Kobane ist überall

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Talip Üstebay hält auf dem Essener Willy-Brandt-Platz eine Rede für die Rechte und Unabhängigkeit der Kurd*innen. (Foto: Mnd)

Die Gefechte um die kurdische Stadt Kobane an der syrisch-türkischen Grenze treiben weltweit Menschen auf die Straße. Kurdische und linke Gruppen machen mit Demonstrationen und anderen Aktionen auf den Terror der IS-Miliz aufmerksam. Auch Kurd*innen in Essen sind besorgt. Sie kritisieren vor allem die Rolle der Türkei: Diese unterstütze die Terrorist*innen.

Nevin Coskun, eine Aktivistin aus Essen Steele, steht an einem Infostand in der Essener Fußgängerzone, den sie zusammen mit anderen kurdischen Aktivist*innen organisiert. Eine Mischung aus Wut und Verzweiflung macht sich unter den Anwesenden bemerkbar. „Viele von uns haben Familie in der umkämpften Region“, sagt sie. Der türkische Premier Erdogan tue nichts, um den Menschen zur Hilfe zu eilen. Das aber sei auch gar nicht gewünscht. Denn, so befürchten hier viele, Erdogan wolle die kurdischen Autonomie-Bestrebungen untergraben.

Neben Nevin Coskun steht Talip Üstebay. „Erdogan unterstützt den IS“, glaubt er. Er ist türkisch-kurdischer Aktivist und extra aus Heiligenhaus angereist um die Aktivist*innen zu unterstützen und Redebeiträge zu halten. Für den türkischen Premier Erdogan hat auch er nur Verachtung übrig. „Die Türkei wartet bewusst ab, sie wollen die YPG zerschlagen“, sagt er. Die YPG sind die kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ in Syrien, die gerade an vorderster Front gegen den „Islamischen Staat“ kämpfen. Mit der Vernichtung der YPG wäre Erdogan sein „Kurden-Problem“ los, so die einhellige Meinung der Demonstrierenden.

„Männlich dominierte Machtpolitik“

Auch Aktivist*innen des Vereins „Ceni – kurdisches Frauenbüro für Frieden“ sind gekommen. „Frauen sind nicht Urheber der Kriege und der Gewalt, sondern in erster Linie deren Leidtragende“, heißt es in einer Flugschrift. Obwohl auch immer wieder Frauen für Kriege instrumentalisiert und als Soldatinnen eingesetzt würden, „sind Kriegsbeschlüsse weiterhin ein Ergebnis männlich dominierter Machtpolitik“, sagen sie. Frauen litten darunter in vielfacher Hinsicht: „Hunderttausende von Frauen wurden in Kriegen angegriffen, ermordet, vergewaltigt, verhaftet und gefoltert.“ Dem pflichtet auch Nevin Coskun bei. Die Sicherheit von Frauen in Kriegen sei stets besonders gefährdet. Auf Plakaten, die an dem Infostand hängen, wird ein Stopp der „Feminizide“, also der Frauenmorde durch den IS, gefordert. Die Aktivist*innen vom Verein Ceni argumentieren, dass Frauen eine „treibende Kraft“ in der Friedensbewegung seien. Dennoch seien sie bei Friedensverhandlungen auf allen Ebenen unterrepräsentiert.

Auch in Bochum treibt es Kurd*innen und ihre Unterstützer*innen auf die Straße. Am vergangenen Donnerstag hielten rund 300 Menschen eine Kundgebung auf dem zentral gelegenen Husemannplatz ab. Neben Vertreter*innen verschiedener Parteien kam vor allem die DIDF-Jugend zu Wort. Die Föderation Demokratischer Arbeitervereine, in dem viele kurdisch- und türkischstämmige Menschen aktiv sind, hat die Kundgebung organisiert. Sie fordern die türkische Regierung auf, endlich PKK-Truppen über die türkische Grenze nach Syrien zu lassen, um die dortigen kurdischen Kampfverbände zu unterstützen. Andernfalls drohe ein Völkermord.

Misstrauen gegenüber Erdogan

Ein türkischer DIDF-Aktivist sagt der akduell: „Die Türkei spielt ein falsches Spiel. Sie schlagen einerseits prokurdische Proteste nieder und unterstützen andererseits Salafisten im Land.“ Dass türkische Truppen nach Syrien gehen um dort gegen den IS zu kämpfen, will auch er nicht. Erdogan könnte den Einsatz nutzen, um vor allem gegen die Kurd*innen vorzugehen. Auch die Bochumer Ratsfrau der Linken, Sevim Sarialtun, ist zur Kundgebung gekommen. „Wir sind eine Mischung verschiedener Völker“, ruft sie in die Menge. Und: „Die Revolution von Rojava muss verteidigt werden!“ „Rojava“ wird der syrische Teil Kurdistans genannt. Auch Sarialtun glaubt, dass Erdogan in erster Linie die kurdische Selbstbestimmung niederschlagen will.

In Essen ist die Kundgebung am späten Nachmittag vorüber. Nennenswerte Zwischenfälle gab es keine. Talip Üstebay freut sich über die vielfältige Unterstützung, die er und seine Mitstreiter*innen am Info-Stand in Essen erfahren haben. Zur akduell sagt er abschließend: Wir rufen auch die Universitäten und die Studierenden auf, uns zu unterstützen! Vor allem die junge Generation muss sich für Freiheit und Demokratie einsetzen.“