Dingdong, der Stoll ist tot

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Der rechtsextrem-esoterische Verschwörungstheoretiker Axel Stoll ist gestorben – und hinterlässt eine große Fangemeinde im Internet. (Screenshot: youtube.com)

Die Bundesrepublik Deutschland gibt es nicht, dafür aber Nazis im Weltraum, die mit Reichsflugscheiben, geheimer Hochtechnologie und außerirdischer Unterstützung bald zurückkehren, um die Deutschen zu befreien – was sich anhört wie der Plot eines missglückten Trashfilm-Projekts, ist Teil des Glaubenssystems der ultrarechten Verschwörungstheoretiker*innen des „Neuschwabenlandforums“. Wie jetzt bekannt wurde, hat Dr. Axel Stoll, Vordenker und Gallionsfigur der wahrscheinlich spinnertsten Zusammenrottung im deutschen Rechtsextremismus, am 28. Juli das Zeitliche gesegnet.

Neben maximal wenigen hundert tatsächlichen Anhänger*innen seiner esoterisch-menschenfeindlichen Theorien hinterlässt Stoll noch eine ganz andere Fangemeinde: Die Youtube-Videos, in denen Stoll seine nicht selten krass rassistischen und antisemitischen Inhalte verkündete, erhielten regelmäßig zigtausende Klicks. Durch ein ironisch bis zynisch reagierendes Publikum ist Axel Stolls öffentlich ausgelebte Paranoia zu einem Phänomen der Popkultur geworden.

Wahnwitzige Konstrukte

Was ist so faszinierend an einem abgehalfterten 66-Jährigen, der sich mit einem Häuflein weiterer Rechtsextremist*innen in einer Berliner Spelunke trifft, Warsteiner säuft und dabei absurde Theorien von sich gibt? Klar, wer sich auf die Rückkehr der Nazis aus dem Weltall freut, behauptet, die Erde sei hohl und von einer Million Reichsdeutschen bewohnt, die Sonne kalt, und Arier*innen seien in Wirklichkeit Angehörige einer hochentwickelten außerirdischen Rasse, hat erst einmal einige Lacher auf seiner Seite. Tatsächlich verwurstete Stoll so ziemlich jede rechtsoffene Verschwörungstheorie zu einem imposant wahnwitzigen Konstrukt: Amerikanische Astronauten hätten den Mond niemals betreten, dafür führe die USA einen geheimen Krieg durch Wettermanipulation; eine galaktische Föderation nutze die Erde als Strafplaneten; Erdbeben würden künstlich ausgelöst; die Pyramiden seien große Energie-Akkumulatoren; die Wewelsburg diene zur Kommunikation der arischen Menschen mit ihren außerirdischen Vorfahren; die Juden Darwin und Einstein hätten die Wissenschaft versaut und im Auftrag einer jüdischen Verschwörung Irrlehren verbreitet. Das alles gewürzt mit einem kräftigen Schuss Geschichtsrevisionismus, Holocaust-Leugnung und unfreiwilligen Slapstick-Einlagen wie Stolls hasserfüllten Rant gegen den „Elektrojuden“ (gemeint sind Fernsehgeräte) – das wirkt wie eine aberwitzige Karikatur auf die rechtsesoterische Szene, deren Anhänger*innen sich im Internet und zuweilen auch auf angeblichen Friedensdemonstrationen und Montagsmahnwachen austoben.

Mehr als ein Internetphänomen

Axel Stolls besonders paranoische Spielart des Rechtsextremismus ist allerdings mehr als nur ein absurdes Internetphänomen. Das wird nicht nur dadurch deutlich, dass Stoll durch die Vermarktung von Scharlatanerie-Produkten wie etwa einem „Silber-Generator nach Dr. Axel Stoll“ (zur Heilung fast aller Krankheiten) und „peruanischem Drachengift“ (soll den Alterungsprozess aufhalten) angeblich recht viel Geld verdient hat. In der politischen Welt abseits seiner eigenen Anhänger*innenschaft dient Stolls Neuschwabenland-Treffen als Abgrenzungsfolie, mit Hilfe derer sich selbst eingefleischte Verschwörungstheoretiker*innen und Antisemit*innen als Angehörige der Mitte der Gesellschaft inszenieren können, die mit diesem Quatsch ja nichts zu tun haben. Und auch der Internet-Hype um Stoll hat durchaus spürbare Auswirkungen. Denn das massenhafte Zitieren von Stolls Antisemitismen und Rassismen als Netz-Phänomen trägt zumindest auch zur weitergehenden Enttabuisierung und Normalisierung menschenfeindlicher Sprache unter dem Deckmantel von Ironie und Zynismus bei. Gleichzeitig häufen sich zum Beispiel auf der populären satirischen Fake-Facebookseite „Dr. Axel Stoll – promovierter Naturwissenschaftler“ aktuell durchaus ernst aussehende und nicht sichtbar ironisch gebrochene Beileidsbekundungen. Damit dürfte Stoll innerhalb kürzester Zeit zum meistbetrauertsten Rechtsextremen und militanten Antisemiten der vergangenen Jahre in Deutschland geworden sein.

Im Vorwort des im vergangenen Jahr erschienenen kritischen Interview-Bandes „Muss man wissen! Ein Interview mit Dr. Axel Stoll“ stellt auch der ARD-Hörfunkmoderator und Podcaster Holger Klein fest: „Von Menschen wie Axel Stoll geht prinzipiell eine Gefahr aus. Sie geben simple Antworten auf komplexe Fragen, verweigern sich der Diskussion während sie Diskussionsbereitschaft behaupten und immunisieren sich und ihre Theorien gegen jegliche Kritik. Wer heute bereit ist, den einen Unsinn zu glauben, ist bald auch bereit, jeden anderen zu glauben, denn es fehlt ihm ein Maßstab, um Sinn von Unsinn zu unterscheiden.“