Angst vor neuem Judenhass

Ziel von Angriffen: Die Neue Synagoge in Wuppertal. (Foto: Atamari CC BY-SA 3.0)

Ziel von Angriffen: Die Neue Synagoge in Wuppertal. (Foto: Atamari CC BY-SA 3.0)

Brandanschläge auf Synagogen. Antisemitische Parolen auf den Straßen. Körperliche Angriffe auf Jüdinnen und Juden. Deutschland im Jahre 2014 – dass sich Judenhass in Europa jemals wieder derart offen äußern kann, hätten noch vor ein paar Monaten wohl nur Wenige geglaubt. Eines der Zentren der pogromartigen Zustände ist das Ruhrgebiet und Umgebung, wie aktuelle Fälle zeigen.

Charlotte Knobloch rät allen Jüd*innen in Deutschland, sich „nicht als Jude erkennbar zu machen.“ Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden kann wohl selbst noch nicht ganz fassen, was gerade in Deutschland passiert. „Was wir derzeit erleben, ist die kummervollste und bedrohlichste Zeit seit 1945“, sagte sie dem Kölner Stadtanzeiger. Auch ihr Nachfolger Dieter Graumann ist schockiert: „Ich habe mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorgestellt, dass ich so etwas erleben würde. Widerliche, antisemitische Slogans hören wir auf deutschen Straßen. In den sozialen Netzwerken bricht sich eine Welle von Hetze und Häme gegen Juden Bahn, das alles übertrifft, was wir befürchtet haben“, sagte er im Gespräch mit der Rheinischen Post.

Neben zahlreichen Demonstrationen gegen den israelischen Militäreinsatz, auf denen teilweise Hamas-Fahnen geschwenkt und antijüdische Parolen gerufen wurden – nach einer Demonstration in Essen kam es sogar zu offenen Hitler-Verehrungen – sind auch die Synagogen nicht mehr sicher. In Essen wurden mehrere Menschen festgenommen. Sie stehen im Verdacht, einen Anschlag auf die Alte Synagoge Essen geplant zu haben. In Wuppertal versagten die Ermittler: Zunächst wurde die Neue Synagoge mit „Free Palestine“ beschmiert. Einige Wochen später flogen Brandsätze.

Synagoge rund um die Uhr bewacht

Die Polizei hat zwei Tatverdächtige dingfest machen können. Es handelt sich um einen 18jährigen und einen 19jährigen Mann. Der Jüngere von beiden hat der Polizei gegenüber angegeben, Palästinenser zu sein, daher ist ein Zusammenhang mit dem Krieg in Nahost wahrscheinlich. Schon eine Woche zuvor konnten die Ermittler einen Anschlag auf das Gotteshaus vereiteln.Vier Männer hatten sich auf Facebook für einen Anschlag verabredet, konnten aber gefasst werden. Die Neue Synagoge besteht seit 2008. Sie steht dort, wo die Elberfelder Synagoge in der sogenannten Reichskristallnacht den Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Die Gemeinde Wuppertal ist geschockt. Die Synagoge wird nun rund um die Uhr bewacht, und auch in Essen sind die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt worden.

Jüdinnen und Juden habe derzeit wenig Freunde in Deutschland. Vor allem unter denjenigen, die sich den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung auf die Fahnen geschrieben haben,üben sich einige im Verharmlosen und Totschweigen. Angesichts der Welle judenfeindlicher Hetze sagte etwa Ralf Michalowsky, Sprecher der Linkspartei NRW: „Die hysterischen Warnungen vor einem neuen Antisemitismus in Deutschland sollen von Israels Vorgehen in Gaza ablenken“. Das sei eine „genau kalkulierte Kampagne“. Dies verlautbarte Michalowsky Ende Juli auf Twitter.

„Das ist genau die Art von Demagogie, die ich noch aus der DDR kenne“, sagt Anetta Kahane der akduell. Die Vorsitzende der antirassistischen Amadeu-Antonio-Stiftung ist empört über Aussagen wie die von Michalowsky. In der DDR sei auch immer wieder gesagt worden, Antisemitsmus sei ein Nebenwiderspruch, der vom Klassenkampf ablenken solle. Auch damals sei die Linie gewesen: Alles inszeniert, alles eine große Verschwörung. „Abgesehen davon unterstellt dies auch, dass Juden den Antisemitismus selbst produzieren würden, um von eigenen vermeintlichen Verfehlungen abzulenken“, sagt Kahane.

Der Anstieg ist messbar

Einige Aktivist*innen, Medien und Initiativen sprechen angesichts der Häufung der Vorfälle von einer neuen Welle des Antisemitismus in Deutschland. Dem schließt sich auch Kahane an: „Das liegt ja auf der Hand!“ Der Anstieg sei messbar.

Sie sieht die Schuld dafür auch bei linken Gruppen. „Auf manchen Demos sind ‚deutsche‘ Mitglieder mitgelaufen, die sich selbst nicht getraut haben, gewisse Parolen zu rufen, waren aber glücklich, dass andere das für sie getan haben.“ In den Neunzigern, als sich der Hass auf Asylanten und „Ausländer“ Bahn brach, sei das ähnlich gewesen. Otto-Normalbürger habe stille Sympathie für die Ausschreitungen von Neonazis empfunden. Da der sogenannte Nahost-Konflikt noch andauert, sind weitere Eskalationen nicht unwahrscheinlich. Vorige Woche fand in Duisburg eine Demonstration linker Aktivist*innen statt, mit dem Titel: „Tod dem Zionismus.“