Wie rechts ist Rap?

„Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz.” – Fler

„Das ist Schwarz-Rot-Gold,
hart und stolz.”
– Fler

Der Berliner Rapper Fler hat die Debatte um Nationalismus im deutschen Hip-Hop erneut angefacht. In einem offenen Brief an seinen Rapper-Kollegen Farid Bang bezeichnet er diesen als “Gast” in Deutschland, der den Deutschen aufgrund seines Migrationshintergrunds Dankbarkeit und Demut schulde. Und nicht zum ersten Mal fällt Fler mit dumpfen Stammtischparolen auf.

Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz.” So präsentiert sich der Berliner Gangster-Rapper Fler gerne. Die Zeile stammt aus seinem Song “Neue Deutsche Welle”, den er 2005 veröffentlichte. Patrick Losensky, wie er bürgerlich heißt, hat aus seinem Nationalchauvinismus nie einen Hehl gemacht. Vergangene Woche nun richtete er sich an den marokkanischstämmigen Rapper Farid Bang. In dem Schreiben, dass über Facebook veröffentlicht wurde, beschwert sich Fler über Anfeindungen migrantischer Rapper. Dann: “Ich unterstelle Dir nicht das du mich aufgrund meiner Nationalität nicht leiden kannst, aber trotzdem solltest Du aufgrund Deiner Nationalität besser aufpassen was du sagst als Gast.” Deutschland sei sehr sozial gegenüber Eingewanderten, meine es gut mit ihnen und ließe daher “auch noch mehr Asylanten in unser Land”. Darum, findet Fler, könne man ein bisschen mehr Dankbarkeit erwarten. Was genau nun Fler zur deutschen Asylpolitik beiträgt, bleibt im Dunkeln. Dass er sich auf sein Deutschsein eine Menge einbildet, wird hingegen immer wieder deutlich. Eine derartige Rethorik kommt im rechten Lager gut an. Im Mai dieses Jahres bekam er Applaus von der NPD. In einem Wahlbrief der Neonazi-Partei in Sachsen heißt es: „Wir als NPD sind diejenigen die das auszusprechen wagen, was andere nur denken. (..) Unsere Gegner jammern rum, dass vieles ‘politisch nicht korrekt’ ist, was wir sagen und denken. (…) Probleme muss man offen ansprechen können – und zwar ohne Denkverbote! Auf diesen Zug springen zunehmend auch Personen des öffentlichen Lebens auf, und Heimatliebe scheint so langsam Kult zu werden. Ein Beispiel findet man in den Liedtexten des deutschen Rappers ‘Fler’, u.a. kommen Aussagen vor wie: ‘Bei mir hängt die Fahne nicht nur zur Fußball-WM’.”

Rechte Parolen, unauffällig verpackt

Das ist PR-mäßig auch für einen Fler eher unangenehm. Und so inszenierte sich der Vorzeigedeutsche dann doch noch als Antifaschist, der schon immer gegen Nazis gewesen sei. Er sei “ehrlich gesagt schockiert darüber wie dreist die NPD versucht hier Junge Leute über solch eine Masche für sich zu gewinnen”, ließ Fler in einer Stellungnahme verlautbaren. Seine Anwälte ließ er zudem eine Klage die Partei vorbereiten, von der man im Nachhinein allerdings nie wieder etwas gehört hat. Angesichts seiner aktuellen Äußerungen Farid Bang gegenüber klingt es zynisch, wenn er beteuert, er und sein “gesamtes Umfeld repräsentieren Toleranz und Respekt für alle Menschen!” Auch das Online-Musikmagazin laut.de setzt sich immer wieder mit Hip-Hop von rechts und auch mit Fler auseinander. “Die provozierte Aufmerksamkeit, die sie ihrer Musik mit unreflektierten Nazi-Sprüchen verschaffen, ist teuer bezahlt. Mit einer Anhängerschaft, die die tumben Phrasen für voll nimmt. Denn die stecken schließlich gut verpackt in bunten Videos und harmlosen Klingeltönen”, heißt es dort in einem Meinungsbeitrag. Obwohl er sich im Nachinein immer wieder von rechtem Gedankengut distanziere, bediene er den rechten Stammtisch. Auch in Sachen Farid Bang weiß Fler mal wieder nicht, was die ganze Aufregung soll. Flankiert vom Magazin Focus, das nicht etwa Flers deutschnationale Aussetzer kritisiert, sondern mit der Reaktion Farid Bangs aufmacht – “Farid Bang beschimpft Fler als ‚Hurensohn‘”, heißt es im Titel – bezeichnet Fler die Debatte als “lästig”. In einem Deutsch, mit dem Fler durch jeden Einbürgerungstest gefallen wäre, schreibt er: “Habe ich geschrieben „raus mit den Auländern“? Definitiv nicht! Habe ich etwas gegen Ausländer? Ganz im Gegenteil!” Fall erledigt, jedenfalls für ihn.

