Medienmesse: Lesend schreiten sie voran

Bücher gegen Herrschaftsstrukturen: Anarchistische Gruppen sind derzeit im Aufwind, dazu trägt auch die Libertäre Medienmesse bei. (Foto: rvr)

Bücher gegen Herrschaftsstrukturen: Anarchistische Gruppen sind derzeit im Aufwind, dazu trägt auch die Libertäre Medienmesse bei. (Foto: rvr)

Aller guten Dinge sind mindestens drei: Zum dritten Mal nach den Jahren 2010 und 2012 hat am vergangenen Wochenende die Libertäre Medienmesse (LiMesse) im Ruhrgebiet stattgefunden. Für drei Tage wurde die Zeche Carl in Essen zu einem Forum für linke Kleinverlage, Zeitungs- und Zeitschriftenkollektive, Video- und Internetaktivist*innen abseits des Mainstreams. Das Rahmenprogramm mit 25 Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen, Filmvorführungen, Projekt- und Buchvorstellungen stand in diesem Jahr unter dem Motto „Frauen.Arbeit.Migration“. Ein Besuch auf einem der größten anarchistischen Events im deutschsprachigen Raum.

Beim Betreten des zur Messehalle umfunktionierten Veranstaltungssaals der Zeche Carl fällt zunächst ein großer Fahnen-Aufsteller des Neuen Deutschlands (ND) ins Auge. Die Linkspartei-nahe Tageszeitung, die eigentlich des Anarchismus weitgehend unverdächtig ist, hat sich einen prominenten Platz zwischen den Initiativen gesichert, die mehrheitlich auf Selbstorganisation statt auf staatliche Repräsentation in Parlamenten setzen. Insgesamt dominieren selbstgemalte Transparente und vor allem Büchertische das Bild. Der Münsteraner Unrast-Verlag ist hier und stellt seine Neuerscheinungen vor. Am Stand des Alibri-Verlags gibt es religionskritische Kinderbücher und Aufklärungsliteratur über esoterische Weltanschauungen. Der Schmetterling-Verlag bietet seine Bücher der theorie.org-Reihe an, und der Berliner Verbrecher-Verlag wirbt für seine Edition der Tagebücher des Anarchisten Erich Mühsam. Zwischen den Ständen der 24 vertretenen Verlage verteilen libertäre Gruppen selbst verlegte Pamphlete und Theorietexte, einige Antiquariate bieten ihre Schätze an. Das Institut für Syndikalismusforschung ist da, und auch das Café-Libertad-Kollektiv, das Kaffee aus den zapatistischen Gemeinden in Mexiko vertreibt, hat sich angekündigt. Insgesamt dominiert das gedruckte Wort, aber nicht nur: Zwischen den Bergen von Papier erklären zum Beispiel die Aktivist*innen von free.de, weshalb es sinnvoll ist, die technische Infrastruktur im Internet selbstorganisiert zu betreiben, statt sich den werbefinanzierten Diensten von Google und Co. auszuliefern.

Weltweite Bewegung

So bietet die LiMesse einen Überblick über das heterogene Feld politischer Positionen, die sich gemeinsam aus libertären und anarchistischen Theorieansätzen speisen. Ihr Kern ist die Ablehnung jeder Form der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Dagegen setzen die Aktivist*innen jeweils eigene und recht unterschiedliche Modelle des selbstbestimmten netzwerkförmigen Zusammenschlusses – wobei das Spektrum von ökologisch-pazifistischen Graswurzel-Gruppen über reine Publikationsprojekte bis hin zu basisgewerkschaftlichen Organisierungsansätzen reicht.

Die Libertäre Medienmesse ist damit Teil einer Bewegung, die inzwischen weltweit in 35 Städten und mehr als zehn Ländern anarchistische Buchmessen auf die Beine stellt. Ihren Ursprung in Europa hat das Konzept in der „Anarchist Book Fair“ in London, die seit 30 Jahren stattfindet. In den USA veranstalten Aktivist*innen in San Francisco die „Bay Area Anachist Book Fair“ ebenfalls bereits seit fast 20 Jahren. Mittlerweile gibt es vergleichbare Veranstaltungen unter anderem in Mexiko, Brasilien, Frankreich, Slowenien, Bulgarien, Spanien, Kroatien und Portugal.

Aktiv im Ruhrgebiet

Wie andere anarchistische Buchmessen ist auch die Messe auf Zeche Carl ein Non-Profit-Projekt. Sie wird organisiert von einer Gruppe von Medien-, Sozial- und Gewerkschaftsaktivist*innen aus dem Ruhrgebiet, dem Rheinland und dem Niederrhein, die auch abseits der Messe Unruhe in der Region stiften: Einige von ihnen waren in der AG Kritische Kulturhauptstadt aktiv, außerdem finden sich hier Organisator*innen des Euromayday Ruhr, einer alternativen Tanzdemonstration zum 1. Mai gegen prekarisierte Lebensverhältnisse.

Als die Aktivist*innen im September 2010 nach Oberhausen zur ersten Libertären Medienmesse einluden, verband sie ein über das dreitägige Event hinausgehender Wunsch: Sie wollten eine dauerhafte Vernetzungsstruktur herrschaftskritischer Medienmacher*innen anregen. Dass daraus bisher nichts geworden ist, finden die Veranstalter*innen jedoch nur halb so wild. Denn tatsächlich ist sogar mehr entstanden als nur ein Forum für Publizist*innen. So gründete sich im Anschluss an die erste Messe in Oberhausen die Zeitschrift Gǎi Dào, ein neues anarchistisches Monatsmagazin, das bis heute erscheint. Mit der „Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen“ ist ein zweiter überregionaler Zusammenschluss neben der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAU entstanden, zu dem sich inzwischen 27 lokale Gruppen zugehörig fühlen. Nach einem Vernetzungstreffen auf der LiMesse 2012 hat sich außerdem die Anarchistische Föderation Rhein/Ruhr gegründet, in der bis heute sechs Gruppen aus Düsseldorf, Dortmund, Krefeld, Duisburg, Bochum und dem östlichen Ruhrgebiet zusammenarbeiten. [rvr]