Hilfe für die Lost Generation

Stipendien für geflüchtete Studierende: Eine bundesweite Initiative appelliert an Unis und Politik. (Foto: Mnd)

Stipendien für geflüchtete Studierende: Eine bundesweite Initiative appelliert an Unis und Politik. (Foto: Mnd)

Dass der Bürgerkrieg in Syrien derzeit von anderen Konfliktherden aus der Wahrnehmung verdrängt wurde, heißt nicht, dass er beendet ist. Im Gegenteil: Immer noch tobt er unerbittlich und produziert täglich Tote, Traumatisierte und vor allem: Perspektivlosigkeit für die junge Generation. Über 200 Professor*innen aus Deutschland haben nun einen Appell veröffentlicht. Darin fordern sie, Studierende aus der Krisenregion mit Stipendien auszustatten.

Auf den ersten Blick klingt es recht merkwürdig: Haben die Menschen in Syrien derzeit nicht größere Probleme, als ihr Studium erfolgreich fortzuführen? Die Initiator*innen des Appells haben allerdings vor allem die Zeit nach dem Krieg im Blick. Mit der Vergabe von Stipendien würde Deutschland „schon jetzt nachhaltige Hilfe bei der Ausbildung von Fachkräften für den mittelfristigen Wiederaufbau Syriens leisten“, heißt es im Appell an das Auswärtige Amt, den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), die wissenschaftlichen und politischen Stiftungen sowie die Hochschulen in Deutschland. Und auch Pro Asyl meint in einer Stellungnahme: „Wer soll Syrien wieder aufbauen, wenn es keine Ingenieure, keine Ärztinnen, Anwältinnen oder Lehrer gibt?“ Vorbilder für das Konzept gibt es bereits. Die Professor*innen verweisen auf die USA. Dort hätten Universitäten und akademische Institutionen ein Stipendienprogramm ins Leben gerufen, das Studierenden aus Syrien, die vor den Kämpfen in ihrer Heimat fliehen, einen materiell und rechtlich gesicherten Aufenthaltsstatus ermögliche. Das wollen sie auch für die Bundesrepublik.

Vor dem Krieg studierten 20 Prozent der Bevölkerung

Vor dem Krieg studierten 20 Prozent der Bevölkerung Europa bekleckert sich bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht gerade mit Ruhm. Nur etwa drei Prozent der Flüchtlinge werden hier aufgenommen, die Bürokratie ist zäh. Derzeit sind insgesamt etwa neun Millionen Syrer*innen auf der Flucht, drei Millionen davon haben sich ins Ausland abgesetzt. Für Studierende gibt es hier bislang kein Konzept. Pro Asyl zitiert Mitinitiator Christoph Schwarz, Professor am Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Universität Marburg. Dieser erklärt: „Syrien ist eine junge Gesellschaft, die Bevölkerungsmehrheit ist jünger als 25 Jahre.“ Vor Beginn der Kampfhandlungen hätten rund 20 Prozent der syrischen Bevölkerung studiert. Deren Know-How würde fehlen, wenn es an den Wiederaufbau des geschundenen Landes geht. Die Unterzeichner*innen befürchten eine „lost generation“.

„Zeigen sie Solidarität!“

Zuständig für die Umsetzung des Programms wäre der DAAD.   Dessen Budget kommt überwiegend aus Bundesmitteln verschiedener Ministerien, von der EU, sowie aus Zuwendungen von Unternehmen und Organisationen. Auch ausländische Regierungen beteiligen sich teilweise an der Finanzierung. Die politischen Stiftungen müssten ebenfalls mit ins Boot geholt werden. „Zeigen sie Solidarität!“ Der Appell wurde von renommierten Personen wie dem Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz, dem Publizisten Micha Brumlik und der CDU-Politikerin Rita Süssmuth unterzeichnet. Neben den Forderungen gibt es auch klare Handlungsempfehlungen für Unterstützer*innen: „Wenn Sie studieren: Treten Sie an Ihre Professor_innen und Hochschulgremien heran und schlagen Sie vor, dass diese den Appell ebenfalls unterzeichnen!“ Und: „Zeigen Sie Solidarität und setzen Sie sich für Flüchtlinge und ihre Rechte ein, sollten diese mit Diskriminierung und rassistischer Hetze konfrontiert werden!“ Auch die Politik vor Ort soll gezielt angesprochen werden. So raten die Professor*innen, mal bei der oder dem Bundestagsabgeordneten des eigenen Wahlkreises nachzufragen. Die betreffende Person könne eine parlamentarische Initiative für die Einrichtung eines derartigen Stipendienprogramms auf die Beine stellen.