Adieu, Anwesenheitspflicht

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Keine Anwesenheitspflicht bedeutet nicht gleich leere Veranstaltungen. (Foto: sabi/ Archiv)

Demotivierte Dozent*innen und verschenkte Zeit, die man zum Lernen oder Arbeiten hätte nutzen können: Wer bisher ein Seminar belegte, musste mit diesen Zuständen oft leben, um am Ende den Teilnahmenachweis zu bekommen. Das hat sich seit Beginn des Wintersemesters 2014/15 geändert. Denn mit dem Inkrafttreten des neuen Hochschulzukunftsgesetzes (HZG) wurde endlich die Anwesenheitspflicht abgeschafft.

Zweimal gefehlt und damit aus dem Seminar geflogen – diese Konsequenz gehört nun der Vergangenheit an, seitdem das Hochschulzukunftsgesetz (HZG) in diesem Semester in Kraft getreten ist.  Eine der wichtigsten Neuerungen ist die Abschaffung der Anwesenheitspflicht.  Denn Paragraph 64 Absatz 2 a des HZG sieht vor, nur in wenigen Lehrveranstaltungen eine Präsenz zu fordern: „Abgesehen von Sprachkursen, Laborpraktika und Exkursionen gibt es jetzt keine Pflicht mehr, zu einem Seminar oder einer Vorlesung zu gehen“, sagt Nils Kriegeskorte, AStA-Referent für Hochschulpolitik. „In den genannten Ausnahmen ist eine Anwesenheit nun mal Voraussetzung für Lernerfolg.“

Leere Seminare oder bessere Lehre?
Ob Dozent*inen während des Seminars nun ein einsames Dasein fristen, hängt nicht vom generell fehlendem Interesse der Studierenden ab, sagt Isabell van Ackeren, Prorektorin für Studium und Lehre. „Jetzt, wo eine Anwesenheitsliste nicht mehr als Druckmittel für den Besuch des Seminars genutzt werden darf, müssen sich die Dozent*innen überlegen, wie sie die Lehrveranstaltung attraktiver gestalten können. Sie müssen also Anreize schaffen, damit sich die Studierenden die Informationen nicht nur Zuhause aneignen“, so van Ackeren.  Auch AStA-Referent Kriegeskorte sieht nun eine Möglichkeit zur Qualitätssteigerung: „Wenn der oder die Dozent*in möchte, dass die Veranstaltung gut besucht wird, muss er oder sie seine Lehrinhalte und Methoden anpassen.“ Van Ackeren sieht in der Abschaffung der Präsenzpflicht außerdem einen weiteren Schritt hin zum selbstbestimmten Lernen. Dies sei auch äußerst notwendig. Immerhin steige die Anzahl Studierender, die sich nebenbei noch um eine Familie kümmern oder viel für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, stetig.
Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass Studieren nicht nur bedeutet, möglichst viele Credit-Points mit möglichst wenig Aufwand zu erlangen. Es werde wahrscheinlich noch immer ein großer Teil der Studierenden die Seminare besuchen. Das Selbststudium ersetze eben nicht das gemeinsame Lernen im Gruppenverband, sagt van Ackeren. Besonders Studierende, die sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten, würden sich eher für den Seminarbesuch entscheiden. „Der wissenschaftliche Diskurs muss aber dennoch bestehen bleiben“, so van Ackeren. „Es ist nicht Sinn der universitären Lehre, viele Texte zu lesen, um den Abschlusstest zu bestehen, sondern mit anderen über die Inhalte zu diskutieren.“

„Kenn deine Rechte“
In Kürze wird van Ackeren sämtliche Lehrbeauftragte und Dozierende schriftlich über die abgeschaffte Anwesenheitspflicht informieren, um auch die zu erreichen, die anscheinend keine Nachrichten mitbekommen oder das HZG gekonnt ignorieren. Für den Fall, dass sich ein*e Dozent*in weiter über die rechtlichen Regelungen hinwegsetzt und eine Anwesenheitspflicht im Seminar verlangt, solle man sich am besten direkt an die Interessenvertreter*innen des AStA wenden: „Egal wie sehr ein Dozent darauf pocht, dass alle Seminarteilnehmer*innen erscheinen müssen – das Erscheinen zu verpflichten, ist rechtswidrig“, unterstreicht Prorektorin van Ackeren.
Studierende sollten ihre Rechte nicht nur bezüglich der abgeschafften Anwesenheitspflichten kennen und einfordern. Vergangenes Semester startete die vom AStA, den einzelnen Fachschaften und der Initiativgruppe Lehramt ins Leben gerufene Kampagne „Kenn deine Rechte“, die Studierende zu eben jenem aufruft (akduell berichtete). In einigen Vorlesungen werden nämlich beispielsweise Abschlusstests geschrieben, obwohl sie von der Prüfungsordnung gar nicht gefordert werden. Aus diesem Grund sollten Studierende ihre Prüfungsordnung genau lesen, um keine unzulässigen Klausuren oder ähnliche Zusatzbelastungen dulden zu müssen, empfiehlt die Kampagne. Im Zweifelsfall solle man sich lieber an den AStA wenden und um Hilfe bitten, statt auf seine Rechte zu verzichten. [fro]