Frittieren geht über studieren

Frittieren geht über studieren

Es riecht nach Frittenfett! Der Autor und Konzeptkünstler Matthias Schamp hat einen Teil des Mülheimer Kunstmuseums in eine Pommesbude verwandelt. Dort lädt er zur Veranstaltungsreihe „Reflektieren & Frittieren“. Das Konzept ist so niederschwellig wie eindrucksvoll: Schamp lädt befreundete Künstler*innen in seine Großinstallation „Mythos-Grill“ ein. Und während der Gastgeber an der Fritteuse steht und Pommes verteilt, stellen seine Gäste ihre Projekte vor. Zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe in Mülheim waren am Donnerstag Klaus Urbons und John Waszek zu Gast, die bereits vor 30 Jahren mit ihrem Underground-Projekt „Kunstschutzkeller“ für Furore gesorgt haben.

An der Fritteuse: Matthias Schamp. (Foto: rvr)

An der Fritteuse: Matthias Schamp. (Foto: rvr)

„Der Mythos-Grill ist ein florierendes multinationales Unternehmen. Er ist angetreten, um McDonald’s und Burger King Konkurrenz zu machen“, sagt Matthias Schamp. „Allerdings hat der Mythos-Grill ein etwas anderes Geschäftsmodell: Er eröffnet nur temporäre Filialen. Pommes gibt es für lau, Bier zum Selbstkostenpreis, dafür wird die Wanddekoration abverkauft.“ An den Wänden hängen Mosaike aus bunten Pommesgabeln, die Schamp „Simulationen von Malereien“ nennt. Darüber hinaus zieren drei Sammlungen den Mythos-Grill: Eine Pommesbuden-Deko-Sammlung mit Einrichtungsgegenständen klassischer Imbisse, eine technische Sammlung mit Fritteusen aus mehreren Jahrzehnten, und eine Antiken-Sammlung (inkl. Olympia Schreibmaschine).

Bier und Alltagsarchäologie

Schamp erklärt, es sei sein Interesse sowohl an Alltagskultur als auch an Hochkultur, das ihn seit inzwischen 17 Jahren antreibe, immer wieder temporäre Mythos-Grill-Filialen in Museen und Kunstinstitutionen im In- und Ausland zu eröffnen. Und zwar mit jeweils einem an die lokalen Begebenheiten angepassten Programm: In den Niederlanden organisierte er einen Frikandel-Staffellauf, in der Berliner Gropiusstadt bot der Mythos-Grill einen 24-Stunden-Fischstäbchen-Bring-Service. „Ich wollte deutlich machen, dass Fischstäbchen nicht nur Genussmittel sind“, sagt Schamp. „Sie sind rechteckig, stapelbar – also kulturelle Produkte, in die sich die ästhetischen Programme der Moderne eingeschrieben haben.“ Auch in Mülheim erweckt Schamps detailverliebte Inszenierung niemals den Eindruck, dass er sich über die Pommesbude oder aber auch über das Museum als Institution lustig machen würde. Im Gegenteil wird der Kustraum durch die Überlagerung mit der Frittiererei zu einer alltagsarchäologischen Spielstätte, in der lustvoll neu ausgehandelt werden kann, was interessant genug ist, um im Museum zu landen.

frittieren3In der ersten halben Stunde des Veranstaltungsabends haben die Besucher*innen im Museum Zeit, einen Blick in die Ausstellung „Der subversive Geist“ zu werfen, anlässlich derer der Mythos-Grill den Weg nach Mülheim gefunden hat. Als das Pommes-Programm dann endlich beginnt, wird schnell klar, dass es kein Zufall ist, dass Matthias Schamp seine Mülheimer Veranstaltungsreihe mit der Einladung von Klaus Urbons und John Waszek eröffnet. Während die Gäste Pommes futtern und an ihren Bieren nippen, berichtet Urbons von seinem Kunstschutzkeller, den er im Orwell-Jahr 1984 ins Leben gerufen hatte: Alle 14 Tage hielt er damals in einem ehemaligen Luftschutzkeller sogenannte „Kunstschutzübungen“ ab, zu denen er, wie Schamp heute in seinen Mythos-Grill, jeweils Künstler*innen für Lesungen, Performances und Diskussionen einlud. „Unser Minimalprogramm damals: Eine Flasche klarer Schnaps“, erinnert sich Urbons. Mit der Einladung gelingt dem Mythos-Grill in Mülheim ein Treffen der Generationen, das sich, wenn es nach Schamp geht, am kommenden Donnerstag fortsetzen wird. Dann ist nämlich der Musiker, Filmemacher, Schauspieler, Politiker und Satiriker Wolfgang Wendland zu Gast. Wendland, der sich unter anderem als Sänger der Kassierer und als Kanzlerkandidat der APPD einen Namen gemacht hat, wird an dem Abend seinen neuen Film „Rollator-Mitfahrt“ präsentieren. Der Mythos-Grill scheint dafür genau der richtige Ort zu sein, schließlich galt Mülheim lange Zeit als eines der Zentren des deutschsprachigen Experimentalfilms. Matthias Schamp hofft für Donnerstag auch auf einigen Zulauf von der Universität Duisburg-Essen: „Pommes für lau, Bier für ein Euro, das dürfte doch auch für Studentinnen und Studenten attraktiv genug sein, oder?“

frittieren2Reflektieren & Frittieren

eine Veranstaltungsreihe von Matthias Schamp in der temporären Mythos-Grill-Filiale im Kunstmuseum Mülheim/Ruhr, Synagogenplatz 1.

Eintritt frei – Pommes für lau, Bier für 1 Euro. Die nächsten Termine:

Do. 16. Oktober, 18:30 Uhr:
Wolfgang Wendland präsentiert seinen neuen Film „Rollator-Mitfahrt“.

Do. 30. Oktober, 18:30 Uhr:
Ruppe Koselleck spricht über die von ihm geplante feindliche Übernahme des BP-Konzerns.

Ausstellung: Der subversive Geist
Fotografien, Filme, Bilder, Aktionen, Installationen u.a. von: Christoph Schlingensief, Matthias Schamp, Dore O., Martin Kippenberger, Klaus Urbons.
bis zum 16. November Di. bis So. 11 bis 18 Uhr
im Kunstmuseum Mülheim/Ruhr.
Eintritt: 4 Euro, erm. 2 Euro
Weitere Infos zur Ausstellung

 

Weitere Projekte von Matthias Schamp:

Weltweit erste Horizontaldemonstration – in Fließrichtung, Bonn 2006

Aktion zur Erhöhung der Schwellenangst beim Betreten des Museums / „Wir sind das Bild“-Demonstration, Marl 2008

Ich als weißer Querbalken eines Einfahrt-Verboten-Schildes, Bochum 2006