Tschakkaa – Die spinnen, die Wiwis!

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Motivation oder Humbug? Das Career Bootcamp war vieles, nur nicht langweilig. (Foto: aGro)

Bereits zum zweiten Mal veranstaltete die Fachschaft Wirtschaftswissenschaften am vergangenen Sonntag ihr Career Bootcamp. Hier sollen ein Gedächtnistrainer, eine Thyssen-Krupp-Personalerin und zwei Motivationscoaches den Studierenden neben Tipps und Tricks auch die richtige Einstellung für den Arbeitsmarkt vermitteln. Alex Grossert hat sich motivieren lassen und neben jeder Menge heißer Luft bizarre bis menschenverachtende Weltbilder kennengelernt. 

Die knapp dreißig Kommentare unter einem Facebook-Post der Fachschaft Wiwi klingen durchweg begeistert: „Positive Energie für die nächsten 365 Tage“ habe eine Teilnehmerin getankt. Ein anderer meint, dass sich 500 Kilometer Anfahrt gelohnt hätten. Die 20 Euro-Teilnahmegebühren dienen außerdem einem guten Zweck, schließlich werden Gagen und Gewinne laut Moderator und Career Bootcamp-Erfinder Lenny Lennackers der Organisation Lichtblicke gespendet. Sein Zwillingsbruder ist nicht nur einer der Referenten, er arbeitet auch im Personalbereich der Restaurantkette Vapiano, die im vergangenen Jahr in der Kritik war, weil sie in Bochum mehreren Mitarbeiter*innen kündigte, die einen Betriebsrat gründen wollten. Auch Tobias Beck, der Headliner des Tages arbeitet für die Kette. Mit kurzen Hosen und ohne Vorbereitung habe er einst im Vorstellungsgespräch von Enten erzählt. Enten seien über der Oberfläche cool, untenrum aber immer in Bewegung. So sollten auch die Mitarbeiter*innen von Vapiano sein, habe er gesagt und den Job bekommen.

„Ficki-Ficki“

Zuerst soll Oliver Geisselhardt – Gedächtnistrainer und Eselsbrückenbauer uns helfen, unser Gehirn richtig zu benutzen. Er trägt ein Jackett mit weißem Hemd, dessen oberster Knopf dynamisch offen steht. Der Coach vergleicht das Gedächtnistraining mit Muskelaufbau und fragt Zuschauer, wie oft sie ins Fitness-Studio gehen. „Tschakkaa!“, ruft er. Er hat tatsächlich das T-Wort gesagt. Außerdem spricht er in diesem Mario Barth-Stil mit Phrasen wie „Hähähä, kennt ihr? Kennt ihr?“ Das Publikum soll dann per Handzeichen antworten. Ich hebe immer dann die Hand, wenn es nicht auffällt.

Zehn Symbole, mit denen man sich Listen merken kann: Wichtig ist, Symbol und Merkwort in einem außergewöhnlichen Gedankenbild zu verbinden. Foto: aGro)

Zehn Symbole, mit denen man sich Listen merken kann: Wichtig ist, Symbol und Merkwort in einem außergewöhnlichen Gedankenbild zu verbinden. Foto: aGro)

Die wichtigsten Funktionen des Gehirns sind laut Geisselhart „Überleben sichern“ und „Ficki-Ficki“ – Vorstellungen mit Sex und Gewalt seien demnach einprägsamer. Der Trainer erklärt ein paar grundlegende Mnemotechniken, die man in nahezu jedem Buch zum Thema findet. Wir merken uns zehn amerikanische Präsidenten und lernen ein paar französische Vokabeln. „Je bescheuerter, desto merk.“, ist Geisselharts Motto, das er etwa demonstriert, indem er mit Hilfe einer dreischwänzigen Fetischpeitsche seinen Namen erklärt – wahrscheinlich seit Jahren ein Kernstück seines Programms.

Mysterien des Personalwesens

Die Thyssen-Krupp-Personalerin Kathrin Gimpel erklärt als nächstes, warum man sich bei der Karriere professionell verlieben sollte. Sie betont zwar ihren Ruhrpott-Slang, aber redet immerhin unaufgeregter als ihr Vorredner und duzt nicht gleich alle. Der seriöse Eindruck ist allerdings schnell dahin, als sie ein Youtube-Video mit Kuschelrock, Kitschbildern und Poesiealbumsprüchen zeigt, um zu vermitteln: „Seinse halt so, wie se sind.“ Sympathisch, aber nicht nett. Mit Herz und Verstand einen Unterschied machen, aber gleichzeitig ein junges Spiegelbild der Chef*in sein. Das klingt eher nach unerfüllbaren Erwartungen, als nach pragmatischen Insider-Tipps.