Wenn Rapper*innen zur Politik greifen

Es gibt auch Rapper*innen, die mehr oder weniger explizit zu ihrer neonazistischen Gesinnung stehen. Ein Beispiel dafür ist Mia Herm alias“Dee Ex”, ebenfalls aus Berlin. Sie schwadroniert von “Überfremdung” und der Gefahr, die von “Multikulti” ausgehe. Ihr kurzzeitiges Engagement bei der rechten Partei “Die Freiheit” beendete sie, da diese ihr noch zu positiv gegenüber Israel eingestellt sei. Zu ihren Fans gehört der Verschwörungstheoretiker und rechte Querfrontler Jürgen Elsässer. Sie wiederum ist als Gast auf einer von Elsässer organisierten Konferenz zu 9/11 zu sehen. Rechten Medien wie der Jungen Freiheit ist sie regelmäßige Interview-Partnerin. 2011 trat sie gemeinsam mit der rechten Hooligan-Band Kategorie C auf. Auch tritt sie als Teilnehmerin der antisemitischen Al Quds-Demonstrationen von Hisbollah-Anhänger*innen in Erscheinung.

Wenn Rapper*innen thematisch mal zur Politik greifen, wird es oft gruselig. Die Szene ist sehr anfällig für Antiamerikanismus, alle möglichen Verschwörungstheorien und eben Nationalismus. Ein aktuelles Beispiel ist der “Reichsbürger”-Sympathisant Xavier Naidoo, der zwar nicht rappt sondern singt, inhaltlich aber von Szene-Größen wie Kool Savas unterstützt wird. Naidoo trat vor einigen Wochen bei einer neurechten “Friedensmahnwache” auf, auf seinem T-Shirt stand “Freiheit für Deutschland”. Er wolle mit allen Menschen ins Gespräch kommen, sagte er, auch mit der NPD. Diese ließ sich nicht lange bitten und ließ dem Sohn Mannheims sogleich eine Einladung zukommen. 14 Jahre nach dem Brot hers Keepers-Song über Adriano, dessen Refrain Naidoo eingesungen hat, ist dies eine bemerkenswerte Wendung.

Linke Wurzeln

Als die Hip-Hop-Kultur mit ihren vier Elementen (Graffiti, Djing, Break-Dance und eben Rap-Musik) entstand, diente sie der Überwindung sozialer und “ethnischer” Unterschiede. Es war das Schaffen rassistisch marginalisierter Menschen in Amerika. Das war auch in Deutschland zu spüren. 1992 veröffentlichte die Crew Advanced Chemistry den SongFremd im eigenen Land”, in dem sich die Rapper mit Ausgrenzungserfahrungen und Rassismus auseinandersetzen. Auch die Stuttgarter Formation Freundeskreis transportierte über ihre Songs linke und antirassistische Inhalte. Aufgegriffen wurde dies von der Gruppe Brothers Keepers, eine lose Vereinigung überwiegend afrikanischstämmiger Rapper. Ihre bekannteste Single warAdriano”. Der Song thematisiert den Tod von Alberto Adriano, der 2000 in Dessau von Neonazis zusammengeschlagen wurde und an den Folgen des Angriffs verstarb. Für Fler steht indes wieder business as usual an. In regelmäßigen Abständen lässt er Provokationen fallen, sonnt sich im kurzzeitigen Aufmerksamkeitsschub, veröffentlicht ein halbgares Dementi und macht weiter wie bisher. Der antirassistische Grundkonsens, der die Hip-Hop-Szene einmal ausgemacht hat, ist schon lange passé. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen ist einer blutleeren Profilierungssucht gewichen, die mittlerweile den Mainstream beherrscht. Linke Inhalte sind heute eher die Ausnahme und finden sich vor allem bei Bands, die den großen Durchbruch noch nicht geschafft haben oder ihn überhaupt nicht wollen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Düsseldorfer Antilopen Gang, die in ihren Songs Rassismus und Antisemitismus anprangern, aber auch Nationalismus und Verschwörungstheorien behandeln. Auch Künstler*innen wie Lena Störfaktor und Sookee gehören in diese Reihe.

Der Sarrazin des Rap?

Fler betont in Interviews gerne, wie schwierig es für einen Biodeutschen sei, unter Migrant*innen aufzuwachsen. Da müsse man sich nun mal behaupten, und dazu gehöre auch, seine Herkunft herauszustellen. In einem Interview mit dem Hip-Hop-Magazin Juice erklärt er: “Immer wenn jemand »Ich bin Deutscher« sagt, denkt man an Volksmusik und Sauerkraut, aber mit diesem Deutschland habe ich nichts zu tun. Ich bin mit Ausländern aufgewachsen und bin im Vergleich zu dir eigentlich ein Kanake. Aber ich will trotzdem nicht so tun, als wäre ich ein Ausländer. Die Türken selbst sehen sich allerdings zuallererst als solche, dadurch bin ich in meinem Freundeskreis automatisch der Deutsche. Ich komme gar nicht drum herum, mich mit meiner Nationalität zu beschäftigen.” Das Hip-Hop-Magazin Juice stellte daraufhin die provokante Frage, ob Fler gar der “Sarrazin des Rap” sei. Diese Frage wird Fler sicher bald wieder mit einer neuen Provokation beantworten. [Mnd]