Die Religion der Kritik der Religion

Foto: John Dill flickr-gobikey (CC BY 2)

Foto: John Dill flickr-gobikey (CC BY 2)

Seitdem es einer Gemeinde im uckermärkischen Templin gelang, ihr Hinweisschild behördlich genehmigt neben den christlichen Kirchen aufzuhängen, ist die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters wieder in aller Munde. Während dort regelmäßig sogenannte Nudelmessen stattfinden, sucht man im Ruhrgebiet vergeblich nach einer Gemeinde. Und das, obwohl der Templiner Bruder Spaghettus bereits mehrmals zu Missionszwecken anreiste. Beim Verein „Religionsfrei im Revier“, der damals zur Nudelmesse einlud, haben wir nachgefragt, warum die atheistische Religion hier noch nicht Fuß fassen konnte.

Jörg Schnückel ist nicht nur Mitbegründer von Religionsfrei im Revier, sondern auch im Vorstand des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) und leitet eine Regionalgruppe der Giordano Bruno-Stiftung, die sich für einen evolutionären Humanismus einsetzt. Die Vereinsmeierei scheint ihm Freude zu bereiten. Schnückel erzählt Anekdoten über verschiedene Mitglieder. Einer sei parteilos als atheistischer Bürgermeisterkandidat in der Kleinstadt Werl angetreten, ein Anderer habe Pfarrer werden wollen, bis Kirchenobere ihm erklärten, dass ihnen egal sei, was er glaube, solange er nur die kirchliche Lehre predige.

Schnückel schwärmt von den anregenden Diskussionen unter Gleichgesinnten, macht aber deutlich, dass auch Agnostiker*innen oder Vertreter*innen der Kirchen bei den Veranstaltungen willkommen seien. „Wir wollen im Gespräch bleiben und für Pluralismus werben. Wir haben keine ewige Wahrheit oder frohe Botschaft, dafür aber Wissenschaft, Philosophie und Kunst“, sagt er nicht ohne Pathos. Religionsfrei im Revier gibt es seit 2010. Obwohl es sich eher um einen klassisch atheistischen Verein als um eine Pastafari-Gemeinde handelt, veranstaltete man mit Bruder Spaghettus aus Templin, dessen „Schildbürgerstreich“ zuletzt durch die Medien ging, bereits drei Nudelmessen im Ruhrgebiet. „Einige wollten weitermachen, bisher traut sich aber niemand, die Zeremonien zu leiten“, erklärt Schnückel. Man warte noch auf Aktive.

In den vergangenen zwei Jahren zeigte der Verein am Karfreitag den Monty Python-Film „Life of Brian“, um gegen die sogenannten Stillen Feiertage zu protestieren. An diesen Tagen sind nämlich nicht bloß laute Partys verboten, sondern auch öffentliche Vorführungen von Filmen oder Theaterstücken, die dem heiligen Ernst der kirchlichen Feiertage nicht entsprechen. Diese bezeichnet Schnückel als „staatlich verordnete Depression“, der man mit Humor entgegentreten wollte. „Es gibt viele Weltanschauen, aber die Kirchen schreiben der Bevölkerung vor, wann sie lustig und traurig zu sein haben“, so Schnückel. Obwohl derzeit noch ein Bußgeldverfahren läuft, geht er davon aus, dass dieses wieder eingestellt wird. Wie bereits im vergangenen Jahr seien dem Verein 1.300 Euro Strafe angedroht worden. „Die Stadt kann sich öffentlich nur negativ verhalten. Entweder sie ist inkonsequent oder sie macht sich lächerlich.“

Jörg Schnückel lenkt das Gespräch immer wieder auf US-amerikanischen Kreationist*innen, die den biblischen Schöpfungsmythos wörtlich nehmen. Demgegenüber lobt er die Philosophie, die sich von Metaphysik und Transzendenz verabschiedet habe und stattdessen naturwissenschaftliche Erkenntnisse interpretiere. Die Theologie sei dagegen eher ein Rhetorikkurs. Nebenbei streut er ein, dass naturwissenschaftliche Nobelpreise überdurchschnittlich häufig an Atheist*innen verliehen würden. Schnückel interessiert sich für die Welt als ein materielles Phänomen. Universum, Urknall und Evolution scheinen seine großen Fragen zu sein. „Wir werden seit Jahrhunderten trainiert, an einen höheren Sinn zu glauben, anstatt an evolutionäre Prozesse“, sagt er rebellisch. Schnückel hält es zwar für unmöglich, sich immer völlig rational zu verhalten, aber auch hierfür hat der Atheist direkt eine naturwissenschaftliche Erklärung parat: „Einige Bereiche im Gehirn werden emotional angesteuert. Das macht Menschen aus, sonst wären sie Roboter. Bei einem Sonnenuntergang ist schließlich die ganze Romantik dahin, wenn man ihn rational betrachtet.“