Nach der Mittagspause stellt Moderator Lennacker seinen Zwillingsbruder vor. Der ist 29 Jahre, zertifizierter Businesscoach und -trainer mit Spezialgebiet Leadership-Management. „Freunde is dat schön!“, schreit dieser ins Mikro, bevor er die Karriere in der Sprache des Rennsports erklärt. Nach Warmup und Qualifying kommen Rennen und Siegerehrung. Um sich zu qualifizieren, müsse man in den Bewerbungsunterlagen die Sprache des Unternehmens sprechen, indem man etwa dessen Farbe und Schriftart übernimmt und im Anschreiben möglichst wörtlich die Stellenanzeige wiederholt. Ansonsten Altbekanntes: Fakten kennen, Produkte testen, nachtelefonieren, Praktikum anbieten.

Gurus und Parasiten

Motivationstrainer Tobias Beck steht selten still. Foto: aGro)

Motivationstrainer Tobias Beck steht selten still. (Foto: aGro)

Tobias Beck scheint der Star der Veranstaltung zu sein. Der drahtige Durchschnittstyp ist Leader of Culture bei Vapiano und hat unter anderem in Essen studiert. Er erzählt von seinem US-amerikanischen Lehrer Anthony Mapps wie Esoteriker*innen von ihren Gurus. Beck habe dort gelernt, dass verdienen von dienen komme. Er arbeitet mit Affirmationen, die eigentlich so übertrieben sind, dass man sie kaum ernst nehmen kann, aber immer wieder vom Publikum wiederholt werden müssen. „Ja, das bin ich“, sollen wir laut sagen, wenn er uns schmeichelt.

Beck erzählt von einem geheimnisvollen indischen Tempel, den er einst besucht habe. Dort werde gelehrt, dass jeder Mensch 100 blaue, runde Lebenspartikel habe. Diese würden uns von Menschen geraubt, die negative Gespräche führten, den sogenannten „Bewohnern“. Dementsprechend teilt  Beck die Menschen in vier Kasten ein: Er selbst ist ein „Superstar“, vergleichbar mit Nietzsches Übermenschen, seine Zuhörer*innen sind „Diamanten“, „die mal so richtig durchgeschliffen werden müssen“. Über Abwesende redet Beck noch weniger positiv. Das sind entweder „Ameisen“, die immer nur das Soll leisten und sich mit dem Mittelmaß abfinden, oder sie gehören zur untersten Kaste der parasitäre „Bewohner“, die es auf unsere Lebenspartikel abgesehen haben. Wehleidige Pessimist*innen mit zögerlicher Stimme. „Glaubt ihr, ich könnte sowas hier beruflich machen, wenn ich mit solchen Leuten reden würde?“ Für ein bewohnerfreies Leben habe er sich entschieden, sonst würde er ausrasten.

Kleine Spiele und Aufgaben stärken das Gemeinschaftsgefühl. Foto: aGro)

Kleine Spiele und Aufgaben während des Vortrags stärken das Gemeinschaftsgefühl. (Foto: aGro)

Als Gegenbild beschreibt Beck einen hässlichen Mann mit einer gutaussehenden Frau, der sich vor dem Spiegel sagt: „So Mädels, der Papa hat Bonbons“. Wer Karriere machen wolle, müsse nicht nur Fachmann/-frau in seinem Bereich sein, sondern auch blitzgescheit, hellaufbegeistert und voller Energie. „Ihr müsst die Personalleiterin mit eurer Energie wegballern“, ruft er in den Hörsaal. Zum Schluss wird er dann wieder friedlicher. Wir bekommen den Auftrag, unseren Nachbarn spontan Komplimente zu machen. Nach der Sitzung sollen wir irgendwem „Ich liebe dich“ sagen. Beck schickt sein Publikum auf eine Traumreise, lässt sie zu lautem Kirmestechno durch den Raum tanzen, bis zum Schluss alle „Simply the best“ von Tina Turner singen. „Geht zu so vielen Coaches wie möglich! Ein Satz oder eine Übung kann dein Leben verändern“, ist Becks finaler Ratschlag. Vielleicht stimmt das. Aber ob das so gut wäre?