Essen auf Pump

Die Essener Innenstadt ist zu zweifelhaftem Ruhm gekommen: Das Gebiet mit der Postleitzahl 45127 verzeichnet die höchste Schuldner*innen-Quote in NRW. Das geht aus einer Studie hervor, die das Unternehmen Creditreform in der vergangenen Woche veröffentlicht hat. Rund zehn Prozent der deutschen Bürger*innen sind betroffen. Unter Studierenden ist die Quote noch höher.

 
Erfasst werden Menschen, die von Privat-Insolvenz oder Pfändung betroffen sind, oder bei mindestens drei Gläubiger*innen offene Rechnungen haben. In Essen trifft das auf 13,15 Prozent der Einwohner*innen zu, in Duisburg sind es sogar 15,86 Prozent. Im Vergleich zu den Vorjahren ist da ein geringer Anstieg. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 9,9 Prozent. Die Forscher*innen nennen diese Entwicklung „besorgniserregend“. Viele Menschen würden über ihre Verhältnisse leben und so von kleineren Rückzahlungsproblemen in eine Schuldenkrise schlittern.

 

2-Schulden

Gerade im Ruhrgebiet ist der Schuldner*innenanteil hoch. (Grafik: Creditreform)

Viele Studierende betroffen
Unter Studierenden sind vor allem Mediziner*innen betroffen, wie das Marktforschungsinstitut Promio Anfang des Jahres herausgefunden hat. Hier spielen teure Mieten eine Rolle, aber auch ein Mangel an einträglichen Nebenjobs. Am Ende ihres Studiums stehen viele Menschen dann vor einem Schuldenberg. Mediziner*innen stünden nach ihrem Studium im Schnitt mit rund 16.600 Euro in der Kreide. Bei den Geisteswissenschaftler*innen kommen rund 9.900 Euro zusammen.
Marcel ist einer von ihnen. Er hat schon oft Erfahrung mit Schulden gemacht. Dabei hatte er auch schon mit Creditreform zu tun, das vor allem ein Inkasso-Unternehmen ist. Es ging um Dinge wie unbezahlte Handyrechnungen. „Gerade als Studierender muss ich mit recht wenig Geld auskommen“, sagt er. Sein Nebenjob bringt ihm gerade mal rund 300 Euro monatlich ein, seine Mietkosten übernehmen die Eltern. „Wenn man die sonstigen laufenden Kosten abzieht, bleibt kaum noch etwas zum Leben. Wenn man dann noch ständig Schulden abbezahlen muss, kommt man kaum über die Runden.“
Nur rund vier Prozent der Studierenden nutzen Studienkredite. Das deutsche Studentenwerk hat in einer Sozialerhebung herausgefunden, dass die überwiegende Mehrheit – 84 Prozent –  von ihren Eltern finanziert werden oder BAföG beziehen. Zwar gibt es bei vielen Studienkrediten nach dem Studium eine Karenzzeit zur Rückzahlung. Anders als beim BAföG müssen allerdings Zinsen gezahlt werden. Wer das Geld nicht aufbringen kann, muss oft weitere Kredite aufnehmen, meistens zu deutlich höheren Zinsen.

 
„Unsere Schuldner sitzen in ganz Essen“
Die Macher*innen der Studie blicken angesichts ihrer Ergebnisse eher pessimistisch in die Zukunft. Sie sprechen von einer „Erosion der Sparkultur“ und von mangelnder Bereitschaft, für das Alter vorzusorgen. Die Zahl der Schuldner*innen werde voraussichtlich weiter steigen. Und so wird wohl auch in Essen die Zahl derer steigen, die eine Beratung in Anspruch nehmen. Gegenüber der WAZ betont Wolfgang Huber, Leiter der Schuldnerhilfe Essen: „Unsere Schuldner sitzen in ganz Essen“. Nicht nur der Stadtkern, der die Liste verschuldeter Gebiete anführt, ist betroffen.
Von den Ruhrgebietsstädten hat es übrigens nicht Essen in die Top-Ten der meistverschuldeten Städte Deutschlands geschafft, sondern Herne. Hier sind rund 16 Prozent der Einwohner*innen verschuldet, das ist ein Anstieg von mehr als drei Prozent im Vergleich zu 2009. Studierenden raten Expert*innen derweil, vor Aufnahme eines Studienkredites die verschiedenen Anbieter zu vergleichen. Rund 40 verschiedene Unternehmen bieten die Kredite an, die staatliche KfW-Bank ist das Größte von ihnen. Über 90 Prozent der Studierenden, die einen Kredit aufnehmen, gehen zur KfW-Bank. Doch das ist nicht immer die ideale Lösung: Bei manchen Anbietern sind zum Beispiel die Zinsen geringer. Auch finanziert die KfW-Bank nur das Erststudium und nur Personen zwischen 18 und 34 Jahren. Auch Marcel denkt über einen Studienkredit nach. „Doch der würde meinen Schuldenberg nur vergrößern“, wendet er ein.