Torsun mag die Grünen nicht

Torsun Burkhardt, Sänger der Band Egotronic, fordert Grünen-Mitglieder auf, aus ihrer Partei auszutreten. (Foto: michael dornbierer/flickr.com, CC BY 2.0)

Torsun Burkhardt, Sänger der Band Egotronic, fordert Grünen-Mitglieder auf, aus ihrer Partei auszutreten. (Foto: michael dornbierer/flickr.com, CC BY 2.0)

Der Sänger der Elektropunk-Band Egotronic fordert Mitglieder der Grünen auf, aus der Partei auszutreten. Als Belohnung lockt die Band mit Backstagepässen, CDs, Büchern und Fan-Shirts. Hintergrund: In der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg hatten rund 40 Flüchtlinge, die um ihr Bleiberecht kämpfen, zehn Tage lang auf dem Dach ausgeharrt. Das von Grünen dominierte Bezirksamt wollte die Schule räumen lassen und ließ kurzerhand das Viertel durch die Polizei abriegeln, um Unterstützer*innen und auch die Presse fern zuhalten. Es kam zu Polizeiübergriffen. akduell-Redakteurin Maren Wenzel hat mit Egotronic-Frontmann Torsun Burkhardt gesprochen.

Torsun, was hast du eigentlich gegen die Grünen?

Ich bin 1974 geboren und habe ab 1998 die rot-grüne Koalition miterleben müssen. Damals haben die Grünen zusammen mit der SPD, die ich genauso verabscheuungswürdig finde, den ersten Angriffskrieg der BRD möglich gemacht. Außenminister Fischer hat sich dann auch noch erdreistet, das Ganze mit Auschwitz zu erklären. Die Grünen haben außerdem die härtesten Sozialleistungskürzungen in der Geschichte der Bundesrepublik durchgedrückt. Lauter solche Sachen, die mit den beiden Parteien in der Opposition nicht möglich gewesen wären. Damals ist meine Ablehnung in Hass umgeschlagen.

Warum macht ihr dann jetzt erst so eine Kampagne?


Egotronic wird von jüngeren Leuten gehört, die einfach die Scheiße in den Neunzigern nicht mitbekommen haben. Die erleben jetzt aber die Situation an der Gerhart-Hauptmann-Schule, wo Flüchtlinge belogen werden und ohne mit der Wimper zu zucken ein polizeilich kontrolliertes Gebiet geschaffen wird. Die SPD hat das in Hamburg vorgemacht, da gab es einen riesen Aufschrei. Die Grünen haben das jetzt in Berlin gemacht mit 900 Polizisten, die teilweise mit Maschinenpistolen bewaffnet waren. Das waren diktatorische Methoden, die man da beobachten konnte. Jetzt haben es auch die Jüngeren mal mitbekommen.

Mittlerweile haben die Grünen-Politiker*innen Ströbele und Bayram mit den Flüchtlingen in der Gerhart-Hauptmann-Schule einen Kompromiss ausgehandelt.

Im Endeffekt bleibt es trotzdem Erpressung. Was in dieser einen Woche mit den Flüchtlingen gemacht wurde, ist unerträglich. Die Leute durften denen nicht mal Essen rein bringen. Die wurden mürbe gemacht und das nennt sich dann heutzutage Verhandlung. Das ist ein starkes Stück. Wir setzen unsere Austritts-Kampagne jedenfalls fort, denn die nächste Scheiße kommt garantiert. Auch in Zukunft ist mit denen keine emanzipatorische Politik zu machen.

In der taz war zu lesen, dass du selbst mal in der Grünen Jugend warst.

Das stimmt tatsächlich. Ich war da 14 oder 15 Jahre alt und jemand wollte die erste Grüne Jugend überhaupt aufmachen. Da bin ich dazu gekommen, ehrlich gesagt nur, weil ich ein Mädchen toll fand. Die Gruppe wurde aber nach nicht mal einem Monat wieder aufgelöst, weil die Jugendlichen alle viel zu radikal waren. Manche sind dann Tierschützer geworden, andere sind zu klassischen autonomen Gruppen gegangen. Das war mein kurzes Intermezzo bei den Grünen.

Würdest du heute in einer Partei Mitglied werden?

Mir fällt nicht eine Partei ein, der ich irgendwie beitreten könnte. Die SPD hat gerade mit der erneuten Verschärfung des Asylrechts, also der Erweiterung der angeblich sicheren Drittstaaten, gezeigt, dass sie Überzeugungstäter in Punkto Rassismus sind. Die Grünen haben gezeigt, was sie von der Pressefreiheit halten und wie schnell die sich auf einen Polizeistaat einlassen. In der Linken gibt es ein Sammelbecken von Antisemiten und notorischen Israelhassern. CDU und FDP waren schon immer die Feinde. Also ein ganz klares Nein.

Im Internet werdet ihr als „Hipsterband auf Hipsterfang“ betitelt. Die Aktion wird eine „schlecht recherchierte pseudo-populistische Werbekampagne mit Verlosung“ genannt.

Ich finde das lustig. Mit Beschimpfungen und Bedrohungen kann ich umgehen. Das krieg ich jede Woche. Dass die Kampagne keine Werbung ist, kann man ja auch daran sehen, dass sich viele Hörer von uns abwenden, die sagen: „Egotronic sind für mich gestorben.“ Finde ich völlig legitim. Die Kampagne selbst ist aber aus purer Wut und einer absoluten Hilflosigkeit entstanden. Mein Punkt ist einfach: Ich möchte dieser Partei Schaden zufügen. Und zwar so effektiv wie ich kann, mit der Reichweite von Egotronic.

Ihr verspaßt es euch also auch mit einem Teil der eigenen Zielgruppe.

Wir wissen, dass wir Hörer haben, die Mitglied bei den Grünen sind. Die Vorkommnisse in Kreuzberg waren jetzt der Anlass zu sagen: Leute, setzt mal ein Zeichen und steigt bei dieser Partei aus. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, dass aus jungen Grünen auch irgendwann alte Grüne werden. Und aus Jusos irgendwann SPDler. Und spätestens dann werden sie Arschgeigen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Deswegen kann ich den Leuten nur raten, so schnell da zu verschwinden wie es nur irgend geht, bevor sie wirklich irgendwann knallharte Realpolitiker werden und anfangen ihre Ideale zu verraten.

Wie erfolgreich ist die Kampagne bislang?

Bis jetzt sind es nur wenige Zusendungen, aber ich sammle ja auch bis zum 31. Juli. Alle Ausstiege werde ich dann veröffentlichen. Ich hoffe, dass gerade junge Grüne, also diejenigen, die noch von einer besseren Welt träumen, irgendwann einsehen, dass sie mit der Partei ihre Ziele nicht erreichen können. Ob sie mir dann schreiben oder nicht, ist mir egal. Hauptsache sie steigen aus.