Beiden Seiten habe man eine „störungsfreie Demonstration“ gewährleisten wollen. „Das ist uns gelungen. Gegen Straftäter gingen wir entschlossen vor.“ Die Polizei spricht dabei allerdings von nur 200 Personen, die nach Kundgebungsende zum Willy-Brandt-Platz gezogen seien. Hier mag es sich um einen Tippfehler handeln, es bleibt dennoch der Eindruck, dass die antisemitische Eskalation von den Verantwortlichen hier kleingeredet werden soll.